Roger Schawinski

TV-Chefs sind «Stubenhocker», Moderatoren «Schwiegersohn-Typen»: Roger Schawinski liest dem SRF die Leviten

Roger Schawinski beklagt den Abgang profilierter SRF-Journalisten – heute mangle es an starken Persönlichkeiten.

Roger Schawinski beklagt den Abgang profilierter SRF-Journalisten – heute mangle es an starken Persönlichkeiten.

Der Medienpionier veröffentlicht nächste Woche ein Buch. Die «Schweiz am Wochenende» hat es schon gelesen. Beim Schweizer Fernsehen wird man wenig Freude daran haben.

Kurz vor seinem Abschied vom SRF-Bildschirm ist Roger Schawinski wieder ganz der alte. Vorbei die Zurückhaltung gegenüber den Fernsehchefs, die sich der Medienpionier seit 2011 auferlegt hatte, als er die Talksendung «Schawinski» bekam.

Diese wird am Montag (22.55 Uhr, SRF1) letztmals ausgestrahlt – mit Schawinskis Lieblings-­Streitpartner Christoph Blocher als Gast. Eine Woche später folgt eine Abschiedssendung mit Überraschungsgästen.

Vorher aber kommt ein Buch heraus, das es in sich hat. Es erscheint erst am Mittwoch, die «Schweiz am Wochenende» konnte es aber schon lesen.

«Die Schawinski-Methode – Erfolgsrezepte eines Pioniers», lautet der nicht eben bescheidene Titel. Seine Frau Gabriella habe ihn aufgefordert, dieses Buch zu schreiben, erklärt Schawinski fast entschuldigend. Und fragt sich im Vorwort mit Blick auf seine Karriere als «Kassensturz»-Gründer, Radio- und TV-Pionier und Sat1-Chef: «Wie war das alles möglich? Weshalb ist mir das gelungen?» Seine Erkenntnisse wolle er nun, mit 74 Jahren, offen und ehrlich weitergeben.

Regeln brechen als Erfolgsmethode

Zwei Prinzipien hätten ihm als Journalist und Unternehmer den Erfolg gebracht: Erstens die «180-Grad-Methode», mit der er stets in die andere Richtung blicke, als es die meisten anderen Leute tun. So entstanden die Ideen, auf die er stets stolz war und dies das Land auch wissen liess: «Mini Idee gsi!» wurde bei «Giacobbo/Müller» zum «Running Gag».

Zweitens die Methode, Regeln zu brechen. Er habe nie zum Establishment gehören wollen, sondern als Aussenseiter das Risiko gesucht. Deswegen habe er zwar keine Angebote für Verwaltungsratsmandate oder Rotary-Club-Mitgliedschaften erhalten, dafür aber Start-ups gegründet – die ihn, was er so nicht schreibt – reich gemacht haben: 2001 verkaufte er seine Mediengruppe für 92 Millionen Franken an Tamedia.

Kapitel um Kapitel nähert sich Schawinski der Aktualität an. Ab Seite 109 folgt dann der Knaller. Frontal fährt er dem SRF an den Karren: Dem Sender fehlten profilierte Journalisten und Sendergesichter, mit denen sich das Publikum identifizieren könne.

Schwiegersohn-Typen statt Persönlichkeiten

Schuld daran seien ängstliche Chefs, die keine starke Persönlichkeiten mehr dulden würden: «Heute werden TV-Präsentatorinnen und -Präsentatoren vorwiegend nach optischen Kriterien gecastet. Bei den Herren ist offenbar vor allem der Idealer-­Schwiegersohn-Typ gefragt.» Die Frauen wiederum würden oft wie Models einer Fashion-­Show wirken.

Profilierte Fernsehgrössen, klagt Schawinski, hätten den SRF-Bildschirm verlassen: Roman Kilchsperger, Stephan Klapproth, Kurt Aeschbacher, Jonas Projer, Katja Stauber, Steffi Buchli, Susanne Kunz und Beni Thurnheer.

Das liege auch daran, dass der aktuellen Führung die Erfahrung und Kompetenz fehle, die früher etwa Erich Gysling, Filippo Leutenegger oder Diego Yanez mitgebracht hätten: «Die heutigen TV-Chefs haben weder erfolgreiche Sendungen konzipiert noch solche moderiert.

Auch sammelten sie keine Erfahrungen als Reporter in Krisenzonen. Einige von ihnen haben den Grossteil ihrer Karriere als journalistische Stubenhocker im engen Leutschenbach-Biotop verbracht, wo sie bei jeder anstehenden Vakanz quasi automatisch eine weitere Stufe nach oben erklimmen konnten», heisst es im Buch ganz Schawinski-like.

Das Resultat sei ein wenig überraschendes, spannungsarmes und weitgehend braves Programm, präsentiert «von ewig lächelnden, gut frisierten, gut angezogenen und gut erzogenen Menschen».

Angsthasen-Mentalität nach «No Billag»-Sieg

Für die Zukunft des SRF ist Schawinski deshalb wenig optimistisch. Selbst nach dem «No Billag»-Sieg herrschten Angsthasenmentalität und volkstümelnde Ambiance. Es fehle an Aufbruch und Innovation. Das sei kein Zukunftsmodell im Kampf gegen Netflix und völlig neue Konkurrenten.

Am Leutschenbach wird man das Buch natürlich lesen, aber Schawinskis Kritik als die eines älteren Herrn abtun, der in der Vergangenheit lebt. Präventiv geht er im Kapitel, das er mit «Alter weisser Mann» betitelt, selber darauf ein. Doch der bisweilen kulturpessimistische Hang bleibt der Schwachpunkt von Schawinskis Buch.

SRF-Direktorin Nathalie Wapp­ler, die vergangenen Montag bei ihm zu Gast war, landete einen Treffer, als sie seine Kritik seelenruhig mit dem Satz konterte: «Weisch, Roger, da hat sich in den letzten Jahren vieles weiterentwickelt.»

Wer Schawinski kennt, weiss, dass er der Typ «harte Schale, weicher Kern» ist. Das kommt am Ende des Buches zum Ausdruck. Er sinniert über den Sinn des Lebens und kommt zum Schluss, alles Berufliche und Geschäftliche sei «um Lichtjahre» entfernt von dem, was ihm wirklich wichtig sei: «Mein vornehmstes Ziel war es immer, als guter Sohn, Bruder, Ehemann, Vater und schliesslich auch als Opapa in Erinnerung zu bleiben. Wenn ich das schaffe, dann ist alles gut.»

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