Schweizer Psalm

Schweizer Nationalhymne: Die Mehrheit könnte mit einem anderen Hymnentext leben

Es gibt Leute, denen wäre es egal, einen anderen Hymnentext zu singen.

Es gibt Leute, denen wäre es egal, einen anderen Hymnentext zu singen.

Eine neue Nationalhymne schreiben? Es gibt Leute, die dafür viel Zeit und Geld aufwenden. Bei Bundesrat und Parlament blitzen sie aber ab.

Was wird wohl Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga denken, wenn sie am Samstag auf dem Rütli steht und zur 1.-August-Feier die Schweizer Hymne vorgetragen wird? Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft, die die Rütli-Feier organisiert, wird nämlich nicht nur «Trittst im Morgenrot...» singen lassen.

Vor der Bundespräsidentin wird noch ein zweiter Text gesungen; ein Text, gegen den sich Bundesrat und Parlament bisher gewehrt haben: Eine Version, die die Gemeinnützige Gesellschaft vor Jahren in einem Wettbewerb zum neuen Hymnentext wählen liess. Von dieser Aktion wollten Bundesrat und Parlament zwar nichts wissen; sie wollen bei der gewohnten Hymne bleiben. Doch die Diskussion war mit dem Wettbewerb angestossen. Und sie hört bis heute nicht auf.

Das bekommt man auch bei der zuständigen Verwaltungsstelle in Bern, dem Bundesamt für Kultur, zu spüren. Mehrfach hat sich dort nämlich ein Rentner aus der Zentralschweiz gemeldet, der einen Text geschrieben hat. Gar Bundesrat Alain Berset hat von ihm Post erhalten.

80 Prozent der Leute würden den aktuellen Text nicht mitsingen, benennt der Mann seinen Antrieb, in mehrjähriger Arbeit eine Nationalhymne zu schreiben. Doch seine Briefe bewirkten bisher nichts. Weder Bundesrat noch Parlament wollten eine neue Hymne, beschied ihm zuletzt Amtschefin Isabelle Chassot. «Eine Weiterbehandlung Ihres Anliegens ist deshalb ausgeschlossen», schrieb sie.

Der 82-Jährige hat sich, entrüstet über die Rückweisung aus Bern, auch bei der Zeitung gemeldet. Denn der Mann hat einen Trumpf im Ärmel: Er hat Institute mit repräsentativen Umfragen beauftragt, um zu wissen, ob den Schweizerinnen und Schweizern seine Vorschläge gefallen.

Tausende Franken hat er ausgegeben. Die Hymne ist ihm etwas wert – so viel sogar, dass er am Ende seinen Namen nicht mehr in der Zeitung lesen will. Wenn nicht mindestens eine Seite für seinen Text möglich ist, dürfe nichts geschrieben werden, findet er. Zu wenig würdig. Aber immerhin war das Resultat seiner Umfrage klar: In der Umfrage sprachen sich 57 Prozent für seinen Text aus.

Was gehört in eine Schweizer Hymne?

Doch was schreibt jemand in eine neue Hymne? Die aktuelle Hymne möge schön sein, aber der Schweiz-Bezug fehle, hielt der Mann fest, bevor er nichts mehr sagen wollte. Jedes Alpenland könnte dieselbe Hymne nutzen.

Also: Was gehört hinein? Drei Dinge scheinen ihm wichtig: Das Schweizerische muss der Text betonen; Natur und Religion dürfen nicht fehlen. In seinem Text beschreibt der Rentner Elemente der Schweizer Demokratie oder den weltweiten Einsatz für den Frieden. Und auch der Schöpfer kommt vor.

Auf die Nennung Gottes hat er verzichtet, wird die Gesellschaft doch immer atheistischer. Seine Vorgabe war: Wichtige Wörter aus der Präambel der Bundesverfassung, etwa Freiheit oder Frieden, sollen vorkommen; so wie es auch die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft in ihrem damaligen Wettbewerb für einen neuen Hymnentext vorgegeben hatte.

Mit solchen Werten wird wohl auch Simonetta Sommaruga leben können, wenn sie morgen auf dem Rütli die «falsche» Hymne hört. So oder so steht bei ihrem Auftritt etwas anderes im Vordergrund: Statt 2000 geladener Gäste wird Sommaruga 54 Personen ehren, die während des Lockdowns im öffentlichen Verkehr, in Krisenstäben oder in Spitälern oder andernorts hilfreich gewirkt haben.

PS: Die Umfrage, die der Mann durchführen liess, zeigte übrigens auch: Eine Strophe genügt aus Sicht der meisten Schweizer bereits. Das ist eigentlich auch ohne Umfrage bekannt: Schon bei der ersten Strophe hapert es oft beim Singen.

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