Genderfrage
SVP-Offensive gegen Transmenschen: Hürden bei Geschlechtsänderung sollen bleiben

Parlamentarier der Volkspartei wollen die Hürden für Geschlechtsänderungen nur für Intersexuelle senken – nicht aber für Transmenschen. Diese sollen weiterhin den Weg vor Gericht antreten müssen.

Tobias Bär
Drucken
Teilen
Eine Person an einer Kundgebung für die Rechte von Transmenschen. (Symbolbild)

Eine Person an einer Kundgebung für die Rechte von Transmenschen. (Symbolbild)

KEYSTONE/EPA/HAYOUNG JEON

Wer sein Geschlecht und seinen Vornamen ändern lassen will, soll das in Zukunft einfacher tun können. Geht es nach dem Bundesrat, wäre für den Wechsel von «Mann» zu «Frau» oder umgekehrt kein Gerichtsverfahren mehr nötig, eine einfache Erklärung beim Zivilstandsamt würde genügen. Adressaten der Neuerung sind einerseits Transmenschen – also Personen, deren Geschlechtsidentität sich vom bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht unterscheidet. Und andererseits Intersexuelle – also Personen, deren Geschlecht nicht eindeutig bestimmt werden kann.

Die Thurgauer SVP-Nationalrätin Verena Herzog stört sich an der geplanten Vereinfachung. Noch während die Vernehmlassung zur Vorlage läuft, hat sie in der Sommersession einen Vorstoss eingereicht. Herzog fordert eine Differenzierung zwischen Transmenschen und Intersexuellen. Für Letztere sei eine einfachere Änderung des Geschlechtseintrags angezeigt, «da die Uneindeutigkeit des biologischen Geschlechts tatsächlich und verständlicherweise ein Problem darstellt». Für Transmenschen hingegen sei die jetzige Regelung mit Gerichtsentscheid richtig.

«Scheinheiliger» Vorstoss?

Herzog verlangt nicht nur unterschiedlich hohe Hürden für Intersexuelle und Transmenschen. Sie spricht darüber hinaus davon, dass die Anliegen der Intersexuellen durch Transgender-Organisationen instrumentalisiert würden. Daniela Truffer von der Organisation Zwischengeschlecht.org teilt diese Meinung: «Intersex wird in Bern tatsächlich konstant für die Anliegen von Homosexuellen, Bisexuellen und Transmenschen sowie für die Genderpolitik vereinnahmt. Unser Hauptanliegen bleibt dabei aber auf der Strecke.»

Zwischengeschlecht.org setzt sich seit Jahren für ein Verbot von unnötigen Genitaloperationen ohne Einwilligung bei Säuglingen und Kleinkindern mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen ein. Die Erklärung des Bundesrates, geschlechtsbestimmende Operationen bei gesunden Kindern seien bis in die jüngste Vergangenheit durchgeführt worden – würden heute also nicht mehr praktiziert –, sei falsch, sagt Truffer. Im Kampf gegen «Genitalverstümmelungen» habe man bisher jedoch auch von der SVP nie Unterstützung erhalten, womit Herzogs Vorstoss «etwas scheinheilig» sei.

Henry Hohmann vom Transgender Network Switzerland sagt: «Die unbürokratische Änderung des Geschlechts ist auch für uns nicht das wichtigste Thema, noch wichtiger ist eine Verbesserung der Gesundheitsversorgung von Transmenschen.» Da sei die Stossrichtung
der Vorlage positiv: «Sie erleichtert den Betroffenen das Leben – und zu diesen gehören auch intersexuelle Menschen, die ihr Geschlecht ändern möchten.»

WHO ändert Praxis

In den Augen von SVP-Politikerin Herzog bringt die vorgeschlagene Neuerung hingegen Beliebigkeit, Rechtsunsicherheit und Missbrauchsgefahr. Seien die Hürden für eine Geschlechtsänderung in Zukunft derart tief, könnten sich Männer auf diesem Weg beispielsweise der Militärdienstpflicht entziehen. Der Bundesrat hält im Bericht zur Vorlage allerdings fest, die Zivilstandsbeamten dürften keine leichtsinnigen Erklärungen entgegennehmen.

Laut Henry Hohmann kommen leichtfertige Geschlechtsänderungen so gut wie nie vor. Stehe die Änderung des amtlichen Geschlechts doch am Ende eines langen Prozesses: «Ich habe nicht das Gefühl, dass Frau Herzog weiss, was Transidentität bedeutet.» So schwinge im Vorstoss implizit die Haltung mit, Transmenschen litten unter einer psychischen Krankheit. Spätestens mit dem jüngsten Entscheid der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sei diese Einstellung nicht mehr zeitgemäss. Die WHO ordnet Transsexualität seit wenigen Tagen nicht mehr unter psychischen Störungen, sondern im Kapitel sexuelle Gesundheit ein.

Zu den Unterzeichnern des Vorstosses gehört auch der Tessiner Nationalrat Marco Romano. Während eine Vereinfachung für Intersexuelle noch nachvollziehbar sei, reiche für Transsexuelle der Status quo, sagt der CVP-Politiker. Die offiziellen Stellungnahmen der Parteien stehen noch aus, die Vernehmlassung dauert bis Ende September.

Aktuelle Nachrichten