Pro und Kontra

Soll der Bundesrat den Notstand lockern? Zwei Redaktoren kreuzen die Klingen

Blick in ein leeres Schulzimmer in der Primarschule Tellenmatt in Stans. Eine weitere Schliessung bleibt nicht ohne Folgen.

Blick in ein leeres Schulzimmer in der Primarschule Tellenmatt in Stans. Eine weitere Schliessung bleibt nicht ohne Folgen.

Die massiven Einschränkungen des Lebens gelten gemäss Bundesrat vorerst bis zum 19. April. Und danach? Hält der Stillstand an, oder werden die Verhaltensregeln nach und nach gelockert? Zwei CH-Media-Redaktoren legen ihre Argumente dar.

Pro: Lockerungen helfen der Gesundheit

Die wichtigste Bedingung für ein Ende des Lockdowns ist gegeben: Die Zahl der täglichen Neuinfektionen geht zurück, die Massnahmen des Bundes zeigen Wirkung. Bis zum 19. April wird sich dieser Trend noch verstärken. Neuansteckungen sind wegen der Isolation weniger möglich, und weil es von der Infizierung bis zum Ausbrechen der Symptome bis zu 14 Tage dauert, lässt sich diese notwendige Verminderung der Infizierungen Mitte April nachhaltig belegen.

Ist dieser Punkt erfüllt, gibt es mehrere Gründe, die Einschränkungen so schnell wie möglich zu lockern. Zum Beispiel warnen Schlaganfall-Experten, dass die Zahl der Patienten zurzeit rapide abnimmt, die mit Schlaganfall- oder Herzinfarktsymptomen in die Klinik kommen. Doch bei der Schlaganfallbehandlung kann jede Minute des Zögerns tödlich sein. Eine Lockerung des Notstands würde die Angst hochgefährdeter Patienten verringern, sich im Spital mit dem Coronavirus anzustecken.

Die Problematik der Angst macht auch den Psychiatern Sorge. Vorbelastete Menschen, die mit ihren Angststörungen im Normalfall umgehen können, werden bei längerer Isolation die Schwelle zur Psychiatrie überschreiten. Die Blockade in der Medizin ausserhalb der Corona-Behandlungen führt auch dazu, dass andere Operationen nicht ausgeführt werden. Das ist ein gesundheitliches Risiko für viele und eine Belastung für das Gesundheitssystem.

Auch die Schulen müssen so schnell wie möglich in den Normalmodus zurückkehren. Dass sie aus epidemiologischen Gründen nicht geschlossen bleiben müssen, bestätigt eine aktuelle Studie der London School of Tropical Medicine. Die Befürchtung, dass die Schulkinder das Virus weiträumig verteilen, bestätigt sich in der Studie nicht. Die Schulschliessung hatte nur einen hemmenden Effekt bei der normalen Influenza-Grippe, bei der Ausbreitung der Coronavirus-Epidemie ist dieser vernachlässigbar. Zudem steht fest, dass die Corona-Erkrankung für Kinder harmlos ist.

Selbstredend ist der Lockdown für viele Klein- und Mittelbetriebe eine existenzielle Gefahr, wenn er länger andauert. Auch das hat gesundheitliche Aspekte: Arbeitslosigkeit und Armut machen nachweislich krank.

Lockert man die Regeln, könnte es später zu einer zweiten Welle kommen. Aber: Bis dann wird ein Teil der Bevölkerung immunisiert sein, die Welle sollte deshalb nicht zu hoch schlagen, wie Infektiologen sagen. Wichtig ist darum, dass Neuinfizierte und ihre Kontaktpersonen konsequent isoliert werden, damit sich Risikopersonen nicht anstecken. So ist der Exit aus den Notmassnahmen machbar

Contra: so lange wie nötig durchhalten

Immer lauter ertönt der Ruf nach einer Lockerung des Notstands. Politik, Wirtschaft und Medien fordern eine „Exit-Strategie“. Der Bundesrat müsse die bis am 19. April geltenden Einschränkungen danach möglichst bald schrittweise aufheben.

Das ist nachvollziehbar. Niemand sitzt gerne den ganzen Tag zuhause. Wir vermissen Freunde und Verwandte, unsere Lieblingsbeiz, den Kinobesuch. Der Lockdown bedeutet für viele Einsamkeit und belastet die Psyche. Wirtschaftlich bedroht er Existenzen, Angestellte fürchten um ihre Stelle. Wie lange noch? Die Frage ist verständlich.

Die Antwort muss dennoch klipp und klar lauten: so lange, wie die Massnahmen aus epidemiologischer Sicht notwendig sind. Und das dürften sie über den 19. April hinaus bleiben, wie die Zahlen aus den Kantonen zeigen: Die dritte Woche in der «aussergewöhnlichen Lage» begann am Montag mit 1124 Neuinfektionen, dem dritthöchsten Wert in der Coronakrise.

Auch wenn die Neuinfektionen weniger stark ansteigen als vor Wochenfrist: Die Schweiz steuert aktuell alle elf Tage auf eine Verdoppelung der Fallzahlen zu. Diese Entwicklung strapaziert die Kapazitäten des Gesundheitswesens. Den Intensivstationen drohen die freien Betten auszugehen. Noch herrschen in unseren Spitälern glücklicherweise keine Verhältnisse wie etwa im Elsass, wo die Ärzte aufgrund fehlender Beatmungsgeräte über 80-jährige Coronapatienten teilweise nur palliativmedizinisch in den Tod begleiten.

Um das zu verhindern, brauchen wir weiter Disziplin und Ausdauer. Es ist relativ simpel: Der Lockdown im jetzigen Ausmass hat die Verbreitung des Virus verlangsamt, aber nicht gestoppt. Mit jeder Lockerung dieses Zustands – Schulbetrieb wiederaufnehmen, Geschäfte unter Auflagen wiedereröffnen – multiplizieren sich die Möglichkeiten, das Virus zu übertragen. Die verlangsamte Ausbreitung des Virus würde wieder beschleunigt. Und angesichts von 2.6 Millionen Menschen, die einer Risikogruppe angehören, würden sich mehr gefährdete Personen anstecken. Das würde den Druck auf das Gesundheitswesen weiter erhöhen – und Menschenleben kosten.

Werden die Massnahmen vorschnell gelockert, droht ein zweiter, noch drastischerer und länger anhaltender Stillstand – möglicherweise im Sommer, wenn das Eingesperrtsein noch viel schwerer fällt. Das wäre nicht nur psychisch ein harter Schlag. Auch für die Wirtschaft ist es besser, wenn die Einschränkungen im Kampf gegen das Virus eine zwar sehr harte, aber einmalige Sache sind und kein sich wiederholender Schrecken ohne Ende werden.

Autor

Bruno Knellwolf

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