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Tiefer Lohn, hohes Risiko: Eine Spitalreinigerin über die Gefahrenzone und ihr «sexy gelbes Kleid»

Spitalreinigerin Allison Sträuli: «Ich nenne es mein sexy gelbes Kleid.»

Spitalreinigerin Allison Sträuli: «Ich nenne es mein sexy gelbes Kleid.»

In der Coronakrise werden die tiefen Löhne in der Pflege zum Thema. Doch es gibt eine Berufsgruppe, die noch weniger verdient. Reinigungsfrau Allison Sträuli, 48, sagt, weshalb man ihren Job nicht unterschätzen dürfe.

«Ich stehe jeden Morgen um 4.15 Uhr auf, weil in der Coronazeit weniger Busse fahren. Wo ich wohne, sind um diese Zeit neben mir nur die Füchse unterwegs. Um 7Uhr beginnt die erste Schicht im Spital Bülach. Meine Chefin sagt mir dann, auf welchem Stock ich arbeite. E3 und E4 zum Beispiel.

Einige Kolleginnen arbeiten nicht gerne auf E4. Das ist die Gefahrenzone: Dort liegen die Covid-19-Patienten. Ich kann verstehen, dass nicht alle dort arbeiten wollen, weil sie Angst haben, das Virus nach Hause zu bringen und ihre Ehemänner anzustecken. Das respektiere ich.

Ich arbeite oft auf E4. Vor dem Virus habe ich Respekt. Aber ich habe keine Angst, weil ich mich strikt ans Protokoll halte. Wenn ich auf E4 arbeite, ziehe ich mein sexy gelbes Kleid an– so nenne ich den Schutzmantel –, die Schutzbrille, den Mundschutz und die engen Handschuhe. Nach jedem Raum wechsle ich die Schutzausrüstung. Normalerweise habe ich zehn Minuten für einen Raum. Für einen Raum mit Coronapatienten habe ich doppelt so lange. Ich desinfiziere alles. Immer von oben nach unten und von links nach rechts.

Ich vergleiche meine Arbeit gerne mit einer Tour auf den Mount Everest. Auch der Mount Everest kann tödlich sein. Aber wenn du einen guten Anführer hast, fühlst du dich sicher. Dieses Vertrauen geben mir meine Chefinnen und meine Kolleginnen, ich nenne sie Schwestern. Wir Reinigungsfrauen sind wie eine grosse Familie.

Ich wurde schon zweimal auf Corona getestet: zweimal negativ. Einmal habe ich nach der Arbeit die typischen Symptome gespürt wie Husten und Kopfschmerzen. Einmal bin ich mit einer Familienangehörigen, die coronapositiv war, im Auto gefahren. Aber beide Male habe ich Glück gehabt.

Reinigungskraft Allison Sträuli: «Du musst das Herz, den Glauben und die Liebe für den Job haben.»

Reinigungskraft Allison Sträuli: «Du musst das Herz, den Glauben und die Liebe für den Job haben.»

Ich arbeite gerne auf E4, weil uns die Patienten dort besonders brauchen. Sie erhalten keinen Besuch, das ist so traurig. Einsam hängen sie an den Schläuchen. Ich versuche, sie aufzuheitern, indem ich einen guten Vibe verbreite. Ich kann nicht so gut Deutsch, aber wenn zwei Leute miteinander lachen, müssen sie nicht die gleiche Sprache sprechen, um sich zu verstehen.

Die Patienten gehen mir so tief ins Herz. Manchmal weine ich eine Träne mit ihnen. Aber dann wische ich sie schnell weg, lache wieder und rede mit ihnen, als wäre es der schönste Tag.

Wenn du im Spital arbeitest, kannst du nicht deine Sorgen von zu Hause mitnehmen. Am Eingang werde ich wie zu einer anderen Person. Manchmal singe ich während der Arbeit oder tanze sogar ein bisschen.

Viele Leute verdienen viel mehr Geld als ich, vor allem in anderen Branchen, aber sie sind nicht glücklich. Ich sage immer: Wenn du nicht glücklich bist mit der Arbeit wegen des Betrags, dann wirst du nie glücklich mit ihr sein – egal, ob es jetzt 4000 oder 8000 Franken sind. Ich liebe meine Arbeit, deshalb bin ich mit dem Lohn zufrieden. Aber natürlich: Wenn man uns ein paar hundert Franken mehr geben würde, ich und meine Spitalschwestern würden nicht Nein sagen. Man darf unsere Bedeutung im Spital nicht unterschätzen. Jeder Beruf spielt hier eine kritische Rolle. Wir sind auch nicht nur dazu da, um zu putzen. Wir machen etwas Ähnliches wie ein Psychiater. Was macht ein Psychiater? Er motiviert die Leute. Das machen wir auch, wenn wir einen Raum betreten. ‹Guten Morgen, wie geht’s?›, sagen wir dann. Ein Patient hat einmal zu mir gesagt: ‹Du bist mein Morgensonnenschein.›

Am Feierabend gehe ich alleine im Wald spazieren oder übe Velofahren. Ich habe es nie gelernt. Kürzlich hat mir eine Kollegin ein Velo geschenkt, damit ich am Morgen nicht mehr mit dem Bus zur Arbeit fahren muss. Ich mache Fortschritte, aber fahre noch etwas wackelig.

Im Oktober gehe ich zurück nach Kapstadt, wo ich herkomme und wo mein Mann, meine Tochter, sie ist 28, und mein Enkel, er ist 3, wohnen. Mein Mann ist Schweizer, er wohnt aber lieber in Südafrika, weil ihm das Wetter dort guttut und er immer Golf spielen kann. Wenn meine Familie einverstanden ist, komme ich nächstes Jahr hoffentlich wieder in die Schweiz, um im Spital zu arbeiten und meine Schwestern wieder zu sehen.»

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