Zehntausende stecken täglich an Schweizer Tankstellen einen Zapfhahn in den Tank, in der Meinung, sie tankten 100 Prozent Benzin. Aber dem ist nicht so. Was kaum einer weiss: Die Mineralölkonzerne können an ihren Tankstellen Benzin verkaufen, das bis zu fünf Prozent Biotreibstoff enthält. Beim Biodiesel können es gar bis zu sieben Prozent sein. Dass sie dem herkömmlichen Benzin Biotreibstoffe beimischen, müssen die Tankstellen aber nicht deklarieren.

Dies, obwohl die Biotreibstoffe umstritten sind, denn es ist nicht klar, wie sie sich auf den Verbrauch auswirken, sprich, ob es sich für die Autofahrer lohnt oder sie schädigt. Ganz sicher aber lohnt sich die Beimischung von Biotreibstoffen für die Tankstellen, denn seit Januar 2014 sind sie von der Mineralölsteuer befreit, weil sie weniger CO2-Emissionen verursachen. Die Steuerbefreiung wird allerdings nur in den seltensten Fällen an die Kunden weitergereicht.

Deshalb findet mit Ethanol oder anderen Biotreibstoffen angereichertes Benzin bei den ahnungslosen Kunden steigenden Absatz und zwar auch bei den grossen Ketten. Daniel Hofer, Unternehmensleiter der Migrol, bestätigt: «An einem Teil unserer Migrol-Tankstellen verkaufen wir Benzin, das bis zu fünf Prozent Ethanol enthält. Die abgesetzten Mengen sind noch verhältnismässig gering, aber stetig am Wachsen.»

Laut Ulrich Frei von BioFuels Schweiz, dem Verband der Schweizerischen Biotreibstoffindustrie, wächst der Umsatz mit Biotreibstoffen in der Schweiz indes mehr als moderat. «Mit dem Start der Förderung hat sich die Menge an beigemischtem Biotreibstoff verdoppelt.»

Biotreibstoffe haben eine niedrigere Energiedichte

Biotreibstoff-Lobbyist Frei beschwichtigt bezüglich Zweifel an der Effizienz der Biotreibstoffe. «Bei einer Beimischung von kleinen Mengen Biotreibstoff vermindert sich der Verbrauch sogar, grössere Mengen wie im E85-Benzin wirken sich jedoch negativ aus.»

Dem widerspricht das Bundesamt für Umwelt (Bafu) deutlich. Zwar sei die Beimischung der von Biotreibstoffen zu normalem Benzin innerhalb gewisser Grenzen normkonform. Aber: «Biogene Treibstoffe weisen in der Regel eine niedrigere Energiedichte auf als fossile Treibstoffe», sagt Christoph Rotzetter vom Bafu gegenüber watson.

Müssen andere hungern, weil wir Nahrungsmittel tanken?

Problematisch an Biotreibstoffen sei auch, dass sie zum Teil aus Nahrungsmittelrohstoffen wie Weizen oder Raps hergestellt werden. «Wir streben zwar eine flächendeckende Beimischung von kleineren Mengen Biotreibstoffen in der Schweiz an, klar ist aber, dass diese Treibstoffe auf keinen Fall der Nahrungs- und Futtermittelindustrie in die Quere kommen dürfen», so Frei. Daher ist nur Biotreibstoff aus Abfällen und Ähnlichem in der Schweiz steuerbefreit und somit interessant für die Tankstellen.

Wie lange die Schweiz Biotreibstoffe unter diesen Umständen noch fördert, ist unklar. Die Steuerbefreiung für gewisse Biotreibstoffe bleibe bis 2020 in Kraft, danach dürfte der Zusatzverdienst der Tankstellen-Ketten mit den steuerbefreiten Biotreibstoffen aber vorüber sein.

Denn für Rotzetter ist klar: «Viele biogene Treibstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen weisen auch keine ökologischen Vorteile gegenüber fossilen Treibstoffen auf. Deshalb haben sie keine bedeutende Rolle in der Umwelt-, Klima- und Energiepolitik der Schweiz inne und dies wird in näherer Zukunft wohl auch so bleiben.»

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