Hebammen

Spitäler entlassen Mütter zwei Tage nach Geburt

Wegen der früheren Entlassung aus dem Spital braucht künftig jede Mutter zu Hause eine Hebamme. ullstein

Hausbesuch: Mutter mit Baby

Wegen der früheren Entlassung aus dem Spital braucht künftig jede Mutter zu Hause eine Hebamme. ullstein

Mutter und Kind müssen nach der Geburt mehrere Tage medizinisch überwacht werden. Trotzdem schicken Spitäler frischgebackene Mamas zwei Tage nach Geburt nach Hause - aus Kostengründen. Doch für die Betreuung zu Hause fehlen Hebammen.

Karen Schärer

Während Frauen nach einer Geburt heute rund fünf Tage im Spital verweilen, schicken Spitäler Mütter und ihre Neugeborenen künftig nach zwei bis drei Tagen nach Hause. Grund: Ab spätestens 2012 werden Spitäler über eine Pauschale pro Behandlungsfall entschädigt - damit haben sie aus finanziellen Gründen ein Interesse daran, die Aufenthaltsdauer von Patientinnen und Patienten zu verkürzen.

Für Hebamme Claudia Putscher-Ulrich steht fest: «In Zukunft wird jede Mutter zu Hause Nachbetreuung durch eine Hebamme brauchen.» Denn: «Die ersten fünf Tage nach der Geburt sind sehr wichtig: Kind und Mutter brauchen Überwachung, Beratung und Unterstützung», sagt die Co-Präsidentin der Zürcher Sektion des Schweizerischen Hebammenverbands (SHV).

In Lausanne wird schon früh entlassen

Der Verband warnt deshalb vor einem Hebammenmangel. Denn heute nimmt zwar erst jede zweite Mutter zu Hause die Unterstützung einer Hebamme in Anspruch, doch bereits jetzt kann in gewissen Regionen, zum Beispiel in Zürich, nicht jeder Anfrage für Wochenbettbetreuung Folge geleistet werden. Putscher-Ulrich sagt deshalb: «Hebammen in der ganzen Schweiz blicken der Einführung der Fallpauschalen sorgenvoll entgegen.»

Was auf die Hebammen zukommt, verfolgen sie am Beispiel des Kantons Waadt: Hier ist man mit der Einführung des Fallpauschalen-Systems schon fortgeschritten. «Die Frühentlassung der Frauen aus dem Spital ist beispielsweise in der Region Lausanne Realität. Der Mangel an Hebammen ist dort manifest», sagt Doris Güttinger, Geschäftsführerin beim SHV.

Was aber, wenn eine Wöchnerin keine Hebamme findet? Dass sie während der ersten Tage nach der Geburt für Untersuchungen ambulant ins Spital zurückkehren oder Fachleute wie den Kinderarzt oder die Gynäkologin aufsuchen muss, erachtet Güttinger als «nicht sinnvoll»: «Die Frau ist von der Geburt noch geschwächt und soll sich zu Hause neu orientieren.

Für den gesunden Verlauf des Wochenbetts sind solche Termine ausser Haus nicht förderlich.»
Und die Präsidentin des Hebammenverbands, Ständerätin Liliane Maury Pasquier, fügt an: «Wenn man das Niveau der Pflege nach der Niederkunft nicht gefährlich senken will, gibt es keine valable Alternative zur Betreuung durch Hebammen, die ja genau für diese Aufgaben spezialisiert sind.»

Nur 80 Franken pro Hausbesuch

An der Fachhochschul-Ausbildung zur Hebamme besteht ein sehr grosses Interesse. Der kürzliche Wechsel zur Ausbildung auf Tertiärstufe hat mehr Studienplätze mit sich gebracht: Ab 2012 erhalten rund 160 Hebammen pro Jahr ihr Diplom, aktuell sind es rund 100.

Nachwuchsprobleme gibt es also keine, doch nur eine Minderheit der Hebammen will freiberuflich arbeiten: Zu schlecht ist die Entlöhnung, zu gross die Belastung durch Pikettdienst. Für einen Besuch am Wochenbett, zum Beispiel, erhält eine Hebamme rund 80 Franken - unabhängig davon, ob die Visite am Wochenende oder in der Nacht stattfand und wie lange die Hebamme vor Ort war.

Für Güttinger steht fest: «Der Tarif entspricht nicht der Kompetenz, die eine freiberufliche Hebamme hat.» Verschiedene Kontaktaufnahmen und Verhandlungsversuche mit Santésuisse im vergangenen Jahr, um den Tarifvertrag anzupassen, seien aber gescheitert. Der Krankenkassendachverband stellt die Sachlage anders dar: «Wir haben vom Hebammenverband nichts mehr gehört. Der Verband müsste aktiv werden», sagt Sprecher Paul Rhyn.

Der Verband will nun Hebammennetzwerke fördern, damit nicht jede einzelne freischaffende Hebamme - aktuell sind es schweizweit 750 - rund um die Uhr für die Schwangeren und Mütter zur Verfügung stehen muss. Doch dies alleine reicht nicht: «Die Kantone, der Bund und die Fachhochschulen müssen gemeinsam mit dem Hebammenverband Lösungen erarbeiten», fordert Präsidentin Maury Pasquier.

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