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Unangebrachte Tweets: Dem Chef des Tessiner Fernsehens wird das Dossier zu sexuellen Belästigungen entzogen

Die oberste SRG-Führung hat RSI-Direktor Maurizio Canetta das Dossier zu sexuellen Belästigungen und Mobbing entzogen. Grund sind zwei Tweets, die Canetta letztes Jahr abgesetzt hat.

Gerhard Lob aus Locarno
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Maurizio Canetta kann das Dossier nicht bis zu seiner Pensionierung weiterführen.

Maurizio Canetta kann das Dossier nicht bis zu seiner Pensionierung weiterführen.

Keystone

Der amtierende Direktor des Radios und Fernsehens der italienischen Schweiz (RSI), Maurizio Canetta, geht Ende März in Pension. Bis zu diesem Zeitpunkt wird er nicht mehr für das Dossier zu sexuellen Belästigungen und Mobbing zuständig sein.

Der Entscheid kam von SRG-Verwaltungsratspräsident Jean-Michel Cina und SRG-Generaldirektor Gilles Marchand als Reaktion auf zwei Tweets Canettas, die als «inopportun» angesehen wurden. Die Verantwortung für das Dossiers der sexuellen Belästigung wurde einstweilen an Enrico Carpani übergeben, den Leiter des Departements Sport.

Canetta will die Konsequenzen tragen

Maurizio Canetta bestätigte am Dienstag auf Twitter die Nachricht, welche zuerst von der Tageszeitung «La Regione» verbreitet worden war. Alles, was geschrieben worden sei, sei korrekt. «Ich habe einen Fehler begangen, und dafür übernehme ich die Verantwortung und trage die Konsequenzen. Ich habe mich auch entschuldigt», schreibt er. Und weiter: «Wenn man einen Fehler macht, ist es richtig, die Konsequenzen zu tragen, vor allem wenn man eine wichtige und delikate Rolle innehat.»

Die beiden nicht-opportunen Tweets stammen vom vergangenen April, also noch aus Zeiten, bevor die Debatte über sexuelle Belästigungen bei den Unternehmenseinheiten der SRG explodiert ist. Offenbar hat Canetta in diesen Tweets als Antworten in einer Diskussion, in der es um ein sexuelles Sujet ging, schlüpfrige Andeutungen gemacht.

Die Tweets waren daraufhin bei der Personalabteilung von RSI gemeldet worden. Canetta entschuldigte sich schon damals und löschte die Tweets. Doch jemand hat diese offenbar als Beweise aufgehoben und vor kurzem an die SRG-Generaldirektion gesandt. Diese handelte nun.

«Gravierender Mangel an Respekt»

Wie bei RTS in der Romandie ist das Thema der sexuellen Belästigungen auch bei RSI ein sehr heisses Eisen. Im November 2020 waren der Gewerkschaft SSM mehr als 30 Vorfälle gemeldet worden, die nun durch eine externe Rechtsanwaltskanzlei ausgewertet werden. Am 19. Januar hatte die neue Präsidentin von der Tessiner SSM-Sektion, Maria Chiara Fornari, in einem Interview mit «Le Temps» schwere Vorwürfe gegen die RSI-Leitung erhoben.

Sie sagte unter anderem: «Frauen werden ungestraft in der Öffentlichkeit gedemütigt und beruflich verunglimpft. Sexistische Witze werden nicht nur auf den Fluren gemacht, sondern auch in Meetings. Es herrscht ein gravierender Mangel an Respekt, der Leid erzeugt und der Arbeit und Kreativität schadet.» Es herrsche zudem eine Kultur der Omertà. Bekannte Missstände würde geheim gehalten.

Sicher ist, dass der neue RSI-Direktor Mario Timbal ein heisses Dossier in die Hände bekommt. Er wird seine Arbeit bei der SRG am 1. März aufnehmen, dann aber einen Monat auf der Generaldirektion in Bern sein, bevor er am 1. April definitiv sein Amt in Lugano antritt. Canetta ist seit 1. Juni 2014 RSI-Direktor.

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