Coronakrise
Spitäler und Intensivstationen am Limit: Wie Alain Berset eine riskante Wette gegen die Zeit eingegangen ist

Die Intensivstationen sind am Anschlag. Schon lange warnten Experten. Der Bundesrat sah es anders. Eine Geschichte, über das Dilemma, zu Coronazeiten Entscheide zu treffen.

Lucien Fluri
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Alain Berset, als er Anfang Dezember eine Corona-Teststation in Muttenz besuchte.

Alain Berset, als er Anfang Dezember eine Corona-Teststation in Muttenz besuchte.

Peter Klaunzer / KEYSTONE

Der 28. Oktober war ein Wendepunkt in der Schweizer Coronapolitik. Sperrstunde ab 23 Uhr, Maskenpflicht draussen, keine Grossveranstaltungen mehr. Der Bundesrat zog die Schraube an und entmachtete die Kantone.

An diesem Tag ging Gesundheitsminister Alain Berset eine Wette ein. Er begab sich auf ein Rennen gegen die Zeit. Die Experten der wissenschaftlichen Task Force warnten damals eindringlich: Die Massnahmen reichen nicht, Mitte November werden die Intensivstationen überlastet sein.

Doch das Horrorszenario schien Berset nicht zu erschrecken: Er gab sich gelassen, wusste offenbar mehr als die Experten. «Wenn wir im Bundesrat überzeugt wären, in zehn Tagen seien die Spitäler in der ganzen Schweiz überlastet, hätten wir noch strengere Massnahmen beschlossen», sagte er der «NZZ». Woher hat er die Gewissheit, dass er die Warnungen der Experten vorläufig in den Wind schlagen kann?

Task Force-Mitglied warnte das BAG am Tag vor dem Bundesratsentscheid

Diese Zeitung hat, gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz, vom Bundesamt für Gesundheit die Dokumente verlangt, auf die sich Berset bei seiner Einschätzung bezog. Nur ein Dokument legte das Amt vor, das konkret eine Voraussage zur Belegung der Intensivstationen macht. Erstellt hat es Thomas Van Boeckel, Professor an der ETH Zürich und Mitglied der Task Force. Er macht die Modellberechnungen zur Belastung der Spitäler. Van Boeckel selbst kann sich heute nur schwer vorstellen, dass seine Präsentation Grundlage für Bersets Aussagen sein kann, wie er im Gespräch sagt. Denn er warnte das Bundesamt für Gesundheit am Tag vor dem Bundesratsentscheid eindringlich vor der drohenden Überlastung. Wie später der Task Force-Chef.

Berset hatte laut den Dokumenten also keine Gewissheit, dass die Überlastung ausbleibt. Doch wie lässt sich der Entscheid erklären? Gehen wir auf die Spuren eines Rennens gegen die Zeit, das in diesen Tagen verloren scheint: Heute sind die Spitäler an den Grenzen. Das Personal: Knapp und ausgelaugt. Doch es waren schwierige Entscheide zu treffen. Ein Dilemma zwischen Gesundheit und Wirtschaft.

Am Anfang schien es noch, gut zu kommen

Zeitweise schien es, als ob Berset die Wette gewinnen würde. Wochenlang blieben die Intensivstationen nicht überbelegt. Wie gross der Druck war, zeigt aber das Verhalten des Bundes in den Tagen nach dem 28. Oktober. Die Intensivbetten blieben Thema. Schweizweit waren Betten noch frei. Einzelne Kantone kamen aber an die Grenzen; das Wallis etwa, wo die Restaurants dann schliessen mussten. Berset legte sich derweil mit den Kantonen an, die offiziell noch die Hoheit über die Coronamassnahmen hatten. «Es gibt einen Koordinationsmangel» unter den Kantonen, sagte er den Medien. Nicht akzeptabel sei, dass gewisse Kantone Wahleingriffe nicht aufschieben würden.

Wir können doch nicht die ganze Wirtschaft runterfahren, nur damit die Spitäler Wahleingriffe vornehmen können.

Die Wette kennt zwei Partner:

-Berset muss sich die Frage gefallen lassen, ob der Bundesrat zu spät gehandelt hat.

-Die Wissenschaft muss sich Fragen zu ihrer Glaubwürdigkeit gefallen lassen. Sie warnten, doch die Überlastung kam nicht. Wie schon im Frühling.

Welchen Preis mussten die Patienten bei dieser Wette bezahlen?

ETH-Professor Boeckel nennt zwei Gründe dafür, dass die Warnungen – vorerst – nicht eintraten: Einerseits zeigten die beschlossenen Massnahmen eine gewisse Wirkung. Der zweite Grund aber ist beunruhigender: Van Boeckel hat diese Woche ein neues Arbeitspapier vorgelegt. Es enthält eine erstaunliche Beobachtung: Ab November kamen anteilsmässig plötzlich immer weniger der Covid-Patienten, die im Spital waren, auf die Intensivstationen. Das ist erstaunlich, weil es nicht weniger schwere Fälle gab, wenn man die Sterblichkeit anschaut. Nun könnte die verbesserte Medikation ein Grund dafür sein. Dies ist aus Sicht des Wissenschafters aber wenig wahrscheinlich.

Seine Annahme lautet: Die Spitäler nahmen vielleicht bereits (unbewusst) eine Triage vor, wer noch auf die Intensivstation kommt. Es könnten also nicht mehr alle Patienten die volle intensivmedizinische Betreuung erhalten haben.

Hinzu kam: Operationen wurden nicht durchgeführt, um die Intensivstationen zu entlasten. Van Boeckel nimmt in seinem Papier erstmals eine gesamtschweizerische Schätzung vor: Mehr als 10'000 Patienten mussten in der zweiten Welle bisher auf eine Operation verzichten. Dies könne langfristige Konsequenzen auf die Gesundheit der Bevölkerung haben, warnt er.

Der Bundesrat musste abwägen

Damit sind wir bei der Frage: Um welchen Einsatz geht es bei dieser Wette gegen die Zeit? Treffen die Annahmen des Wissenschaftlers zu, wurde mit der Gesundheit der Patienten gespielt. Aus Sicht des Bundesrates gibt es aber noch einen anderen Wetteinsatz: der Zustand der Wirtschaft. Der Bundesrat hatte auch diese Abwägung zu machen, wie der Antrag zeigt, den Berset Ende Oktober in den Bundesrat einbrachte. Er liegt dieser Zeitung vor. Es wurde damals in der Landesregierung über happige wirtschaftliche Folgen einzelner Massnahmen diskutiert.

Die Wissenschafter regieren nicht die Schweiz. Die politischen Entschiede werden von anderen gefällt

, sagte schliesslich Alain Berset, darauf angesprochen, dass der Bundesrat die Warnungen der Wissenschaft nicht umsetzte. Der Satz mag auf den ersten Blick überheblich klingen. Er ist aber verständlich, wenn man auf einen anderen damaligen Satz des Gesundheitsministers blickt: «Am Ende funktioniert jede Strategie nur dann, wenn sie von der Bevölkerung mitgetragen wird», sagte er.

Die Bevölkerung glaubte Berset nicht wirklich

Tatsächlich schien das Mitmachen bei härteren Massnahmen nicht gegeben: Kurz bevor der Bundesrat Veranstaltungen verbot, tat dies der Kanton Bern. Zeter und Mordio schrien Anhänger und Verantwortliche des Eishockeyclubs SCB, der keine Spiele mehr mit Publikum durchführen durfte.

Doch die Zeit lief. Sagte Berset Ende Oktober noch: «Wir haben für die nächsten Schritte genügend Zeit.» So heisst es heute in Bundesbern: «Die Krise gibt den Takt vor.» Der Bundesrat scheint getrieben, auf die steigenden Fallzahlen zu reagieren. Die Verschärfungsspirale dreht. Im Rennen gegen die Zeit scheint es derzeit keine Verschnaufpause zu geben.