Die SP-Nationalrätin Jacqueline Badran zieht sich bis im Sommer aus der Politik zurück.

Melissa Schumacher, CH Media Video Unit

SP-Nationalrätin
«Die vielen Abwehrkämpfe haben mir physisch und psychisch zugesetzt»: Jacqueline Badran macht eine «Politik-Pause»

Am Sonntag feierte die SP-Nationalrätin noch einen grossen Abstimmungssieg. Doch am Montagabend kündigte sie auf Facebook an, dass sie auf Anraten ihres Arztes eine vorübergehende politische Pause einlegt.

Doris Kleck und Othmar von Matt
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Nationalrätin Jacqueline Badran (hier beim Verfolgen der Abstimmungsresultate am vergangenen Sonntag) will vorübergehend eine Pause von der Politik einlegen.

Nationalrätin Jacqueline Badran (hier beim Verfolgen der Abstimmungsresultate am vergangenen Sonntag) will vorübergehend eine Pause von der Politik einlegen.

Keystone

Kürzlich in der Wandelhalle. Ein Gespräch mit Jacqueline Badran über Ferien. Einen Monat Pause, ob sie das überhaupt könnte? Kein Problem, sagte sie. Auf einer einsamen Insel mit einem Stapel Bücher. Das wäre wunderbar.

Eine Auszeit nimmt sich die Zürcher SP-Nationalrätin tatsächlich. Nur ist der Anlass unerfreulich: Auf Anraten ihres Hausarztes setzt Badran mindestens bis zur Sommersession im Juni aus.

Eine politische Naturgewalt

Das überrascht. Badran gilt als politische Naturgewalt. Sie war die dominierende Figur im Abstimmungskampf über die Teil-Abschaffung der Stempelsteuer. Sie hat die inhaltlichen Grundlagen für den Referendumskampf ihrer Partei erarbeitet.

Während Monaten hat sie dafür recherchiert im stillen Kämmerlein, Gespräche mit Experten geführt, der Verwaltung Fragen gestellt um sich für den Abstimmungskampf mit Argumenten aufzumunitionieren. Sie war auf allen Kanälen präsent.

Das freundschaftliche Verhältnis von Badran zu Maurer

Bundesrat Ueli Maurer sagte in der Sendung «Arena» des SRF auf die Frage, ob er wieder einmal in die Sendung komme, an die Adresse seiner wohl liebsten Kontrahentin: «Ja, ich kann Frau Badran in so schweren Stunden jeweils fast nicht alleine lassen.» Worauf die SP-Vizepräsidentin herzlich lachte.

Jacqueline Badran (SP, vorne) und Bundesrat Ueli Maurer lachen nach einer Diskussion während der Debatte um das Kollektivanlagengesetz im Nationalrat.

Jacqueline Badran (SP, vorne) und Bundesrat Ueli Maurer lachen nach einer Diskussion während der Debatte um das Kollektivanlagengesetz im Nationalrat.

Keystone (Bern, 9. Dezember 2021)

Badran siegte im Duell mit Maurer deutlich: 63 Prozent sagten am Sonntag Nein zur Abschaffung der Emissionsabgabe. Badran war zu Tränen gerührt. Wurde von ihren Parteikollegen umarmt und geherzt. Eilte wieder von Interview zu Interview. «Ich arbeite nicht für meine Partei. Ich arbeite für die Bevölkerung», sagte sie gegenüber dem Westschweizer Fernsehen RTS.

«Ich bin dann mal weg»

Die Arbeit hat mehr Spuren hinterlassen, als die Öffentlichkeit je gedacht hätte. Am Montagabend gab Badran auf Facebook eine Auszeit bekannt. Und auf Twitter schrieb sie: «Ich bin dann mal weg.»

Der Hausarzt habe sie ihr «dringlich» eine Auszeit verschrieben, hält sie auf Facebook fest. Und der nächste Satz ist typisch für sie, die sich stets über die Belastungsgrenzen hinaus engagierte: «Ich glaube ihm mehr als mir selber, die immer vermutet, die Arbeitslast liesse sich dann schon irgendwie bewältigen.»

«Politikversagen der Mitte-Rechts-Mehrheit»

Badran engagierte sich in vielen Abstimmungskämpfen. Diese «Abwehrkämpfe» hätten ihr «physisch und psychisch zugesetzt», hält sie fest. Selbst wenn die Kämpfe erfolgreich gewesen seien. «Oft ratlos und ermüdet» habe sie aber das Politikversagen der Mitte-Rechts-Mehrheit zurückgelassen, «echte Lösungen für echte Probleme» zu finden. Stattdessen habe Mitte-Rechts «die Bestelllisten der Kapitaleigentümer» abgearbeitet, bilanziert sie.

Tränen des Glücks: SP-Nationalrätin Jacqueline Badran weint vor Freude nach dem klaren Nein der Bevölkerung zur Abschaffung der Stempelsteuer.

CH Media Video Unit

Renten, explodierende Miet- und Immobilienpreise, Artensterben, Ungleichheit, Armut, Klimakrise: All das setzte Badran zu, wie sie festhält. Gleichzeitig stellt die SP-Nationalrätin aber auch eine «zunehmende Aggressivität und Respektlosigkeit» fest gegenüber der Politik und der arbeitenden Bevölkerung.

Zum Schluss bittet sie Medien und Öffentlichkeit, ihren Bedarf an Ruhe zu respektieren. «Derweil danke ich den Menschen und allen meinen Parteigefährt:innen für das mir immer entgegengebrachte Vertrauen», hält sie fest. «Und für die häufig überwältigende Unterstützung.»