Serkan* unterbricht das Telefongespräch kurz, um mit seiner Frau zu streiten. Im Hintergrund läuft ein türkischer Sender, es rauscht, dann meldet Serkan sich wieder: "Meine Frau will, dass du im Artikel einen falschen Namen verwendest", sagt der Journalist aus Istanbul. Serkan aber sieht das anders. "Verwende ruhig meinen richtigen Namen, ich will mich nicht verstecken müssen." Das ist mutig. Denn was Serkan zu sagen hat, das dürfte der türkischen Regierung gar nicht gefallen. Und wer sich in der Türkei derzeit kritisch über die Regierung äussert, der lebt gefährlich.

Serkan weiss das. Er sass jahrelang im Gefängnis, weil er sich als Aktivist und als Journalist stark gemacht hat für eine Abkehr von Erdogans politischem Kurs. Doch die Zeit im Gefängnis hat ihn nicht verstummen lassen. Bis heute schreibt er für ein regierungskritisches Medium – nicht aus dem sicheren europäischen Exil, sondern aus Istanbul. "Ich werde mich trotz der Aussicht, wieder im Gefängnis zu landen, bis zuletzt dagegen sträuben, die Türkei zu verlassen", sagt Serkan.

Seit sich Erdogans Politik nach dem gescheiterten Putschversuch im vergangenen Juli aber noch einmal deutlich verschärft hat, spielt auch er mit dem Gedanken, zu fliehen. "Ich habe eingesehen, dass irgendwann ein Punkt erreicht sein wird, an dem wir von Istanbul aus keinen kritischen Journalismus mehr betreiben können. Irgendwann müssen wir ins Ausland fliehen, wenn wir weiter frei unsere Meinung sagen wollen."

Der 16. April als Zäsur

Dieser Moment, in dem Serkan seinen Kampf in der Türkei aufgeben und ins Ausland fliehen wird, steht unmittelbar bevor. Am 16. April stimmen die Türken über das Verfassungsreferendum ab, das Erdogan zum faktischen Alleinherrscher erheben würde. In Serkans Augen wird der 16. April zu einer historischen Zäsur für die Türkei, zu einem Schicksalstag, an dem sich alles vom Schlimmen zum Katastrophalen wenden könnte. „Wenn das Referendum angenommen wird, dann werden tausende Türken fliehen“, sagt Serkan. Rund 3,1 Millionen Türken (knapp vier Prozent der Gesamtbevölkerung) leben laut der UNO heute schon im Ausland. „Bei einem ‚Ja‘ am 16. April werden es sehr schnell sehr viele mehr sein“, sagt Serkan.

Wie die Nazis beim Reichstags-Brand

Er erzählt über verhaftete Kollegen, über Erdogans Krieg gegen die Kurden, über die Unterdrückung politischer Opponenten: alles Dinge, die der Westen bald schon nicht mehr wahrnimmt im tragischen Rauschen, das täglich aus der Türkei über unsere Sender schwirrt. Für Millionen von Erdogan-kritischen Türkinnen und Türken aber sind diese Entwicklungen nicht nur weitere negative Schlagzeilen und verstörende Kurzmeldungen: Sie sind lebensbedrohliche Entwicklungen, denen sie nicht viel entgegensetzen können.

„Ich fürchte, dass Erdogan die Türkei in einen Krieg verwickeln wird, wenn er das Referendum gewinnt“, sagt Serkan. „Er wird nach Vorwänden suchen, um den Notstand ausrufen zu können, um immer noch radikalere politische Massnahmen zu ergreifen, genau wie das die Nazis mit dem Reichstags-Brand gemacht haben.“ Nach dem vermeintlichen Brandanschlag riefen die Nazis eine Sonderverordnung aus, die die Grundrechte in Deutschland faktisch ausser Kraft setzten – unter dem Vorwand, Volk und Staat vor Staatsfeinden schützen zu müssen. 

Warnung an Erdogan

Aktuelle Umfragen sagen für das türkische Verfassungsreferendum ein äusserst knappes Resultat voraus. Ob Erdogans Griff nach diktatorischer Macht wirklich gelingen wird, ist ungewiss. „Ein Nein wäre zwar keine Befreiung für die Türkei“, sagt Serkan. „Es wäre aber wenigstens eine Warnung an die Adresse von Erdogan. Vielleicht würde die Unterdrückung stoppen, vielleicht hätten wir dann gar keinen Grund mehr, zu fliehen.“

Der Genfer SP-Nationalrat Carlo Sommaruga teilt Serkans Einschätzung nicht, im Gegenteil. Ein "Nein" am 16. April, sagt der Aussenpolitiker, der sich intensiv mit der Türkei beschäftigt, wäre alles andere als eine Befreiung für die unterdrückten Türken. "Wenn Erdogan verliert, dann wird er alles daran setzen, um seine Gegenspieler als Verräter und als Terroristen darzustellen", sagt Sommaruga. "Egal, wie die Abstimmung herauskommt: Das Resultat wird eine Gesellschaft sein, die so stark polarisiert ist, dass zahlreiche Personen versuchen werden, das Land auf der Stelle zu verlassen."

Wer das als Oppositioneller oder als Erdogan-Kritiker nicht tue, der laufe Gefahr, im Gefängnis zu landen. Ob die Schweiz Ziel einer solchen potenziellen Flüchtlingsbewegung sein wird, dazu will das Bundesamt für Migration (SEM) keine Einschätzung abgeben. "Ob das Resultat des Referendums allenfalls einen Einfluss auf die Asylgesuchszahlen haben wird, kann momentan nicht zuverlässig prognostiziert werden", sagt SEM-Sprecher Lukas Rieder auf Anfrage.

Asyl für den Ex-Botschafter

Für Sommaruga ist klar, wie die Schweiz auf die vorprogrammierte Krise nach dem 16. April reagieren muss: "Wir haben keine andere Wahl als den türkischen Flüchtlingen Asyl zu gewähren." Türken, die ihr Land jetzt verlassen, seien keine Wirtschaftsflüchtlinge, sondern politisch Verfolgte. Das zähle im Prinzip auch für Volkan Karagöz, den türkischen Ex-Vizebotschafter in Bern, der Anfang März seinen Posten verliess und in der Schweiz um politisches Asyl bat. "Eigentlich muss die Schweiz Herrn Karagöz Asyl gewähren, weil er alleine durch seinen Antrag Gefahr läuft, in der Heimat als Gülenist verfolgt und eingesperrt zu werden", sagt Sommaruga. Wenn sich die Spionage-Vorwürfe, die gegen Vertreter der türkischen Botschaft in der Schweiz erhoben worden sind, aber auch im Falle von Karagöz bestätigen würden, dann müsse man den Fall neu beurteilen.

Drohender Dammbruch

Bürgerliche Politiker wie SVP-Nationalrat Roland Büchel oder FDP-Nationalrätin Doris Fiala haben sich in der Vergangenheit sehr kritisch zum Fall Karagöz geäussert. Es drohe ein "Dammbruch", falls man ihn aufnehme, sagte Büchel. Und Fiala meinte, ein positiver Asylentscheid für den Ex-Botschafter könnte "Tür und Tor öffnen" für Erdogan-kritische Türken, die sich nach einem sicheren Hafen ausserhalb ihrer Heimat umsehen. Sommaruga aber beruft sich auf die humanitäre Tradition der Schweiz. "Vorläufig aufnehmen muss man Herrn Karagöz so oder so, solange sich die politische Situation in der Türkei nicht verändert."

Die Schweiz, ein wunderbares Land

Auch Serkan kennt die Schweiz. Das sei in vielerlei Hinsicht ein wunderbares Land, sagt er. Ob er aber hierhin fliehen würde, wenn seine Landsleute am 16. April "Ja" sagen, das weiss er nicht. Vielleicht auch nach Deutschland, vielleicht nach Griechenland, das werde sich zeigen, sagt Serkan. Er hat den Glauben an ein "Nein" am 16. April noch nicht verloren. Er will weiterhin abwarten. Bis zum allerletzten Moment. Bis es so schlimm wird, dass ihn nichts mehr in seiner Heimat halten kann.

Zehn Minuten nach dem Telefongespräch ruft Serkans Frau auf der Redaktion an. "Bitte verwende seinen richtigen Namen nicht. Serkan ist ein Kämpfer. Aber wenn du seinen Namen schreibst und Erdogans Leute ihn morgen hier abholen, dann ist sein Kampf vorbei."

*Name der Redaktion bekannt