Munitionsbunker
Tödliche Armee-Altlasten: 70 Jahre nach der Katastrophe von Mitholz kämpft Bund um Kontrolle

Dass im alten Munitionsbunker Gefahr lauert, ist den Einwohnern von Mitholz nicht bewusst. Bis neue Erkenntnisse sie jäh aus dem Alltag reissen. Und die Angst zurückkehrt ins Dorf.

Daniel Fuchs
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Munitionsbunker in Mitholz
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Ja nicht zu viele Gedanken machen: Helfer bergen von Hand eine Bombe, während ein anderer noch weitersucht.
Das Unglück von 1947 überlebte er. Verdaut er auch den Schock über die neue Gefährdungsanalyse? Paul Zwahlen.

Munitionsbunker in Mitholz

PETER SCHNEIDER/ Keystone

Nun, nach der Schneeschmelze, ist der Bach neben dem Chalet versiegt. Johannisbeersträucher tragen reich Früchte. Im Hausschatten auf dem Bänkchen sitzt Paul Zwahlen, 80 Jahre alt. Die Augen flackern, als er uns begrüsst. Zwahlen gehört zu jenen vier Einwohnern des 180-Seelen-Weilers Mitholz, welche hier Ende 1947 die Hölle erlebt haben. Der Spruch an seinem Chalet erinnert daran. «Ein Schrecken lief durchs ganze Land – Als unser Dorf zerstört, verbrannt. Jetzt ist die Freude eingekehrt – Dass uns ein Neues ist beschert», steht in weissen Lettern auf dunklem Holz.

Zwei Wochen vorher, es ist Donnerstag, der 21. Juni 2018: Roman Lanz fährt nach Bern. Lanz ist Präsident der Gemeinde Kandergrund, zu der auch Mitholz gehört. Zusammen mit dem bernischen Regierungspräsidenten Christoph Neuhaus und der für das Gebiet zuständigen Regierungsstatthalterin Ariane Nottaris ist er von Bundesrat Guy Parmelin zu einem Treffen eingeladen worden. Lanz ist aufgeregt. Was hat der Verteidigungsminister zu sagen? Die einzige militärische Anlage auf Gemeindegebiet ist das alte Munitionsdepot, in dem 1947 Tausende Tonnen Munition und Sprengstoff explodierten. Neun Menschen fanden damals den Tod. In der Bunkeranlage befinden sich heute eine grosse Militärapotheke sowie eine Truppenunterkunft.

Wie erwartet, geht es beim Treffen mit Parmelin um den Bunker. Das Treffen dauert eine Stunde. Im ehemaligen Munitionsbunker befinde sich mehr Munition und Sprengstoff als erwartet, wird Lanz informiert. Die Gefahr sei grösser als bisher angenommen. Oberstes Ziel sei es, die Mitholzer aus erster Hand zu informieren. Das soll in einer Woche in Mitholz geschehen.

Es war der Winterabend jenes 19. Dezembers 1947. Alles ganz «normal», wie Zwahlen es erzählt in seinem Garten. «Wir, meine vier Jahre ältere Schwester, ich, 9-jährig, und unsere Eltern gingen zu Bett. Um halb 12 gab es einen Chlapf, der uns aus dem Schlaf riss. Vater sah zum Fenster hinaus und sagte: ‹Das Munitionsdepot brennt.› Es folgten zwei weitere Explosionen, die dritte war die stärkste. Zuerst suchten wir im Keller Schutz, dann entschied Vater, wir müssen flüchten. Mutter wollte noch Kleidung holen, doch Türen und Fenster lagen bereits auf dem Boden und versperrten ihr den Weg.»

In ihren Schlafröcken ging die vierköpfige Familie nach draussen, Paul Zwahlen erinnert sich an die Kälte. Schuhe hätten sie im Gegensatz zu anderen Mitholzern immerhin noch anziehen können. «Wir gingen durch den Schnee, erreichten die Hauptstrasse, Vater trieb uns immer wieder an. Mehr und mehr Leute waren auf der Strasse. Es war eine Völkerwanderung. Auch bei einem ersten Zwischenstopp in der Gaststube einer Wirtschaft war es zu gefährlich, Explosionen erschütterten immer wieder die Umgebung, Granaten flogen durch die Luft und so gingen wir weiter bis nach Kandergrund.»

 Helfer durchsuchen ein durch die Explosion komplett zerstörtes Gebäude in Mitholz im Kandertal, aufgenommen im Dezember 1947. In der Nacht auf den 20. Dezember 1947 vernichteten drei gewaltige Explosionen rund die Hälfte der Munition, die in einem Depot oberhalb von Mitholz-Blausee eingelagert waren.
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 Die durch die Explosionen im Munitionsstollen zusammengebrochene Felswand in Blausee-Mitholz 1947.
 Neun Menschen waren in ihren Häusern umgekommen, sieben zum Teil schwer verletzt worden.
 Mehr als 100 Gebäude wurden zerstört oder beschädigt.
 Helfer durchsuchen ein durch die Explosion komplett zerstörtes Gebäude in Mitholz im Kandertal, aufgenommen im Dezember 1947. Nach dieser Katastrophe sah Mitholz wie ein vom Krieg verwüstetes Gebiet aus.
 Beschädigte Häuser, Trümmer und Warnschilder vor Blindgängern.
 Das zerstörte Stationsgebäude in Blausee-Mitholz im Kandertal.
 Der Bahnhof Blausee-Mitholz wurde durch die Explosionen komplett zerstört.
 Bahnarbeiter, Rettungskräfte vor der durch die Explosionen im Munitionsstollen zusammengebrochenen Felswand in Blausee-Mitholz, Dezember 1947.
 Über 200 Menschen waren nach der Katastrophe obdachlos.
 Helfer durchsuchen ein zerstörtes Gebäude.
 Die Ungluecksursache konnte nie restlos geklärt werden, von der verschütteten, nicht detonierten Munition geht noch heute Gefahr aus.

Helfer durchsuchen ein durch die Explosion komplett zerstörtes Gebäude in Mitholz im Kandertal, aufgenommen im Dezember 1947. In der Nacht auf den 20. Dezember 1947 vernichteten drei gewaltige Explosionen rund die Hälfte der Munition, die in einem Depot oberhalb von Mitholz-Blausee eingelagert waren.

WALTER STUDER

Nachdem Gemeindepräsident Lanz von seiner Unterredung mit Parmelin ins Kandertal zurückkehrt, informiert er den Gemeindeschreiber. Martin Trachsel wohnt selbst in Mitholz. Sein Vater überlebte das Unglück von 1947 wie Paul Zwahlen als Kind. Zwahlens und Trachsels sind Nachbarn. Doch die Gemeindevertreter vereinbaren Stillschweigen, Trachsel darf nichts sagen, was ihm schwerfiel. Schliesslich steht der Bunker quasi vor der Haustür des Gemeindeschreibers.

Kriegsbilder gehen einem durch den Kopf, wenn der Überlebende Paul Zwahlen die Erlebnisse der Unglücksnacht schildert. Von den Toten erfuhr die Familie erst später. Erschlagen von Trümmern, getroffen von weggeschleudertem Gestein. Wie ein Schlachtfeld sah Mitholz danach aus. Jedes der Häuser war beschädigt, manche waren in sich zusammengestürzt, ausgebrannt. Tote Tiere lagen auf dem Talboden und überall Blindgänger, Bomben, Munition. Zwahlens konnten nicht zurück, bezogen erst einmal eine Wohnung in Kandergrund. Die Kinder wurden den Winter über ins Berner Seeland zu einer Tante geschickt. Erst im Frühling kehrte Paul Zwahlen zurück ins Kandertal. In der Zwischenzeit hatte die Armee Blindgänger, Munition und Bomben soweit möglich zusammengesammelt und im nahen Thunersee versenkt. Zwahlens konnten zurück nach Mitholz, in eine Militärbaracke. Bis sie das vom Heimatschutz finanzierte Chalet beziehen durften.

Mit den Jahren verschwanden die Narben der Katastrophe, doch immer wieder stiessen die Menschen auf Munitionsreste im Erdreich. Etwa bei Garten- oder Bauarbeiten. Ohne grössere Zwischenfälle glücklicherweise. Paul Zwahlen trat in die Fussstapfen seines Vaters und wurde Pöstler. 1974 übernahm er die Post von seinem Vater.

Im Garten setzt sich Zwahlens Tochter, Monika Küenzi, zu uns. Über die alte Lötschberglinie weiter oben, nahe der von der Explosion weggesprengten Fluh, rattert ein Güterzug.

Es ist Dienstag, der 26. Juni 2018. Parmelins Verteidigungsdepartement informiert die Betreiberin der Bahnstrecke, die BLS, sowie den kantonalen Polizeikommandanten über die Neubeurteilung der Gefahr. Bei einer Explosion wären Bahnlinie und Strasse nach Kandersteg und zum Lötschberg-Bahnverlad gefährdet.

Der Tag der Wahrheit naht. Am Mittwochabend schleichen Lanz und Gemeindeschreiber Trachsel in die Turnhalle Mitholz und richten sie für die geplanten Informationsanlässe her.

Im Garten blicken Paul Zwahlen und Monika Küenzi zum Berg hoch. Allerlei Gefahren schlummern dort oben. Lawinen verschütteten Teile des Dorfs und die Bäche traten über die Ufer. Auch Zwahlens Keller stand schon unter Wasser. Doch mit den Gefahren wissen die Bergler zu leben. «Wir sind ein geerdeter Schlag», erklärt Monika Küenzi.

Donnerstagmorgen, der 28. Juni 2018: Gemeindepräsident Roman Lanz steht früh auf. Um acht Uhr auch bereits vor Ort: Parmelins Informations-Chef Renato Kalbermatten installiert in der Turnhalle die Beamer und nimmt mit seinen Mitarbeitern Änderungen an der Einrichtung vor, wie sie Lanz und Trachsel am Vorabend vorbereitet haben. Gleichzeitig geht eine Information an die Politiker in Bundesbern und der Umgebung. Für sie gebe es Informationen um 15 Uhr. Auch ein Flugblatt liegt bereit. Im Zuge eines Bauprojekts im ehemaligen Munitionsdepot seien neue Erkenntnisse zu den «Munitionsrückständen in den verschütteten Teilen der Anlagen» gewonnen worden, steht darauf. Am selben Abend würde um 19 Uhr in der Turnhalle Mitholz informiert. Lanz gibt das Flugblatt dem Pöstler mit auf seine Tour nach Mitholz.

Um 10 Uhr überreichte der Pöstler das Flugblatt Paul Zwahlen. «Da habe ich mir gedacht, etwas wird nicht ganz sauber sein, einfach so verirrt sich ja kein Bundesrat hierher.»

Um 15 Uhr endlich erhält Roman Lanz die konkreten Informationen. 3500 Tonnen Munition und tonnenweise Sprengstoff lagern noch unter dem Schuttkegel und im verschütteten Bahnstollen, über den die Armee während des Zweiten Weltkriegs das Material in den Berg transportierte. Besonders gefährlich und was 1947 möglicherweise die Kettenreaktion überhaupt erst auslöste: Die Bomben waren nicht von den Zündern separiert worden, sondern lagerten zusammen. Unter dem Material befinden sich auch 50-Kilogramm-Fliegerbomben mit grosser Zerstörungskraft. «Wir wussten zwar, dass noch Material verschüttet da lag», sagt Roman Lanz nun, «doch das Ausmass war für uns komplett neu.»

Noch ahnungsloser ist Paul Zwahlen. Es ist 19 Uhr am Donnerstag, 28. Juni, als er und die anderen Einwohner in der Turnhalle mit der Realität konfrontiert werden. Gleichzeitig gehen erste Berichte der Medien raus, die kurz vorher informiert worden sind. «Wir wussten schlicht nicht, dass da noch so viel gefährliches Material liegt», sagt Paul Zwahlen. Eine Karte aus dem vom Bundesrat veröffentlichten Zwischenbericht zeigt, welche Szenarien mit welcher Wahrscheinlichkeit eintreten könnten und welche Todesgefahr davon ausgeht. Der Schock sitzt tief. Man merkte es förmlich, nur gerade eine einzige Frage gab es nach der Information aus der Bevölkerung. «Die Fragen blieben den Leuten regelrecht im Hals stecken», sagt Zwahlens Tochter.

Die Fragen kommen erst jetzt, mit einigem Abstand. Was passiert denn nun? Wird das Zeug nun aus der Welt geschafft? Wird man das Dorf evakuieren müssen, zumindest für die Räumarbeiten? Wer springt für den Wertverlust der Immobilien ein? Fragen über Fragen.
Für Paul Zwahlen wäre eine Evakuation «das Schlimmste»: Hier weg, aus diesem Idyll, bitte nicht! Und doch, wenn es sein muss, muss es sein. «Hauptsache, diese Gefahr wird weggeräumt!». Angst haben weder er noch seine Tochter Monika Küenzi. «Da passierte in den vergangenen 70 Jahren nichts, weshalb sollte es gerade jetzt passieren?» Und doch ist für Zwahlen klar: «Dieses Zeug muss weg.» Diese Haltung widerspiegelt diejenige der Politik in der Region.

In Zwahlens Garten ergänzt die Tochter: «Wir wurden aus einem Dornröschenschlaf geweckt. Nun sind wir wach.» Schlafen würde sie zwar noch immer bestens. Aber: «Bis die Sache aus der Welt geschafft ist, schläfert man uns nicht einfach so wieder ein.»

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