Walter Haffner

Schweizer Botschafter in der Türkei gibt sich als Erdmännchen aus

Walter Haffner, das Erdmännchen: sein Profilbild im bundesinternen Online-Telefondienst.

Walter Haffner, das Erdmännchen: sein Profilbild im bundesinternen Online-Telefondienst.

Er hat den schwierigsten Posten von allen Schweizer Botschaftern: Walter Haffner, unser Mann in der Türkei. Ein echter Paradiesvogel.

«Ich kann und möchte es nicht ändern: Ich bin ein Erdmännchen», schreibt Walter Haffner, Schweizer Botschafter in Ankara, am 15.  März in einer E-Mail an den Informatikdienst des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA).

Einige Tage zuvor hat der türkische Aussenminister Mevlüt Cavusoglu einen Auftritt im Kanton Zürich abgesagt, einige Tage später reist er doch noch in die Schweiz und trifft Bundesrat Didier Burkhalter. Am vergangenen Samstag dann halten linksautonome Kreise bei einer Demonstration auf dem Bundesplatz ein Transparent in die Höhe, das zur Erschiessung des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan aufruft.

Botschafter Haffner wird ins Aussenministerium zitiert, die türkische Justiz beginnt wegen Mitgliedschaft in einer Terrororganisation, Propaganda für eine Terrororganisation und Beleidigung des Präsidenten zu ermitteln. Kurzum: Am Tag, an dem Haffner per E-Mail an seinem Dasein als Mensch zweifelt, steuert das schweiz-türkische Verhältnis auf den Tiefpunkt zu.

Des Botschafters Feinde

Gleichentags postet Spitzendiplomat Haffner den Schriftverkehr mit der Berner Zentrale auf seinem privaten Blog. «Ich bin vor 30 Jahren als Erdmännchen zum Concours angetreten und ich werde in ein paar Jahren als Erdmännchen pensioniert werden», schreibt der 59-Jährige darin. Um seinen Beruf ausüben zu können, habe er lediglich seine Ernährung ein wenig umstellen müssen, «da Insekten, Skorpione, Schnecken, Nager und Reptilien bei diplomatischen Einladungen eher selten serviert werden. Dafür kommen auch Falken, Schakale und Schlangen (meine natürlichen Feinde) in den Kreisen, in denen ich mich beruflich bewege, eher selten vor. Oder höchstens im übertragenen Sinn.»

Der Grund für das seltsame Schreiben: Anfang Jahr war der Botschafter von der EDA-Informatikabteilung aufgefordert worden, ein neues Profilbild für den bundesinternen Online-Telefondienst einzusenden. Haffner reagierte auf seine Art: Er schickte ein Bild eines Erdmännchens, auf das er via Google-Bildersuche gestossen war. In Bern verstand man keinen Spass und forderte Haffner ultimativ auf, bis Mitte April ein neues Bild zu hinterlegen. Andernfalls werde das aktuelle Bild gelöscht.

Traurig zurück in die Höhle

Haffner widersetzt sich der Anweisung. «Erdmännchen werden auf freier Wildbahn maximal 15 Jahre alt, im Zoo höchstens 12», antwortet er. «Es gibt keine statistischen Erhebungen über das Lebensalter von Erdmännchen im diplomatischen Dienst. Ich könnte Ihnen nicht einmal sagen, wie viele wir sind. Tatsache ist, dass ich das für Erdmännchen übliche Alter schon lange überschritten habe.» Er nehme jeden weiteren Tag als Gunst und Gnade, und so werde er es auch mit den Tagen halten, die seinem Bild noch verblieben, bis es vom Intranet genommen werde. Als Feind betrachten werde er die Informatikabteilung nicht, sollte sie ihre Drohung wahr machen. «Aber ich werde am Abend des 14. April traurig sein, wenn ich in meine Höhle zurückkehre.»

Mit Humor gegen Erdogan

So schwer nachzuvollziehen die Gedanken Haffners sind, so klar macht die Episode: Der Schweizer Botschafter in der Türkei verfügt über viel Humor – eine Eigenschaft, die im Umgang mit Erdogans Regime so schlecht nicht ist.
Entsprechend beliebt ist Haffner in Ankara, glaubt man etlichen online verfügbaren Berichten über Diplomatenpartys, die der Lebemann aus Zürich-Höngg mit seiner Ehefrau Tamar Almagor veranstaltete. Die Israelin hatte er 2010 kennen gelernt, als er Botschafter in Tel Aviv war. Wenig später lehnte er wegen ihr eine Versetzung in die iranische Hauptstadt Teheran ab. Bei der nächsten Station sollten weder ihre Staatsangehörigkeit noch seine Lebensfreude ein Problem darstellen: Im Sommer wechselt Haffner nach Wien.

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