Strassenverkehr
Ausserorts Tempo 60 bei Strassen ohne Mittelstreifen? Grüne Nationalrätin will Autofahrer bremsen

Ohne Mittelstreifen soll ausserorts Tempo 60 gelten: Das schlägt Marionna Schlatter vor. Die grüne Nationalrätin argumentiert mit der Sicherheit. SVP-Nationalrat Walter Wobmann hingegen sagt, sie wolle bloss Autofahrer schikanieren.

Kari Kälin
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Ein Bild aus früheren Zeiten: Auf diesem Streckenabschnitt am Sihlsee in Einsiedeln darf man nur noch mit 60 Stundenkilometern fahren.

Ein Bild aus früheren Zeiten: Auf diesem Streckenabschnitt am Sihlsee in Einsiedeln darf man nur noch mit 60 Stundenkilometern fahren.

Bild: Einsiedler Anzeiger

Langfristig zeigen die Zahlen nach unten, im letzten Jahr wurde der positive Trend aber gestoppt. 227 Menschen verloren auf Schweizer Strassen ihr Leben (2019: 187) und 3793 Menschen (2019: 3639) erlitten schwere Verletzungen. Die dritthäufigste Ursache bei Unfällen mit schweren Personenschäden ist eine zu hohe und den Umständen nicht angepasste Geschwindigkeit.

Doch das Tempo, sagt Marionna Schlatter, sei eine «heilige Kuh». Die Zürcher Nationalrätin (Grüne) will sie jetzt auf einem ganz bestimmten Abschnitt schlachten: Nämlich ausserorts, wo ein Mittelstreifen fehlt. In einer kürzlich eingereichten Motion verlangt die Verkehrspolitikerin, dass bei solch engen Passagen nur noch mit 60 anstatt 80 km/h gefahren werden darf. Die zulässige Höchstgeschwindigkeit stimme dort nicht mit der Infrastruktur überein.

Die Zürcher Nationalrätin Marionna Schlatter (Grüne).

Die Zürcher Nationalrätin Marionna Schlatter (Grüne).

Bild: Peter Klaunzer/Keystone

Von der Temporeduktion verspricht sich Schlatter mehrere Vorteile: Unfälle sollen ganz verhindert werden oder zumindest weniger schwerwiegend sein. Geringerer Lärm und weniger Treibstoffverbrauch sieht sie als weitere positive Nebeneffekte. Schliesslich ist Schlatter auch überzeugt, dass Nebenstrassen unattraktiver und der Verkehr deshalb auf die übergeordneten Strassennetze gelenkt würde.

Bloss: Passieren ausserorts auf Abschnitten ohne Mittelstreifen, dort also, wo das Kreuzen in hohem Tempo oder das Überholen von Velofahrern eine spezielle Herausforderung darstellt, mehr schwere Unfälle als ausserorts auf Abschnitten mit Mittellinie? Die Antwort lautet: Man weiss es nicht. In den Unfallprotokollen notiert die Polizei nicht, ob ein Mittelstreifen vorhanden war oder nicht.

Beratungsstelle sieht kein grosses Potenzial

Fest steht hingegen: Die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) schätzt das Potenzial, mit tieferen Tempolimiten auf Ausserortsstrassen ohne Mittelstreifen viele Unfälle zu vermeiden, als eher gering ein. «Man kann davon ausgehen, dass ein Grossteil der Autofahrenden das Tempo auf solchen Strassen von sich aus reduziert, weil diese in aller Regel schmaler sind», sagt ein Sprecher. Er hält aber auch fest: «Das Risiko für Unfälle mit schweren Verletzungen ist grundsätzlich tiefer, je langsamer gefahren wird.»

Der Solothurner SVP-Nationalrat Walter Wobmann.

Der Solothurner SVP-Nationalrat Walter Wobmann.

Bild: Alex Spichale

Acht Nationalräte und Nationalrätinnen der Grünen und SP haben Schlatters Vorstoss mitunterzeichnet. Von rechten Spektrum hingegen ist Widerstand garantiert. «Ich werde diese rot-grüne Schnapsidee bekämpfen», sagt Walter Wobmann. Der Solothurner SVP-Nationalrat und Verkehrspolitiker glaubt nicht, dass die Strassen ausserorts mit einer solchen Massnahme sicherer werden.

«Es geht Schlatter darum, die Autofahrer zu schikanieren.»

Und vielerorts bestehe gar nicht die Möglichkeit, auf ein übergeordnetes Strassennetz auszuweichen, um von A nach B zu kommen. Schlatter kontert: «Mehr Verkehrssicherheit und weniger Unfälle liegen auch im Interesse der Autofahrer.»

Im Kanton Schwyz gab es einen Rekurs gegen eine Temporeduktion

Ausserorts die Autofahrer abzubremsen, das löst durchaus Protest aus. Das erfuhr der Bezirksrat Einsiedeln, wie die Exekutive dort heisst, als er vor zwei Jahren beschloss, auf einem längeren Abschnitt – ohne Mittelstreifen – rund um Sihlsee die Tempolimite von 80 auf 60 km/h herunterzuschrauben. Ein Bürger legte Rekurs ein. Die Schwyzer Regierung lehnte diesen aber ab. Die Strecke um den Sihlsee ist beliebt bei Velofahrern, Inlineskatern und Rollskifahrern. Der Bezirksrat argumentierte mit der Sicherheit. Viele Gefahren könnten bei Tempo 80 nicht rechtzeitig erkannt werden.