Wahlen 2019

Sie sind die stillen Helden des Wahlsonntags

Das Wahlbüro von Aadorf bereitet sich auf den grossen Tag vor.

Das Wahlbüro von Aadorf bereitet sich auf den grossen Tag vor.

Am Sonntag wird das neue Parlament gewählt. Im ganzen Land arbeiten dann zahllose Leute in den Gemeinden und Kantonen, damit der Urnengang reibungslos über die Bühne geht.

Ruhig und verlassen liegt das Gemeindehaus in Aadorf an diesem Abend da, aber in einem Sitzungszimmer brennt noch Licht. Dort sitzt die Gemeindeschreiberin Manuela Fritschi am grossen Tisch aus Holz, sie hat noch etwas zu tun.

Denn bald gilt es ernst. Am Sonntag wählt die Schweiz, und ohne die rund 2200 Gemeinden im Land geht das nicht. Zum Beispiel Aadorf im Kanton Thurgau, um die 9000 Einwohner, zwei Kirchen, im Dorfkern etwas Fachwerk.

Es sind die Gemeinden, die am Wahlsonntag die Arbeit erledigen, die wichtiger ist als jede andere: Sie zählen die Stimmen. Und weil dann nichts schiefgehen darf, hat die Gemeindeschreiberin Manuela Fritschi an diesem Abend ins Sitzungszimmer geladen.

Die 42-Jährige ist eine freundliche Frau mit zupackender Art. Sie hat Stapel mit Merkblättern ausgelegt und eine Präsentation vorbereitet, die ein Beamer an die Wand wirft. «Es geht heute darum, an was wir am Sonntag denken müssen», sagt sie in die Runde.

Wer unsere Stimmen zählt

Sieben Leute aus dem Dorf sind ins Gemeindehaus gekommen. Eine Hausfrau und Mutter ist dabei, ein Abteilungsleiter und ein junger Mann, der als Serviceberater bei einer Autogarage arbeitet. Auf der anderen Seite des Tisches hat ein Rentner Platz genommen, neben ihm eine Sekretärin und eine Bibliothekarin.

Sie sind zwischen 22 und 59 Jahre alt, sind schon lange dabei oder zum ersten Mal, und zusammen sind sie das Wahlbüro von Aadorf. Und damit so etwas wie die heimlichen Helden des Wahlsonntags.

Gemeindeschreiberin Manuela Fritschi.

Gemeindeschreiberin Manuela Fritschi.

Sie erhalten ein Sitzungsgeld von 40 Franken pro Stunde, doch das ist nicht der Grund, warum sie mithelfen. Sie finde es spannend, wollte etwas Neues ausprobieren, sagt die junge Mutter. Und der Rentner macht mit, weil er «etwas für die Allgemeinheit tun kann». Am Sonntag werden die Mitglieder des Wahlbüros aufstehen, wenn das Land noch in den Federn liegt, so wie Tausende Kollegen in anderen Schweizer Gemeinden.

Werden Wahlzettel um Wahlzettel auswerten, von Hand, versteht sich. Bei den Nationalratswahlen, wo die Wähler kumulieren und panaschieren dürfen, ist das ganz schön knifflig.

Die Parlamentswahlen sind eine Generalstabsübung, für die alle drei Staatsebenen zusammenspannen. Die Aufgabenteilung funktioniert so: Der Bund zeichnet die grossen Linien. Er setzt den rechtlichen Rahmen und berechnet, wie viele Nationalratssitze den Kantonen zustehen. Die Gemeinden machen die Kleinarbeit. Schicken etwa die Wahlunterlagen zum Wähler. Werten die Wahlzettel aus. Was dazwischen anfällt, erledigt hauptsächlich der Kanton.

Merkblätter zur Auffrischung.

Merkblätter zur Auffrischung.

Im Sitzungszimmer des Gemeindehauses von Aadorf hängt eine Ortskarte an der Wand, in einer Ecke gibt es Wandschränke. Und hinter ihren Türen liegt ein Schatz, fein säuberlich aufgereiht in Kisten aus Karton: die Wahlkuverts der Aadorfer, die brieflich abgestimmt haben. Je näher der 20. Oktober rückt, desto grösser wird der Schatz, um die hundert Kuverts treffen derzeit täglich ein.

Die Lehrtochter notiert das neue Total jeden Morgen auf einem Zettel. Dann trägt sie die Kuverts ins Sitzungszimmer, reiht sie in eine neue Kiste ein, notiert auf ihnen das Eingangsdatum. Und sperrt die Türe wieder zu. Denn auswerten dürfen die Gemeinden die Wahlzettel erst am Sonntag, das

In den Amtsstuben wird jedes Detail vorgeplant

Ein paar Kilometer von Aadorf entfernt, in Frauenfeld, tanzt die Thurgauer Flagge auf dem Dach des Regierungsgebäudes. Gleich darunter liegt die Staatskanzlei. Am Wahlsonntag wird sie zur kantonalen Kommandozentrale. Die Vorbereitungen auf den grossen Tag laufen im Thurgauer Hauptort schon viel länger als in den Gemeinden.

Im Büro von Silvana Tschudi stapeln sich Kartonkisten mit Wahlzetteln, die eiserne Reserve für den Notfall. Sie ist die Leiterin der Regierungskanzlei des Kantons. Der ist etwa dafür besorgt, dass die Technik funktioniert. Er überprüft auch die Angaben der Kandidaten auf den Wahllisten. Und hat mit den 80 Thurgauer Gemeinden Anfang September einen Wahltest durchgeführt, um zu schauen, ob sie für den Wahltag auch wirklich gerüstet sind.

Etwas angespannt sei sie in diesen Tagen schon, sagt Tschudi. Zuletzt hat sie in Atem gehalten, dass 54 Stimmberechtigte fehlerhafte Wahlunterlagen erhielten. Sie hofft, dass es der einzige Fehler bleibt. «Wir haben alles erledigt», sagt sie. Aber es kann halt doch sein, dass zum Beispiel die Technik nicht funktioniert. Oder dass sonst etwas Unvorhergesehenes passiert.

Auf dem Pult von Silvana Tschudi liegt der Einsatzplan für den Wahlsonntag bereit, 16 Seiten dick. «Nie den Überblick verlieren, das ist der Schlüssel», sagt Tschudi. In den Amtsstuben des Landes setzen sie zur Bewältigung der Wahlen auf ihre stärkste Waffe: die Planung im grösstmöglichen Detailgrad.

Das ist auch in Aadorf so. Dort bezieht das Wahlbüro am Wahlsonntag zwei Sitzungszimmer. Im einen werden die Wahlzettel sortiert und nummeriert, im anderen bereinigt. Und schliesslich wird jeder einzeln elektronisch erfasst, wobei das Vieraugenprinzip gilt. Die Erfassungsteams geben die Ergebnisse in ein Computerprogramm ein. Es ist am Sonntag der Verbindungskanal zwischen Aadorf und Frauenfeld.

Am Ende wird es Manuela Fritschi sein, die in Aadorf an ihrem Computer auf den Übermittlungsknopf drückt. Sie will das so gegen 14 Uhr tun, ein wenig später ginge noch, aber nicht allzu viel, denn eines ist für jeden Gemeindeschreiber «ein Horror», wie Fritschi es formuliert: der Letzte zu sein im ganzen Kanton. Denn dann sind ihm die Sprüche der Kollegen gewiss.

Der Staatsschreiber spannt das letzte Sicherheitsnetz

Nach dem Mausklick in Aadorf treffen die Resultate in Frauenfeld ein. Dort spannt Rainer Gonzenbach, der Staatsschreiber, das letzte Sicherheitsnetz. Gonzenbach kennt den Kanton wie seine Westentasche, und er schaut die eingereichten Resultate zum Schluss noch einmal genau an. Und prüft sie auf ihre Plausibilität.

Wenn er feststellt, dass in einer SVP-Gemeinde plötzlich mehrheitlich SP gewählt wurde, meldet sich die Staatskanzlei dort und fragt nach, ob bei der Auszählung wirklich alles richtig gelaufen ist. Ist alles niet- und nagelfest, gibt der Staatsschreiber die Resultate zur Übermittlung nach Bern frei. Eine lange Reise durch das Staatswesen ist dann zu Ende. Und die Arbeit der heimlichen Helden vollendet.

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