Rahmenabkommen

Schweiz - EU: Zeichen stehen auf Sturm – oder wird es doch bloss ein Sommergewitter?

«Wir erwarten keine wesentlichen Fortschritte bis zum Oktober», sagt Gewerkschaftsbund-Präsident Pierre-Yves Maillard.

«Wir erwarten keine wesentlichen Fortschritte bis zum Oktober», sagt Gewerkschaftsbund-Präsident Pierre-Yves Maillard.

Falls jemand gedacht hat, Gewerkschaftsboss Pierre-Yves Maillard sei am Donnerstag nach Brüssel gereist, um in letzter Minute einen Deal mit der EU-Kommission auszuhandeln, hat er sich getäuscht. Das Gegenteil war der Fall: Maillard liess sich beim Widerstand gegen das institutionelle Rahmenabkommen vom Europäischen Gewerkschaftsbund (EGB) den Rücken stärken. «Die flankierenden Massnahmen der Schweiz dürfen nicht dem Dogma des Marktes geopfert werden», heisst es kämpferisch in einer EGB-Erklärung. Das Ziel müsse es vielmehr sein, den Lohnschutz in Europa auf das Niveau der Schweiz anzuheben. Die EU-Kommission und die Mitgliedsstaaten hätten zu akzeptieren, dass die flankierenden Massnahmen vom Rahmenabkommen ausgeschlossen werden müssen.

Dass er auch in den kommenden Gesprächen mit dem Bundesrat, dem Arbeitgeberverband und den Kantonen nicht von dieser Position abrücken werde, machte der ehemalige Waadtländer Staatsrat im Gespräch mit Journalisten deutlich: «Wir erwarten keine wesentlichen Fortschritte bis zum Oktober.» Wenn überhaupt, sei es die Kommission, die sich bewegen müsse. Gegenüber einem Treffen mit den EU-Beamten sei man weiter offen und habe das auch signalisiert. Allerdings könne es dabei nicht um mehr gehen, als die eigene Position zu erklären. Maillard: «Verhandeln ist die Aufgabe des Bundesrates». Und selbst wenn Maillard hätte etwas regeln wollen: Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und sein Team weilen im japanischen Osaka am G20-Gipfel. Zwischen den Schweizer Gewerkschaften und der EU-Kommission liegen im Moment wortwörtlich Ozeane.

Gleichzeitig wurde klar, dass die EU die Anerkennung der Schweizer Börse per 1. Juli definitiv auslaufen lässt. Dies stellte Aussenminister Ignazio Cassis in einem Interview in Aussicht und wurde in Brüssel schon seit Tagen mehr oder weniger offen bestätigt. Damit dürfen ab Montag keine Aktien von EU-Unternehmen mehr in der Schweiz gehandelt werden. Im Gegenzug verbietet die Schweiz den Handel mit Schweizer Aktien an EU-Börsen. Wie der Markt im Detail reagieren wird, ist unklar. Es ist aber davon auszugehen, dass die meisten Akteure sich bereits auf die neue Situation eingestellt haben.

EU-Länder wenig erfreut

Schwieriger einzuschätzen ist, wie stark die politische Entfremdung zwischen Bern und Brüssel voranschreiten wird. Deutschland, Österreich, Italien und Luxemburg hatten sich bei einem Treffen der EU-Botschafter am Mittwoch schon wenig erfreut gezeigt über die Richtung, in welche sich die Dinge bewegen. Vor allem hätte man es anscheinend gerne gehabt, wenn man von Junckers Leuten besser informiert worden wäre. Befürchtet wird auch, dass das Schweizer Parlament nun die Kohäsionsmilliarde blockieren wird, was das Klima zusätzlich belasten könnte. Pierre-Yves Maillard fordert denn auch, dass die Schweiz die Kohäsion trotz Entzug der Börsenanerkennung auf den Weg bringt und so guten Willen und Solidarität beweise.

Ob die Zeichen zwischen Brüssel und Bern nun wirklich auf Sturm stehen oder ob es doch bloss zu einem kurzen Sommergewitter kommt, wird sich zeigen. Dossier-Kenner halten es auch für möglich, dass sowohl die EU wie die Schweiz mit ihren harten Haltungen das Gesicht wahren und sich so beide wieder selbstbewusst an einen Tisch setzen können. Wahrscheinlich ist aber, dass vor September kaum mehr viel geschieht. Anfang Juli geht der Bundesrat in Sommerpause, und im August sind bei der EU-Kommission in Brüssel die Beamten verreist.

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