Jungsozialisten

Tamara Funiciello: «Wahrscheinlich bin ich weniger provokant als meine Vorgänger»

Juso-Präsidentin und Berner Kantonsparlamentarierin Tamara Funiciello.

Tamara Funiciello führt die Shitstorms gegen sich darauf zurück, dass sie Frau und Migrantin ist. Die Präsidentin der Jungsozialisten erklärt, wie sie mit Morddrohungen umgeht und warum Frauen streiken müssen.

Tamara Funiciello, über Sie haben die Medien in einem Jahr als Juso-Präsidentin mehr berichtet als über Ihre beiden Vorgänger zusammen. Suchen Sie das Rampenlicht?

Mein Ziel ist, Inhalte zu transportieren, das ist wichtig für uns Juso. Trotzdem suche ich nicht unbedingt das Rampenlicht, obwohl das natürlich unseren Aktionen hilft.

Wenn Sie etwa den BH verbrennen?

Das ist der Teil von mir, den die Leute sehen. Was man weniger sieht, ist meine parlamentarische Arbeit. Ich habe sowohl im Berner Grossrat wie auch im Stadtrat eine 100-prozentige Annahmequote meiner Vorstösse. Und zwar nicht, weil sie weniger radikal wären. Das können die wenigsten vorweisen.

Zum Beispiel?

Berlin hat jetzt den 8. März, also den internationalen Frauentag, als arbeitsfreien gesetzlichen Feiertag eingeführt. Die Stadt Bern hätte das eigentlich schon seit einem Jahr, wenn meine Motion endlich umgesetzt würde. Diesen weniger provokativen, aber wichtigen Teil sieht man weniger.

Mit dem provokativen Teil aber lösen Sie rekordverdächtig viele Shitstorms aus. Wie im letzten Sommer, als Sie das Lied «079» von Lo & Leduc kritisierten und meinten, es sei die Geschichte eines Stalkers.

Ich sagte, es handle von einem Nein einer Frau, das nicht akzeptiert wird. Das war Kulturkritik, wie sie gemacht wird, seit es Kultur gibt – zum Glück, sonst bekämen wir ein Problem mit der Kultur. Wenn ich das aber mache, löst das einen Shitstorm aus. Ich habe übrigens auch gesagt, dass Hunderte von Büchern und Tausende von Liedern das Gleiche propagieren.

Ging es in allen fünf Shitstorms, die Sie als Juso-Präsidentin auf sich zogen, um Frauen?

Waren es wirklich fünf? Ja, es ging um Frauen und Migrantinnen und Migranten. Das sind die zwei Themen, bei denen es «räblet» – das sagen auch nationale Parlamentarierinnen und Parlamentarier.

Demnach hat Ihre kürzliche Aussage, es sei «zum Kotzen», dass Bundespräsident Maurer am WEF den umstrittenen brasilianischen Präsidenten in Schutz genommen habe, keinen Shitstorm ausgelöst?

Es gab keine zusätzlichen Reaktionen über das übliche Grundrauschen hinaus. Ich bekomme ein, zwei Dutzend Mails pro Tag, in denen mir jemand mitteilt, was ich alles falsch gemacht hätte – das gehört einfach dazu. Es gab aber keinen Aufschrei.

Sie haben mal gesagt, die Leute wollten Sie gerne als Opfer sehen. Wie meinen Sie das?

Wenn ein Shitstorm losgeht, bekomme ich nicht nur sehr viel Hass, sondern auch viel Unterstützung, und zwar auch aus einer Ecke, die mich sonst weder ernst nimmt, noch mit mir diskutieren will. Ich erkläre mir diese plötzliche Nettigkeit damit, dass man mich gerne in einer Opferrolle sieht, weil man da weiss, wie man mit mir umgehen soll. Wenn ich aber Dinge benenne, wenn ich fluche, dann wissen die gleichen Leute nicht, wie sie mit mir umgehen sollen, weil ich mit den Genderstereotypen breche. Ich bin nicht provokanter als meine Vorgänger. Im Gegenteil, wahrscheinlich bin ich weniger provokant. Es wird mir einfach anders angerechnet.

Nach der «079»-Kritik bekamen Sie Mord- und Vergewaltigungsdrohungen, SP-Präsident Christian Levrat reichte eine Anzeige ein. Wie viele Anzeigen wegen Drohungen waren es bisher insgesamt?

Das weiss ich nicht, denn ich kümmere mich bewusst nicht darum. Ich gebe es ab, weil es mir nicht guttut, wenn ich daran denke.

Sie kapseln sich ab?

Genau. Ich muss es nicht wissen. Da ich aber nicht Realitätsverweigerung betreiben will, sorge ich dafür, dass jemand all die Hassmeldungen sichtet, damit ich ein bisschen eine Richtung habe. Das reicht, ich muss nicht alles sehen. Ich will Politik machen, nicht mich mit solchen Idioten rumschlagen.

Sie stehen nicht persönlich in Kontakt mit der Polizei?

Doch, wir stehen öfters in Kontakt mit der Berner Kantonspolizei. Meine Partei, die Juso, unterstützt mich dabei. Das hilft mir.

Sie bezeichnen sich als Feministin. Ist das noch nötig – reicht es nicht, dass es drei Bundesrätinnen gibt?

Nein, das reicht definitiv nicht. Solange ich dermassen viele Morddrohungen bekomme, weil ich offensichtlich so viele Leute störe, wenn ich mich äussere, so lange braucht es noch Feminismus. Solange es eine Schlagzeile wert ist, dass Frauen überhaupt gewählt werden. Solange Frauen schlecht oder gar nicht bezahlt werden. Solange Frauen zusammengeschlagen werden, weil sie Frauen sind.

Sie planen einen grossen Frauenstreik wie 1991. Werden wieder Hunderttausende nicht nur linke Frauen die Arbeit niederlegen?

Das kann ich noch nicht sagen. Ich bin viel unterwegs bei den verschiedenen Komitees schweizweit. Da sehe ich sehr junge Frauen, 14- oder 15-Jährige, die sagen: So will ich nicht leben. Ich will sorglos in den Ausgang gehen können, und es kann nicht sein, dass ich anders behandelt werde als mein Bruder, es kann nicht sein, dass ich dazu erzogen werde, Sicherheitsmassnahmen zu ergreifen, um nicht belästigt zu werden, meinem Bruder aber nicht gesagt wird: Belästige keine Frauen.

Machen nur junge Frauen mit?

Die ganze Bandbreite, von 14 bis 70. Sie sitzen alle im gleichen Raum und überlegen, wie sie streiken wollen. Selbst wenn am 14. Juni nicht Hunderttausende marschieren und ihre Arbeit niederlegen werden, ist es für die Frauenbewegung ein riesiger Erfolg. Denn wir schaffen es seit Jahren, unsere Themen zu platzieren und den Druck aufrechtzuerhalten, damit Frauen in den Bundesrat gewählt werden, auch wenn das nicht mein Hauptanliegen ist. Und es ist ein Fortschritt, wenn im Wahljahr all die lustigen bürgerlichen Parteien, die jetzt ihren Feminismus entdeckt haben, sagen, wie fest sie sich um die Frauen sorgen.

Warum ist Ihnen nicht so wichtig, wie viele Frauen im Bundesrat sind?

Gemäss der Genfer Politologin Manuela Honegger leisten Frauen den Grossteil der unbezahlten Arbeit und verdienen unter anderem deshalb pro Jahr 108 Milliarden Franken weniger als die Männer. 108 Milliarden! Obwohl Männer und Frauen etwa gleich viele Stunden arbeiten. Wenn die bürgerlichen Frauen sagen, das sei eine Frage der Vertretung, sage ich: Kolleginnen, es ist keine Frage der Vertretung, es ist eine Frage der Kohle! Von viel, viel, viel Kohle. Und wir wollen die Kohle. Ich will, dass meine Mutter für ihre Arbeit bezahlt wird und sie nach der Pensionierung gut leben kann, weil sie ein Leben lang gearbeitet hat. Karin Keller-Sutter im Bundesrat nützt da herzlich wenig.

Befassen Sie sich deshalb an der Jahresversammlung der Juso nächstes Wochenende mit «Care-Arbeit»?

Schauen Sie, es ist doch absurd: Wir leben in einer Gesellschaft, in der Leute, die Waffen herstellen, besser bezahlt werden als Leute, die sich um die Kinder kümmern. Wir fordern eine Gesellschaft, in der Leute, die unsere Kinder grossziehen, unsere Eltern pflegen und dafür sorgen, dass Beziehungen funktionieren, also Care-Arbeit leisten, besser bezahlt werden als Leute, die Mordmaschinen herstellen. Das finde ich nicht so abstrus.
Sie wollen das Ziel erreichen, indem Sie die Arbeitszeit bei gleichem Lohn verkürzen. Das tönt utopisch.
Warum denn? Wir werden immer produktiver, all die Computer, Roboter und sonstigen Hilfsmittel nehmen uns immer mehr Arbeit ab.

Die Politik zieht aber mehrheitlich in die Gegenrichtung, bürgerliche Politiker wollen flexibilisieren.

Ihre Logik ist einfach: Je mehr die Arbeitszeit flexibilisiert – also verlängert – wird, desto mehr Konkurrenz gibt es zwischen den Leuten, desto mehr können sie profitieren. Wenn man 50 Stunden arbeitet statt 40, dann braucht es nur noch vier von fünf Leuten. Das führt dazu, dass einer gehen muss. Dann gibt es wieder einen Arbeitslosen mehr, und man kann die Leute besser ausbeuten. Hingegen wäre es gesamtgesellschaftlich unglaublich wichtig, die Arbeitszeit zu senken. Das wäre gut für alle: gut für alle Jungen, weil es das Problem der Jugendarbeitslosigkeit lösen würde, gut für die über 50-Jährigen, die keinen Job mehr finden, gut für Familien, weil die Kinderbetreuung besser aufgeteilt werden kann, und erst noch gut für die Natur: Schon eine jährliche Reduktion der Arbeitszeit um 0,5 Prozent würde bis 2100 die Hälfte der Erderwärmung verhindern.

Wer soll das bezahlen?

Die 300 reichsten Leute sind letztes Jahr in diesem Land um 60 Milliarden reicher geworden. Und da erzählen sie uns, wir könnten es uns nicht leisten, weniger zu arbeiten, unsere AHV zu zahlen, Krankenkassenprämien zu verbilligen und so weiter. Irgendwo läuft etwas falsch!

Wollen Sie die Reichsten enteignen?

Oder einfach fair besteuern.

Dann ziehen sie fort.

Das bezweifle ich, denn ich frage mich, wohin sie ziehen wollen. Dazu ist die Steuerbelastung in der Schweiz viel zu tief.

Sie kandidieren für den Nationalrat. Welche Zukunftspläne haben Sie sonst noch?

Ich werde sicher mein Studium der Geschichte und Sozialwissenschaften abschliessen und daneben weiterarbeiten. Meine Mutter besteht darauf. Ich habe überhaupt keine Angst, mich mit einem Bundesrat anzulegen, aber sehr viel Angst, mich mit meiner Mutter anzulegen. Deshalb werde ich fertig studieren.

Tamara Funiciello (28) präsidiert seit Sommer 2016 die JungsozialistInnen Schweiz. Die Tochter eines Italieners und einer Schweizerin ist in Bern geboren und hat lange in Sardinien gelebt. Sie ist Mitglied des Berner Kantonsparlaments.

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