Alarmstufe rot
Schneesturm stürzt Spanien ins Chaos – mindestens drei Tote

Madrid und das östliche Spanien wird derzeit von einem katastrophalen Schneesturm heimgesucht. Es fiel annähernd ein halber Meter Schnee. Und es soll bis Sonntag weiter und heftig schneien.

Ralph Schulze, Madrid
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Ein Mann nutzt den Schnee als Skipiste.

Ein Mann nutzt den Schnee als Skipiste.

EPA/RODRIGO JIMENEZ

«Die Lage ist sehr schlimm», berichtet Madrids Bürgermeister José Luis Martínez-Almeida am Samstagnachmittag. Immer noch seien Hunderte von Autofahrern, die am Freitagabend auf den Ringautobahnen der Hauptstadt von einem gigantischen Schneesturm «Filomena» überrascht worden waren, eingeschlossen. Seit Samstagmorgen kämpften sich Soldaten mit schwerem Räumgerät zu den in ihren Fahrzeugen Gefangenen vor. Bis zum Nachmittag hatten sie rund 1000 Autofahrer befreien können.

Der Schneesturm «Filomena» hatte schon am Freitagabend den Verkehr komplett zum Erliegen gebracht

Die Metropole, in der 3,3 Millionen Menschen leben, war am Samstagmorgen mit einer apokalyptischen Stille erwacht. Über Nacht hatte war annähernd ein halber Meter Schnee über der Stadt niedergegangen und hatte Straßen wie Häuser mit einer dicken weißen Schicht überzogen. Es war der größte Schneefall in der Stadt seit Beginn der Wetteraufzeichnung, hieß es. Kein Verkehrslärm weckte, wie eigentlich üblich, die Bewohner. Keine Autos und Busse füllten die Straßen. Stattdessen sah man Skifahrer, die sich ihren Weg durch den Schnee bahnten.

Der Schneesturm «Filomena »hatte schon am Freitagabend den Verkehr komplett zum Erliegen gebracht. Binnen weniger Stunden waren alle innerstädtischen Straßen und umliegenden Autobahnen blockiert. Nicht einmal Krankenwagen, die Feuerwehr und Räumfahrzeuge kamen durch. Auch der Bus- und Bahnverkehr brach zusammen. Der internationale Flughafen, das größte Drehkreuz der Nation wurde geschlossen; auch dort hingen tausende Reisende fest. Die Hauptstadt war am Samstag von der Außenwelt abgeschlossen.

«Bitte bleiben Sie zu Hause», bat Bürgermeister Almeida die Bevölkerung. «Draußen auf der Straße ist es gefährlich.» Von den Hausdächern gingen Schneelawinen auf die Bürgersteige nieder. Hunderte Äste und Bäume krachten unter der Schneelast auf die Straßen. Eisiger Wind verwandelte manche Bürgersteige und Fahrbahnen in Rutschbahnen. Meterhohe Schneewehen hatten sich mancherorts aufgetürmt. Trotzdem ließen es sich viele Stadtbewohner nicht nehmen, wenigstens zu einem historischen Erinnerungsfoto vor die Tür zu gehen.

Die Lage könnte sich über das Wochenende weiter zuspitzen, warnte Almeida

Heftiges Schneegestöber sorgte am Samstag dafür, dass die Schneedecke immer dicker wurde. Hinzu gesellt sich ein Temperatursturz, die nächsten Tage soll die Quecksilbersäule auf zehn Grad unter null stürzen. Angesichts der chaotischen Lage ordnete die lokale Regierung der Großstadtregion an, dass Schulen, Universitäten und andere öffentliche Einrichtungen wenigstens bis zum Dienstag geschlossen bleiben. Eigentlich sollten, trotz steil ansteigender Coronakurve, der Lehrbetrieb am Montag wieder starten.

Unterdessen gingen auch am Samstagnachmittag noch Hilferufe von Menschen ein, die in der Umgebung Madrids seit mehr als 18 Stunden in ihren Fahrzeugen eingeschlossen waren. «Kein Räumfahrzeug ist hier vorbeigekommen», berichtete per Handy eine Frau im staatlichen Radio. Auch keine Helfer, um sie und andere Eingeschlossene mit Decken oder Nahrung zu versorgen. «Ich habe nur noch wenig Benzin», sagt die verzweifelte Autofahrerin, die auf der Ringautobahn Madrids stand. Und ohne Benzin habe sie auch keine Heizung mehr. Auf etlichen Fernstraßen östlich und nördlich Madrids sah es ähnlich dramatisch aus.

Spanischen Rettungskräfte überfordert

Die spanischen Rettungskräfte waren völlig überfordert. Zumal auch ihre Fahrzeuge vielerorts im Schnee stecken blieben. Wer den Notruf anwählte, hörte in der Regel nur ein Besetztzeichen. Und wenn schließlich doch der Hörer abgenommen wurde, kam die Antwort: «Wir sind völlig überlastet. Sobald wir können, kommen wir zu Ihnen.» Nicht wenige Autofahrer ließen ihre manövrierunfähigen Fahrzeuge auf den Straßen zurück und versuchten zu Fuß weiterzukommen.

In der spanischen Hauptstadt, in der normalerweise nur selten ein paar Flocken vom Himmel rieseln, gibt es nur wenig Räumfahrzeuge. Und praktisch kein Fahrzeug ist mit Winterreifen ausgerüstet. Einige wenige Autofahrer hatten Ketten im Kofferraum, was ihnen aber auch nicht half, weil querstehende Fahrzeuge vor ihnen die Fahrbahn blockierten.

Seit Tagen hatten die Meteorologen vor dem Schneeunwetter, das sich auf die Hauptstadt zubewegte, gewarnt. Doch auch dies verhinderte nicht, dass «Filomena» für dramatische Szenen sorgte. «Wir wussten zwar, dass es einen heftigen Schneesturm geben würde», bekannte betroffen Spaniens Verteidigungsministerin, Margarita Robles.

Aber Filomena wütet schlimmer als wir gedacht haben.

Auch am Samstagnachmittag war die Lage noch unübersichtlich. Aus Madrid wurde bisher ein Todesopfer gemeldet. «Eine Person, die vom Schnee verschüttet worden ist», teilten die Rettungsbehörden knapp mit. In der südspanischen Stadt Mijas wurden zwei weitere Unwettertote gemeldet. In Südspanien machte sich «Filomena» nicht als Schneesturm, sondern als Starkregen bemerkbar, der Städte und Dörfer unter Wasser setzte. Die beiden Todesopfer sind ein Ehepaar, das in ihrem Fahrzeug von einem Sturzbach mitgerissen wurde.

Weitere Opfer werden nicht ausgeschlossen. Hunderte kleinere Dörfer in der Umgebung Madrids waren am Samstagnachmittag noch von der Außenwelt isoliert. Zahlreiche Autofahrer wurden vermisst. Ein Behördensprecher versprach: «Wir werden alle Personen in Not retten.» Die Frage sei nur, wann dies geschehen könne.