Vierfachmord Rupperswil
Schriftliches Urteil gegen Thomas N.: Aargauer Richter verteidigen ihre Streitkultur

Das schriftliche Urteil zum Vierfachmord von Rupperswil gibt einen seltenen Einblick in die Meinungsunterschiede von Gerichten. Abgedruckt ist auch die Sichtweise der unterlegenen Richter.

Andreas Maurer
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Der Angeklagte Thomas N. (hinten) und Verteidigerin Renate Senn am zweiten Prozesstag in Schafisheim.
31 Bilder
Hier fand der Prozess gegen Thomas N. statt.
Der Angeklagte Thomas N. und seine Pflichtverteidigerin Renate Senn am ersten Prozesstag.
Opferanwalt Markus Leimbacher in seinem Plädoyer am zweiten Prozesstag: «Thomas N. kann auch Richter, Therapeuten und Gutachter manipulieren.»
Nach dem ersten Prozesstag Ein ziviles Polizeifahrzeug der Kantonspolizei Aargau verlässt mit Thomas N. im Wagen die Tiefgarage der Mobilen Polizei.
Staatsanwältin Barbara Loppacher in ihrem Plädoyer am zweiten Prozesstag: «Er redet sich und die ganze Welt schön.»
Zwischenfall während der Mittagspause am Dienstag: Ein religiöser Eiferer fordert lautstark die Todesstrafe für Thomas N. und wird von der Polizei abgeführt.
Staatsanwältin Barbara Loppacher: «Es liegt keine psychische Störung vor, mit der die Morde erklärt werden können. Somit liegt keine Störung vor, die therapiert werden kann. Der Beschuldigte ist folglich untherapierbar.»
Thomas N. am ersten Prozesstag: Er spricht deutlich, verliert nie die Fassung.
«Ich bin pädophil», sagt der geständige 34-Jährige vor Gericht.
Er wünsche sich eine Therapie, gibt er zu Protokoll.
Das Gericht: René Müller (SVP), Margrit Kaufmann (CVP), Schreiber Lukas Fischer, Präsident Daniel Aeschbach (SVP), Marianne Bitterli (SVP), Luca Cirigliano (SP).
Thomas N. (Mitte) verfolgt den Prozess neben seiner Anwältin Renate Senn.
Kopie von Die Bilder vom Rupperswil-Prozess
Thomas N. vor Gericht.
Die Richter hören Gutachter Josef Sachs zu.
Staatsanwältin Barbara Loppacher (vorne).
Der Angeklagte Thomas N. und seine Pflichtverteidigerin Renate Senn am ersten Prozesstag.
Blick in den Gerichtssaal mit dem Angeklagten Thomas N. (rechts aussen).
Vor dem Prozessbeginn: Nicole Payllier, Sprecherin der Gerichte Aargau, begrüsst Opferanwalt Markus Leimbacher begrüssen sich.
Tim Hemmi, ehemaliger FC-Aarau-Profi, beobachtet den Prozess als Jus-Student.
Roland Wenger, Sprecher der "Seetal Selection", einem Verbund der Juniorenteams des SC Seengen und des FC Sarmenstorf, wo Thomas N. als Koordinator tätig war.
Ein Gerichtszeichner skizziert erste Szenen vor dem Gebäude.
In den Räumen der Mobilen Polizei in Schafisheim findet der Prozess statt.
Journalisten vor dem Eingang.
Aufmarsch der Kantonspolizei Aargau.
Zuschauerin Annina Sonnenwald.
Der Prozess gegen N. dauert voraussichtlich vier Tage.
Weitere Bilder aus Schafisheim.

Der Angeklagte Thomas N. (hinten) und Verteidigerin Renate Senn am zweiten Prozesstag in Schafisheim.

Marco Tancredi

Marianne Heer, Strafrechtsprofessorin und Luzerner Oberrichterin, kritisierte in einer ersten Reaktion, dies entspreche nicht den Gepflogenheiten der Schweizer Justiz.

In der Schweiz können die Gepflogenheiten allerdings ändern, sobald man eine Kantonsgrenze überquert. So befugt das Aargauer Gerichtsorganisationsgesetz die Gerichte explizit, abweichende Minderheitsmeinungen in die Urteilsbegründung zu integrieren.

Damit wollen die Aargauer Gerichte der zumindest teilweise in der juristischen Literatur vertretenen Forderung nach Transparenz und Fairness in Gerichtsverfahren nachkommen, wie eine Sprecherin erklärt. Die Gerichte der Kantone Zürich, Schaffhausen und Waadt zum Beispiel haben diese Möglichkeit ebenfalls.

Der Vierfachmord von Rupperswil – von der Tat bis zum Urteil:

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis zum Urteil: Am 21. Dezember 2015 wird Rupperswil zum Schauplatz eines der grausamsten Mordfälle in der Schweizer Kriminalgeschichte.
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Als die Feuerwehr zu einem Brand in einem Haus an der Lenzhardstrasse ausrückt, können die Einsatzkräfte nicht ahnen, was auf sie zukommt.
In diesem Haus entdecken die Feuerwehrleute vier verkohlte Leichen.
Wenig später nehmen Ermittler und Spurensicherung ihre Arbeit auf.
Zwei Tage nach den Morden teilt die Polizei mit: Bei den Opfern handelt es sich um Carla Schauer (†48), ihre beiden Söhne Davin (†13) und Dion (†19) ...
... sowie um die Freundin des älteres Sohnes, Simona (†21).
Rupperswil steht unter Schock. Vom Täter fehlt jede Spur.
Die Menschen im Dorf nehmen Anteil am Schicksal der Opfer: Zeichen der Anteilnahme vor dem Haus, in dem die Taten geschahen.
Viele Kerzen beim Haus der Opfer sind für diese angezündet.
8. Januar 2016: In Rupperswil findet ein Gedenk-Gottesdienst für die Opfer statt.
Rund 500 Personen wohnen dem Trauer-Gottesdienst bei. Wegen des grossen Andrangs müssen rund 200 Gäste den Gottesdienst vom Saal des Kirchgemeindehauses aus verfolgen.
18. Februar 2016: Staatsanwaltschaft und Polizei informieren erstmals ausführlich über die Geschehnisse in Rupperswil an einer Pressekonferenz. Im Bild Staatsanwältin Barbara Loppacher und Kripo-Chef Markus Gisin.
An dieser Pressekonferenz setzen die Behörden eine Belohnung von bis zu 100'000 Franken für Hinweise auf die Täterschaft aus.
Mit Flugblättern (in 7 Sprachen) sucht die Polizei nach Zeugen und Hinweisen.
Auf dem Flugblatt ist auch dieses Bild von Carla Schauer (†48) zu sehen, aufgenommen von einer Überwachungskamera: Sie hebt am Tattag um 9.51 Uhr Geld an einem Bankschalter in Wildegg ab. Es sind 9850 Franken.
Später veröffentlicht die Polizei auch dieses Bild: Carla Schauer hebt um 10.10 Uhr an einem Geldautomaten in Rupperswil 1000 Euro ab.
April 2016: Die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY – ungelöst" macht Filmaufnahmen zum Mordfall von Rupperswil. Der Beitrag soll bald ausgestrahlt werden – doch dazu kommt es nicht mehr.
13. Mai 2016: Fast fünf Monate nach dem Tötungsdelikt laden Polizei und Staatsanwaltschaft kurzfristig zu einer zweiten grossen Pressekonferenz ein.
Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht enthüllt: "Der Täter ist gefasst. Es handelt sich um einen 33-jährigen Schweizer aus Rupperswil, der nicht vorbestraft ist."
Der Starbucks in Aarau: Hier nahm die Polizei Thomas N. fest.
Das ist er: Thomas N., neben dem Haus der Familie Schauer in Rupperswil. (Fotomontage)
Thomas N. war jahrelang Fussball-Trainer und betreute C-Junioren. Die Junioren, ihre Familien und die Vereinsmitglieder sind geschockt.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
In diesem Haus in Rupperswil – nur wenige Meter vom Haus der Familie Schauer entfernt – wohnte Thomas N. zusammen mit seiner Mutter.
Bei Thomas N. zu Hause fand die Polizei diesen Rucksack samt Utensilien. Sie liessen befürchten, dass er eine nächste Tat bereits geplant hatte.
7. September 2017: Staatsanwältin Barbara Loppacher von der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau erhebt Anklage.
Wenige Tage nach der Ergreifung des Täters wird bekannt: Die Rechtsanwältin Renate Senn wird Thomas N. als amtliche Verteidigerin vor Gericht vertreten.
Thomas N. sitzt im Gefängnis Pöschwies in Regensdorf in Haft.
Der Prozess vor dem Bezirksgericht Lenzburg fand aus Platzgründen im Polizeigebäude in Schafisheim statt. 65 Medienschaffende und 35 Zuschauer verfolgten ihn.
Den Kopf hat er meist auf seine rechte Hand gestützt, mit Zeigfinger und Daumen hält er sich die Nasenwurzel.
Das Gericht: René Müller (SVP), Margrit Kaufmann (CVP), Schreiber Lukas Fischer, Präsident Daniel Aeschbach (SVP), Marianne Bitterli (SVP), Luca Cirigliano (SP).
Blick in den Gerichtssaal mit dem Angeklagten (rechts aussen).
Thomas N. vor Gericht.
Brief-Ausschnitt: Thomas N. schrieb den Angehörigen einen Brief – aber ohne das Wort "Entschuldigung" zu verwenden. Während des Prozesses wurde dies bekannt.
Thomas N. am ersten Prozesstag: Er spricht deutlich, verliert nie die Fassung.
Staatsanwältin Barbara Loppacher (vorne).
«Ich bin pädophil», sagt der geständige 34-Jährige vor Gericht.
Der vierfache Mörder von Rupperswil AG (Bildmitte) soll verwahrt werden. Das Bezirksgericht Lenzburg verhängte eine lebenslängliche Freiheitsstrafe und ordnete eine ordentliche Verwahrung an.
Gerichtszeichung von Thomas N. bei der Urteilsverkündung am Freitag.
Gegen das Urteil erhob Thomas N. Berufung. Er wehrte sich gegen die ordentliche Verwahrung. Daraufhin erklärte auch die Staatsanwaltschaft Anschlussberufung: Sie fordert erneut eine lebenslange Verwahrung für den Vierfachmörder.
Am 13. Dezember kam es zum Prozess vor dem Aargauer Obergericht. Dieses entschied, dass der Vierfachmörder von Rupperswil ordentlich verwahrt wird, aber keine ambulante Massnahme (Therapie) erhält.
Thomas N. wohnte der Berufungsverhandlung nicht bei. Sein Gesuch, in dem er darum bat, von den Gerichtsverhandlungen dispensiert zu werden, wurde gutgeheissen.
Staatsanwältin Barbara Loppacher ist zufrieden mit dem Urteil des Obergerichts.

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis zum Urteil: Am 21. Dezember 2015 wird Rupperswil zum Schauplatz eines der grausamsten Mordfälle in der Schweizer Kriminalgeschichte.

SEVERIN BIGLER

Doch der Vorgang ist sehr selten. In den allermeisten Fällen kommen Urteile einstimmig zustande. Und in den wenigen Fällen von Meinungsunterschieden können sich die Richter in der Regel auf eine einheitliche Argumentationslinie einigen. Das Aargauer Obergericht schätzt, dass es in nur 25 seiner über 3000 jährlich gefällten Entscheide eine Minderheitsmeinung publiziert.

Der Zürcher Strafrechtsprofessor Daniel Jositsch sagt auf Anfrage, die Publikation einer Minderheitsmeinung könne Sinn machen, wenn die umstrittene Rechtsfrage für die nächste Instanz von Interesse sei.

Zum Rupperswil-Urteil meint er: «In diesem Fall sehe ich dafür keine Notwendigkeit.» Bei der umstrittenen Rechtsfrage geht es um eine lebenslängliche Verwahrung, die von der Mehrheit abgelehnt worden ist. Das werde auch das Bundesgericht gleich sehen; die Rechtsprechung dazu sei klar, so Jositsch. Er sagt: «In diesem Fall geht es den unterlegenen Richtern eher darum, dass sie in der Öffentlichkeit gut dastehen wollen.»

Die Protagonisten im Prozess gegen Vierfachmörder Thomas N.:

Protagonisten im Prozess zum Vierfachmord Rupperswil
8 Bilder
Daniel Aeschbach.
Thomas N.
Barbara Loppacher.
Renate Senn.
Opferanwalt: Markus Leimbacher. Leimbacher vertritt die Angehörigen von Carla, Davin und Dion Schauer.
Roland Miotti
Gutachter: Josef Sachs. Der forensische Psychiater hat Thomas N. in den letzten Monaten mehrmals getroffen, alle Akten studiert und ein Gutachten verfasst. Unabhängig davon hat auch der forensische Psychiater Elmar Habermeyer ein zweites Gutachten verfasst. Von diesen Berichten und den Befragungen, die das Gericht am ersten Prozesstag mit den Psychiatern durchführen wird, verspricht man sich Klarheit darüber, ob bei N. eine psychische Störung vorliegt. Dies wird entscheidend sein, wenn es um die Frage geht, ob N. verwahrt werden soll.

Protagonisten im Prozess zum Vierfachmord Rupperswil

AZ/ZVG (Fotomontage)

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