Interview

Umstritten, skandalös, erzkonservativ – Bischof Vitus Huonder tritt ab

An Ostern endet die Amtszeit von Vitus Huonder. Der umstrittene Bischof sagt, wie sein Nachfolger das Bistum führen soll, was er von den Landeskirchen hält und weshalb es eine Verschwörung gegen ihn gegeben habe.

Er hat sich den Ruf eines Provokateurs erworben, gilt als Kirchenmann, der Unruhe unter seinen Schäfchen stiftet. Bischof Vitus Huonder trägt eine schwarze Soutane mit Pellegrina, als er unsere Zeitung im bischöflichen Schloss in Chur empfängt. Er redet leise, aber bestimmt, formuliert druckreife Sätze. An Ostern, seinem 77. Geburtstag, endet die Amtszeit als Bischof von Chur. Wen er sich als Nachfolger wünscht, verrät er nicht. Und doch wird klar, was er sich wünscht: Dass seine Linie fortgeführt wird, auch wenn das viele Gläubige ablehnen.

Vitus Huonder, am Ostersonntag endet ihre Amtszeit als Bischof des Bistums Chur. Bereuen Sie etwas?

Vitus Huonder: Ich habe versucht, mein Amt entlang der neun Versprechen zu führen, die ein Bischof bei seiner Weihe ablegt. Ich habe ein gutes Gewissen.

Welches war das wichtigste Versprechen?

Alle sind wichtig. Oft geht vergessen, dass der Bischof auch verspricht, sich an Tradition und Lehre der katholischen Kirche zu halten.

Man kann die Lehre der katholischen Kirche auf verschiedene Arten vertreten. Sie haben den Ruf eines relativ harten Bischofs. Es gab Stimmen, die sagten, man hätte mehr pastorale Klugheit walten lassen können. Welche Güterabwägung haben Sie gemacht?

Ich habe immer Güterabwägungen gemacht, um konkrete pastorale Lösungen zu suchen. Solche Lösungen müssen aber auf dem Glauben der katholischen Kirche fussen, das ist die Herausforderung.

Wir denken zum Beispiel an Hirtenbriefe von Ihnen, die als Provokation wahrgenommen wurden. Nahmen Sie damit Austritte aus der Landeskirche billigend in Kauf, oder war es sogar ein Ziel, dass quasi die «Lauwarmen» nicht mehr dabei sind?

Unser Glaube ist ein Glaube der Entscheidungen. Jesus sagt nicht, lebe wie du willst. Er fordert eine Entscheidung für Gottes Weg. So müssen auch die Worte und Taten eines Bischofs dazu ermutigen, die richtige Entscheidung zu treffen.

Finden Sie es demnach gar nicht so problematisch, wenn sich Gläubige für den Kirchenaustritt entscheiden?

Wenn die Gläubigen eine Glaubenswahrheit nicht annehmen wollen und deshalb austreten, schmerzt mich das. Ich bin in solchen Momenten machtlos. Ich kann nur meine Pflicht erfüllen und den Weg des Glaubens aufzeigen.

Was ist gefährlicher für die Kirche: Wenn die Lehre verwässert wird oder wenn die Zahl der Mitglieder schrumpft?

Die Lehre darf sich nie verwässern. Das hat Priorität.

Zur Not bevorzugen Sie eine kleinere Kirche, aber dafür eine der reinen Lehre?

Es ist eine Kirche der Entscheidung.

Das Parlament der Katholischen Landeskirche des Kantons Graubünden hat entschieden, die Beratungsstelle Adebar mit jährlich 15'000 Franken zu unterstützen. Adebar hält Abtreibung für eine legitime Option. Das Bistum Chur hat – vergeblich – bis vor Bundesgericht gegen diesen Beitrag gekämpft. Vergraulen Sie mit solchen Aktionen nicht viele Gläubige?

Es geht um Religionsfreiheit. Wir wollen nicht, dass Kirchensteuergeld gegen die Lehre der Kirche eingesetzt wird. Es ist nicht Aufgabe der Landeskirche, gegen die Lehre der Kirche zu handeln. Die Landeskirche hat eine andere Funktion.

Hat sie oder hätte sie eine andere Funktion?

Beides. Sie hätte die Funktion, den Bischof in seiner Amtsführung zu unterstützen und nicht eine Oppositionsrolle einzunehmen. Ob man das Zölibat abschaffen will oder nicht, ist eine Frage der Weltkirche und des Lehramts, nicht der Landeskirche. So, wie die Landeskirchen faktisch funktionieren, überschreiten sie nicht selten ihre Kompetenzen.

Würden Sie von einem systematischen Konflikt mit dem Bischof sprechen?

Die Landeskirchen stellen sich nicht systematisch gegen die Kirche, meist haben wir ein gutes Einvernehmen. Aber der Konflikt ist systemisch, weil die Kirche für den ganzen Glauben steht und die Landeskirchen das daran kritisieren, was dem gesellschaftlichen Mainstream widerspricht. Denn sie wollen ihre finanziellen Privilegien retten.

Innerkirchliche Reformbestrebungen – Stichworte sind das Frauenpriestertum oder die Abschaffung des Zölibats – gedeihen tendenziell eher in Landeskirchen. Sehen sie eine Zukunft für das duale System oder steuern wir auf einen Punkt zu, an dem der Bischof die Mitglieder dazu aufrufen muss, aus der Landeskirche auszutreten?

Die Zukunft hängt davon ab, wie stark sich die Katholiken mit der Landeskirche identifizieren. Wir leben in einer Demokratie. Sie kann bestehende Strukturen ins Wanken bringen, wenn viele Gläubige nicht mehr damit einverstanden sind. Ob das duale System eine Zukunft hat oder nicht, ist schwierig abzuschätzen.

Sie können sich eine Abstimmung mit den Füssen vorstellen? Man entscheidet sich gegen die Landeskirche, aber für die römisch-katholische Kirche?

Das ist eine Möglichkeit. Wir haben im Bistum Gläubige, die der römisch-katholischen Kirche treu bleiben, aber die Landeskirche nicht mehr unterstützen.

Hoffen Sie, dass sich der Konflikt von selber auflöst, indem die Leute der Landeskirche den Rücken kehren und sich direkt dem Bischof anschliessen?

Der Bischof muss frei sein in seinen Entscheiden und in seinem Amt. Wenn seine Freiheit beschnitten wird, kann er nur hoffen, dass es anders wird.

Sie haben Rom wegen der Adebar-Kontroverse gebeten, zu klären, ob die Landeskirchen noch tragbar sind. Interessiert sich Papst Franziskus überhaupt für das Thema Landeskirche?

Es ist wichtig, dass Rom über den Sachverhalt im Bild ist. Der Papst hat mich viermal persönlich empfangen. Gewisse Entwicklungen in unserem Land, die er vorher nicht kannte, bereiten ihm Sorgen. Er hält sie für bedenklich.

Wir haben den Eindruck, dass der Konflikt zwischen der Landeskirche und der römisch-katholischen Kirche im Bistum Chur am schärfsten ist. Bedrückt Sie das?

Nein. Das Bistum Chur hat immer Klartext gesprochen wie im Fall von Adebar. Deshalb entsteht in der öffentlichen Wahrnehmung das Bild, der Konflikt entzünde sich vor allem in Chur. Dabei existiert das Problem landesweit.

Haben Ihre Amtskollegen im Rest des Landes weniger Klartext gesprochen?

Das müssen Sie die Bischöfe in den anderen Bistümern fragen.

Wenn man die Lehre der katholischen Kirche vertritt, kann man aber auch das Einigende anstatt das Spaltende in den Vordergrund rücken.

Sie können nicht etwas Einigendes in den Vordergrund rücken, wenn es gegen die Lehre der Kirche steht. Was ich sage, muss immer dieser Lehre entsprechen, die sich an der Heiligen Schrift orientiert.

Sie haben an einem Vortrag in Fulda eine Passage aus dem Alten Testament zitiert, in der Homosexualität als Gräueltat bezeichnet wird, die mit dem Tod bestraft wird. War das nötig? Wäre dort nicht der Moment gewesen, ein bisschen mehr Exegese zu betreiben? Die Heilige Schrift ist auslegebedürftig.

Man hat das Zitat aus dem Kontext gerissen. Ich habe in diesem Vortrag betont, dass man dem Problem der Homosexualität mit pastoraler Liebe begegnen muss. Doch das hat man nicht beachtet.

Weshalb hat man das Ihrer Meinung nach nicht beachtet?

Weil man Bischöfe zu Fall bringen möchte, die an der Lehre der Kirche festhalten. Da ist man dem Bischof nicht wohlgesinnt.

Wer ist «man»?

Das sind Verschiedene.

Gibt es eine Verschwörung gegen den Bischof, eine Kampagne?

So habe ich es erlebt, gerade vonseiten der Medien.

Was steckt Ihrer Ansicht nach dahinter?

Man will den Bischof schlecht machen, den Dissens bewirtschaften, um den Anpassungsdruck zu erhöhen.

Steckt dahinter eine religiöse Agenda von gewissen Medienschaffenden? Oder haben diese einfach die knallige Geschichte im Kopf?

Es gibt eine Agenda, aber ich würde sie nicht religiös nennen. Es ist die Agenda des Mainstreams. Die Kirche soll dem Zeitgeist folgen.

Verstehen Sie, wenn wir so etwas Verschwörungstheorie nennen?

Das ist keine Theorie, sondern meine Erfahrung. Die Kreise, die es betrifft, wissen genau, warum sie tun, was sie tun.

Wo liegt der Kern der Verschwörung, das Zentrum, in dem sie gesteuert wird?

Ich glaube, das lassen wir lieber.

Welche Ziele haben Sie erreicht als Bischof?

Ich wollte eine gute Priesterausbildung sicherstellen, damit junge, aufgestellte Menschen in den Pfarreien wirken. Dieses Ziel habe ich zu einem guten Teil erreicht. Die Zahl der geweihten Priester und der Priesteramtskandidaten ist beachtlich. Obwohl das Schlagwort Priestermangel die Runde macht, konnten wir unsere Pfarreien gut besetzen.

In der öffentlichen Wahrnehmung dominieren die Turbulenzen. Viele Stimmen innerhalb des Bistums wünschen sich öffentlich eine integrierende Figur, sie diagnostizieren ein Misstrauen zwischen der Diözeseanleitung und den Seelsorgern an der Basis, beten für einen guten Bischof. Sind Sie schuld an all diesen Aktivitäten?

Die gesellschaftliche Entwicklung in den letzten 50 Jahren hat zu einer starken katholischen Selbstrelativierung geführt. Die Frage lautet: Geben wir den Glauben so weiter, wie wir ihn empfangen haben? Bei dieser Ausgangslage habe ich versucht dafür zu sorgen, dass der Glaube gefestigt wird, um den Menschen Orientierung zu geben.

Meinen die Leute, die einen integrativen Bischof wollen, etwas anderes, nämlich einen Laisser-faire-Bischof?

Ja, unter einem integrierenden Bischof verstehen viele einfach eine Figur, die auf dem Zeitgeist surft und zulässt, was gerade mehrheitsfähig ist, sei es in Fragen der Abtreibung, der Sterbehilfe oder der Kommunion für geschiedene Wiederverheiratete.

Ein integrierender Bischof ist also einer, der zulässt, dass die Lehre der katholischen Kirche nicht mehr gelebt wird?

Viele verstehen darunter genau das, ja.

Sie schliessen in Ihrer Analyse zur gesellschaftlichen Entwicklung an 1968 an. Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hat den 68er-Geist für die Missbräuche in der katholischen Kirche verantwortlich gemacht. Teilen Sie seine Analyse?

Ich bin selber ein Kind dieser Zeit, habe an verschiedenen Orten, in Einsiedeln, Fribourg und Rom studiert. Aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen kann ich Benedikts Analyse nur unterschreiben. Er legt den Finger auf einen wunden Punkt.

In dem Fall hätte es in der katholischen Kirche vor 1968 keine Missbräuche geben dürfen. Hat es aber.

Der moralische Relativismus ist schon älter, ja. Aber er kam erst ab 1968 richtig zum Durchbruch.

Haben Sie und die anderen Bischöfe genug beherzt durchgegriffen, als das Thema Missbrauch in den letzten Jahren vermehrt an die Öffentlichkeit drang?

Die Bischofskonferenz hat klare Richtlinien erlassen. Sie hat die Problematik nicht unter den Teppich gewischt, sondern versucht, sich ihr zu stellen.

Wir formulieren eine These: Wie in anderen grossen Organisationen auch gibt es in der katholischen Kirche eine Missbrauchsproblematik. Dass sie bei ihr so breit in der Öffentlichkeit diskutiert wird, hat weniger mit dem Ausmass des Problems zu tun, sondern vielmehr damit, dass man einen Sprengsatz an die Kirche legt. Einverstanden?

Das würde ich unterschreiben. Das Problem wird instrumentalisiert, um Stimmung gegen die Kirche zu machen. Ich habe aber ein gewisses Verständnis dafür, dass man bei der Kirche genauer hinschaut. Wir sind eine Religion, haben unseren Glauben und die Gebote, wir werden als moralische Instanz wahrgenommen. Umso schwerer wiegen solche Verfehlungen. Missbrauch darf in der Kirche eigentlich nicht vorkommen, doch auch bei uns arbeiten nur Menschen.

Wie soll Ihr Nachfolger das Bistum führen?

Er soll die Menschen, die im Bischof einen Garanten für Glaubenstreue sehen, nicht im Regen stehen lassen. Sie sollen den Weg der eigenen Glaubenstreue mit dem Schutz des neuen Oberhirten weiter beschreiten können.

Sie haben sicher mit dem einen oder anderen potenziellen Nachfolger Gespräche geführt und den Papst darüber informiert?

Der Bischof muss Rom regelmässig berichten, wer aus seiner Sicht neuer Bischof werden könnte – nicht nur, wenn die Wahl unmittelbar bevorsteht. Ich habe mir natürlich überlegt, wer infrage kommen könnte.

Generalvikar Martin Grichting steht den Landeskirchen ablehnend gegenüber. Reformkatholiken befürchten, er könnte Ihr Amt erben. Ist Grichting Ihr Wunschkandidat?

Ich hüte mich, Namen zu nennen.

Sind Sie zuversichtlich, dass es ein guter Bischof in Ihrem Sinn wird?

Ich habe keinen Einfluss auf den Entscheid. Der Nuntius in der Schweiz muss der Bischofskongregation in Rom Namen vorschlagen. Danach werden diese dem Papst unterbreitet, der die Wahl in eine gewisse Richtung lenken kann.

Das bischöfliche Schloss.

Das bischöfliche Schloss.

Am Schluss können die 24 Männer des Churer Domkapitels einen von drei Kandidaten wählen, die ihnen der Papst vorschlägt. Wissen Sie, wer auf dem Dreierticket steht?

Nein.

Was war Ihr schönstes Erlebnis als Bischof?

Das Amt hat mir so viele schöne Momente geschenkt, dass ich keine Hitliste erstellen kann. Meinen letzten Höhepunkt habe ich am vorletzten Samstag in Schwyz erlebt, als ich vor gegen 1000 Gläubigen neun Priester weihen durfte.

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