Umfrage
Schweizer sind skeptisch gegenüber der Medizin der Zukunft

Technische Fortschritte machen es möglich: Über Gentests lässt sich das Risiko schwerer Krankheiten vorbestimmen - und auch verringern. Doch eine Umfrage zeigt eine grosse Skepsis in der Bevölkerung gegenüber personalisierter Medizin. Hinter der Abwehrhaltung steckt eine begründete Angst.

Anna Wanner
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Nicht jedes Medikament wirkt bei allen Patienten gleich. Dank neuer Technologien lässt sich Medizin personalisieren. Doch die Schweizer sind skeptisch.

Nicht jedes Medikament wirkt bei allen Patienten gleich. Dank neuer Technologien lässt sich Medizin personalisieren. Doch die Schweizer sind skeptisch.

Bild: Gaetan Bally/
Keystone

Nicht bei jedem Mensch wirkt ein Medikament auf dieselbe Weise, nicht jeder Mensch lebt mit demselben Risiko, an Krebs oder Alzheimer zu erkranken. Neue Technologien machen es zwar möglich, individuelle Risiken einer Erkrankung abzuschätzen und Therapien auf die Bedürfnisse jedes einzelnen Menschen auszurichten. Doch viele Personen sind noch nicht dazu bereit. Die sogenannt personalisierte Medizin steckt in der Schweiz noch in den Anfängen. Das zeigen eine quantitative Studie vom Forschungsinstitut Sotomo und vor allem eine qualitative Studie der Gesellschaft für Innovative Marktforschung (GIM), beide im Auftrag der Stiftung Sanitas.

Nur knapp jede siebte Person von 2090 Befragten in der Sotomo-Studie gibt an, eine klare Vorstellung von personalisierter Medizin zu haben. Dennoch würde fast die Hälfte das eigene Genom untersuchen lassen, wenn dies mit einem persönlichen Nutzen verbunden ist. Soweit die erste oberflächliche Erkenntnis In der qualitativen Studie von GIM, die mehr in die Tiefe geht, stellt sich dann aber heraus: Bereits der Begriff personalisierte Medizin wird von den meisten missverstanden.

Bei Babys sind Untersuchungen des Bluts heute Standard

Eine scharfe Definition gibt es nicht. Personalisierte Medizin will mittels vorhandenen Daten (etwa dem menschlichen Genom) dem Patienten präventiv, diagnostisch und therapeutisch helfen.

Zum Beispiel bei Babys gibt es heute eine standardisierte Anwendung. Das Blut im Neugeborenen-Screening wird auf seltene angeborene Erkrankungen untersucht. Unbehandelt können diese zu Organschäden, Behinderungen oder gar zum Tod führen. Indem man die Krankheiten frühzeitig erkennt, können sie besser behandelt werden. Schwere Folgen können vermieden oder zumindest gemindert werden.

Das Vertrauen der Bürger in den medizinischen Fortschritt ist heute zuweilen so klein, dass mögliche Vorteile für sie kaum erkennbar sind. Die Studie von GIM ergibt: Nebst Skepsis hegen die meisten Personen auch eine starke Abwehrhaltung. Sie bekunden Mühe mit der Idee, mithilfe von Gentests die Anfälligkeit für eine schwere Krankheit zu erkennen. Niemand will wissen, ob er später an Alzheimer oder Krebs erkrankt. Oder ob er ein höheres Risiko für einen Schlaganfall hat. Die dazugehörige Angst einer Diagnose und auch das Gefühl des Ausgeliefertseins aufgrund fehlender Therapien lösen zusätzliche Ablehnung gegen neue Technologien aus.

Angst vor Bigdata wenn es um die eigene Gesundheit geht

Weiter ist die Kontrolle über die eigenen Daten ein wichtiges Thema. Wer verwendet sie wie? Und werden sie nur zum eigenen Vorteil gebraucht? Oder gar für wirtschaftliche Zwecke weitergegeben? Ein Beispiel dafür liefern die Fitness-Apps der Versicherer. Zwar profitiert der Nutzer einer solchen App von Prämienabschlägen, er gibt aber seine Daten in fremde Hände. Solche Entwicklung nähren die Skepsis weiter.

Die meisten für die Studie befragten Experten zeigen Verständnis für die Zurückhaltung und Ängste der Bevölkerung. Es fehle an Wissen. Gerade bei der Verwendung von Daten des menschlichen Genoms müssten Patienten besonders aufgeklärt und beraten werden - unabhängig davon, ob die Informationen für Prävention oder Therapien eingesetzt werden.

Teure Therapien sind nur eine Seite der Medaille

Alt FDP-Ständerat und Arzt Felix Gutzwiller präsidiert die Stiftung Sanitas. Für ihn sind die Ergebnisse der Studie keine Überraschung. Er sagt:

«Die Skepsis in der Bevölkerung widerspiegelt mangelndes Wissen. Und sie widerspiegelt auch die Risiken, die mit einer negativen Diagnose einhergehen.»

Die Öffentlichkeit müsse deshalb besser aufgeklärt werden.

Das zeige sich auch bei der Kostenfrage. Die neuen Therapien sind teilweise exorbitant teuer. Wer sich mit deren Möglichkeiten auseinandersetzt, kommt aber zum Schluss, dass sie Erkrankten helfen können - und daher die Allgemeinheit dafür aufkommen muss. Stiftungspräsident Felix Gutzwiller sagt, dass sich über die neue Technik auch Kosten sparen liessen. Etwa bei der Therapie von Brustkrebs wirkt ein bestimmtes Medikament nur bei manchen Patientinnen, bei anderen gar nicht. Das lässt sich über das Genom herausfinden. Das sei ein grosser Fortschritt, nicht nur was die Kosten anbelangt. «Wir verhindern so auch, dass wir teure Medikamente mit der Giesskanne verteilen», sagt Gutzwiller. Dadurch müssten Betroffene nicht nur weniger Nebenwirkungen ertragen, auch würden so weniger falsche Hoffnungen geschürt und einen schnelleren Zugang zu anderen Therapien ermöglicht.

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