Essay

Seit exakt einem halben Jahr hat der Wahnsinn einen Namen: COVID-19. Was hat es mit uns gemacht?

Am 11. Februar bezeichnete die Weltgesundheitsorganisation die neuartige Krankheit erstmals als COVID-19. Haben wir schon erfasst, was in diesem halben Jahr geschehen ist? Eine persönliche Erinnerung an eine turbulente Zeit, die vielleicht schon bald die neue Normalität ist.

31. Dezember 2019, wir feiern Silvester, die Korken knallen in den Himmel hinein, am gleichen Tag meldet China der WHO die ersten Fälle aus Wuhan. Drei Wochen später wird die Stadt abgeriegelt. Elf Millionen Menschen, plötzlich eingesperrt. Ich laufe in Bern über die Brücke, unter mir die Aare, die fliesst, wie sie immer fliesst, und denke mir nichts weiter. Wuhan? So unglaublich weit weg. Ein anderes Leben.

Februar 2020, die Post liefert keine Briefe und Pakete aus China mehr, die ersten Flüge werden gestrichen, der erste Corona-Tote in Europa. Die Schweiz ist noch ein letztes Mal eine Insel der stabilen Glücksseligkeit, das Bundesamt für Gesundheit richtet zwar eine Hotline für besorgte Bürger ein, aber sonst: Nichts Neues. Die Skigebiete melden Rekordzahlen, einige feiern den Valentinstag mit kitschigen Diners in Restaurants, andere planen ihre Reisen für den Sommer, Kreta, Malediven, Spanien.

Am 11. Februar gibt die WHO der neuartigen Krankheit seinen Namen: COVID-19. Die Fallzahlen steigen, zuerst in Norditalien, bald auch im Tessin, die Schweiz meldet am 25. Februar ihren ersten Corona-Fall. Verwirrung an allen Fronten. Ein unsichtbares Virus, das es über Landesgrenzen geschafft hat. Von dem niemand weiss, was es mit uns anstellt. Das Menschen ersticken lässt. Kleine Städte in Norditalien werden abgeriegelt, «es ist wie in Wuhan», zitiert unser Italien-Korrespondent eine Bewohnerin.

Ausgerechnet Italien. Unser Ziel aus Kindertagen, mit Gelato am Meer. Jetzt versinkt Bergamo im Chaos. Wir empfangen Videobotschaften von übermüdeten Ärzten, sehen Bilder von Menschen, die trotz Atmungsgerät ersticken, obwohl sie teilweise davor nicht einmal eine Vorerkrankung hatten. Und Militärlastwagen, die Leichen abtransportieren.

Ärztinnen und eine Intensivpflegefachfrau während der Intubation eines Patienten. Sie blicken gerade konzentriert auf den Überwachungsmonitor.

Ärztinnen und eine Intensivpflegefachfrau während der Intubation eines Patienten. Sie blicken gerade konzentriert auf den Überwachungsmonitor.

Innerhalb weniger Tage wird alles anders. Fussball, Festivals, der Genfer Autosalon, alles fällt plötzlich aus. Grossveranstaltungen werden verboten. Ich reise mit Freunden im Nachtzug nach Wien, wir beissen morgens jenseits der Grenze müde in unsere Brötchen und essen abends Schnitzel im Restaurant, einige sagen: Wartet nur, bald sind die Grenzen zu, ich lege den Kopf schief und sage: Ach was, du liest zu viele Nachrichten.

Wir tun, was wir sowieso gerne tun: Einander nicht ansprechen

Die ersten Anweisungen von allen Seiten kommen, abwechselnde Präsenz bei der Arbeit, Home Office, Hände desinfizieren, Abstand halten. Das, was wir Deutschschweizer sowieso schon so gerne tun, einander nicht ansprechen, den Nebensitz im Zug besetzen, als wäre das Schlimmste, was uns passieren könnte, Nähe, wird zur offiziellen, staatlich verordneten Anweisung.

5. März. Das erste Todesopfer in der Schweiz. Dann geht alles viel zu schnell.

Wie eine Welle bricht das Virus sich Bahn, kaskadenartig die Meldungen, die bundesrätlichen Entscheide, die Angst setzt sich in unseren Knochen fest. Schulen schliessen, Skigebiete ebenso, das Parlament bricht seine Frühlingssession ab. Paare drängen sich an Grenzzäunen, Clubs machen dicht, Restaurants und Bars räumen die Tische weg.

Hamsterkäufe gehörten während der Coronapandemie zur Tagesordnung.

Hamsterkäufe gehörten während der Coronapandemie zur Tagesordnung.

Tausende Menschen plündern die Regale in den Supermärkten, Dosen und Toilettenpapier, in ganzen Regionen ausverkauft, dabei hätte es genug Lebensmittel für alle, doch wir: drehen durch. Überleben wie im Krieg, ausgerechnet wie im Krieg, den die Schweiz doch gar nicht wirklich kennt.

Plötzlich ist da etwas, so unsichtbar und klein, das uns alle ins Wanken bringt. In einem Land, das offiziell kein Leid kennt, das bei internationalen Zufriedenheitsumfragen immer die vordersten Plätze belegt, dem es an nichts fehlt, wo man das Wasser aus jedem Fluss trinken kann und die Luft einatmen, bis man gesundet.

Ein Land aber auch, in dem fast jeder zehnte Mensch schon vor Corona am Existenzminimum lebte, Suizid die häufigste Todesursache der 15- bis 19-Jährigen ist und alle zwei Wochen ein Mann seine Partnerin ermordet.

10. März. Eine fundamentale Angst legt sich über mein Leben. Ich laufe zum Bundeshaus, leere Strassen, die verbleibenden Menschen, wir, schauen uns unsicher an, wenn wir aneinander vorbeilaufen. Bist du mein Infektionsherd? Bin ich deiner? Bist du meine Hilfe, wenn ich zusammenbreche? Werden wir zusammenhalten? Ich fühle mich den Fremden so nah und doch so fremd. Unter mir die Aare, die fliesst, wie sie immer fliesst, als sei nichts gewesen, und doch ist die Luft anders, schwerer als sonst. Ich bilde mir das erste Mal ein, dass meine Lunge nicht mehr richtig ein- und ausatmet, mir tut mein Rücken weh, habe ich Corona?

Vielleicht lastet auch die Informationsflut auf mir. Die Verantwortung, eine Öffentlichkeit herzustellen, eine Krise zu benennen, während Menschen immer noch in Clubs rennen und sich überschwänglich umarmen, sich an den Händen halten und sich trotzig küssen. Schaut her, mir doch egal, Corona, was soll das schon sein.

Derweil schnellen die Infektionszahlen in die Höhe, im Tessin herrscht Chaos, die ersten Militärtruppen werden entsandt, um die Spitäler zu unterstützen. Es sollen Kontrollen der Bürgerinnen und Bürger stattfinden, Menschen weggewiesen werden, Massen eingedämmt. Ein Journalist fragt an der Pressekonferenz: Kommt jetzt der Polizeistaat?

Die Schweiz kennt so viel Wohlstand und kaum Schmerz

16. März 2020, Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga wendet sich mit geschwollener Haut unter den Augen an die Öffentlichkeit und sagt: Jetzt muss ein Ruck durch dieses Land. Ausserordentliche Lage. Shutdown. Truppen werden mobilisiert.

Vom «grössten Armeeeinsatz seit dem Zweiten Weltkrieg» spricht unsere Verteidigungsministerin. Geschäfte müssen schliessen, die Grenzen gehen zu. Es sind Hunderttausende, die diese Pressekonferenz live über die Kanäle verfolgen, als wäre gerade Fussball-Weltmeisterschaft und die Schweiz im Finale, doch diesmal freuen wir uns nicht, wir jubeln nicht.

84 Jahre, so lange leben wir hier im Schnitt, in diesem Land, das so viel Wohlstand kennt und kaum einen wirklichen Schmerz. Die Tage ziehen an uns vorbei, gleichmässig und stumm. Die Tage, die alles verändern, sind wenige, es ist der Tag, an dem wir ein Kind gebären, der Tag, an dem der Krebs kommt, der Tag, an dem wir für immer Ja sagen. Und dann gibt es noch diese Tage, die sich einer Gesellschaft, einer ganzen Welt ins Gedächtnis brennen. Tage, an denen sich im Innersten etwas verschiebt. Und vielleicht nichts mehr ist wie zuvor.

Am 11. September 2001 zum Beispiel. Ich stand damals, 14 Jahre alt, im Türrahmen des Fernsehzimmers meiner Schule und sah, wie die beiden Flugzeuge in die Türme rasten, Rauchwolken über New York, und kein Mensch auf der Welt, der nicht heute noch weiss, was er damals gerade machte.

Am 20. März 2020 verbietet der Bundesrat Versammlungen ab fünf Personen und schnürt ein Rettungspaket für die Wirtschaft von 32 Milliarden Franken. Das Aussendepartement startet die grösste Rückholaktion für Schweizerinnen und Schweizer im Ausland in der gesamten Geschichte der Schweiz.

"Solidarität ist nicht nur ein Wort für die 1. August-Rede."

Bundesrat Alain Berset bei der Pressekonferenz am 20. März 2020.

Zuhause steht nur ein Liter frische Milch im Kühlschrank, ich hätte gerne zwölf. Ich hätte gerne tiefgefrorene Brotlaibe und einen Garten auf dem Dach. Ich hätte gerne einen Bunker und Kerzen für den Stromausfall, ich hätte gerne eine Grossfamilie und ein gemeinschaftliches Netz. Was nützt mir all meine Wahlfreiheit, wenn die Krise kommt?

Unsere Generation, die immer dachte, alles sei möglich, digitally remote an irgendwelchen Stränden arbeitet und alles übers Internet regelt, wird plötzlich zurückkatapultiert in die eigenen, physisch existierenden Wände. Lebt plötzlich innerhalb eines Radius’ von 500 Metern.

Reisen sind zu unterlassen, die SBB fahren ihren Fahrplan runter wie nie zuvor in ihrer Geschichte, es gilt ab sofort Home Office für ein ganzes Land. Was, wenn das für Monate so bleibt? Wie führen wir dann Fernbeziehungen? Wo will ich leben, wenn es hart auf hart kommt? Ziehe ich zurück nach Hause? Was bedeutet ein Zuhause, in einem Moment, in dem im Aussen alles zerfällt?

Eine nie gekannte Demut ergreift uns

Es folgen sechs Wochen, in denen nichts ist wie sonst. Manche atmen das erste Mal seit Jahrzehnten wieder durch. Besinnen sich darauf, was sie eigentlich brauchen, um glücklich zu sein. Nicht viel. Mit denen sein, die man liebt. Zeit mit dem Kind. Eine gleichberechtigtere Partnerschaft.

Brot backen. Lesen. Nichts mehr müssen. Keine sinnlosen Apéros nach Fünf, keine Fernreisen, keine Business-Lunches. Solidarität unter Fremden, Konzerte auf Balkonen, Nachbarschaftsnetzwerke, Klatschen für das Spitalpersonal. Eine nie gekannte oder längst vergessene Liebenswürdigkeit und Demut ergreifen uns.

Ich habe Glück. Ich wohne temporär mit fünf anderen Menschen zusammen. Wir leben wie in einer Grossfamilie, lachen viel, schauen Filme. Ich nehme mir Zeit für Yoga, schaue öfter einfach aus dem Fenster, rufe Menschen an, die ich vermisse und höre besser zu.

Bundesrat Alain Berset, rechts, und Daniel Koch, der ehemalige Delegierte des BAG für COVID-19, reisten während der Coronapandemie durch die Schweiz.

Bundesrat Alain Berset, rechts, und Daniel Koch, der ehemalige Delegierte des BAG für COVID-19, reisten während der Coronapandemie durch die Schweiz.

Für andere wird der Lockdown zur Zerreissprobe. Frauen, die von ihren Männern spitalreif geprügelt werden und nirgends hinkönnen. Paare, die merken, dass es zusammen nicht mehr geht. Alleinlebende, deren gesamtes soziales Netz wegfällt.

Alte Menschen, die niemand mehr besucht. Unternehmen, die Insolvenz anmelden müssen. Musiker, die in die Armut rutschen. Eine gebeutelte Gastronomie. Wer dem Arbeitgeber vor der Krise schon nicht mehr in den Kram passte, der wird, weil Corona als Argument für alles gilt, nun schneller auf die Strasse gestellt.

Wir leben mit Corona, Corona lebt mit uns – ein unsichtbarer Deal

Am 27. April, nachdem die Neuinfektionen deutlich gefallen sind, dürfen die ersten Läden wieder öffnen, am 11. Mai die Schulen, am 8. Juni Museen und Zoos. Ab heute, sagt Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga der Schweiz, gestalten wir unsere Zukunft neu. Flugzeuge steigen wieder in den Himmel. Menschen pendeln wieder zur Arbeit.

Konzerne finden wieder statt, die ersten Ferien am Meer. Politiker diskutieren über eine zweite Welle, das Klima in den sozialen Netzwerken wird wieder gehässiger. In Indien stirbt ein Baby zwei Tage nach der Geburt an Corona. Die ersten Ballermann-Touristen torkeln auf ausländischen Inseln wieder betrunken durch die Gassen. Wir schauen noch öfter in unsere Bildschirme. Verschwörungstheoretiker versammeln sich in Gruppen zu Demonstrationen gegen Impfungen, gegen Masken, gegen die Lügenpresse.

Wir leben mit Corona, und Corona lebt mit uns. Wir sind einen unsichtbaren Deal eingegangen, und wir tun, was uns gesagt wird. Wir glauben so lange daran, dass ein Impfstoff gefunden wird und dass Abstand hilft und dass Masken helfen und die Regierungen wissen, was sie tun, bis die Realität uns genau das beweist oder auch das Gegenteil.

Corona und die Folgen werden uns weiterhin begleiten: Abstandsmarkierungen zur Einhaltung des Social Distancing bei einem Take-away.

Corona und die Folgen werden uns weiterhin begleiten: Abstandsmarkierungen zur Einhaltung des Social Distancing bei einem Take-away.

Wenn diese Pandemie uns etwas gelehrt hat, ist es, dass wir nicht so viel wissen, wie wir zu wissen glauben. Dass wir nicht grösser sind als die Natur und nicht fortschrittlicher als ein Teilchen, so klein, dass wir es mit blossem Auge gar nicht sehen.

Die Masken im öffentlichen Verkehr, sie werden vielleicht so selbstverständlich werden wie die Gurte in den Autos, sagen die Leute. Google hat Home-Office bis 2021 beschlossen. Vielleicht werden wir kaum mehr Fernreisen machen, uns in Gruppen zuhause betrinken und es werden wieder mehr Kinder gezeugt.

Vielleicht gestalten wir tatsächlich unsere Zukunft neu. Vielleicht kehrt alles zurück zum Alten. Obwohl gerade niemand so recht weiss, wie das Alte eigentlich aussieht. Ob es so viel besser war. Und was das Neue eigentlich mit uns machen wird, wenn es zum neuen Normalzustand wird.

Vielleicht wird das, was uns die letzten sechs Monate hinweg in einem riesigen Ruck in eine Zukunft hineinkatapultiert hat, für die wir nicht bereit waren, zur neuen Normalität, und wir werden uns an all das gewöhnen.

Wir werden uns anpassen, an alles, was noch kommen mag, so, wie Menschen und Zivilisationen daran wuchsen, woran die Natur sie mass, und so werden wir weiterleben und uns weiterentwickeln, und irgendwann wird jemand fragen, was am 16. März 2020 eigentlich war, und einige werden sich noch erinnern, und viele nicht.

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