Man könnte den Job als Sprungbrett verstehen. Die letzte Amtsinhaberin, Viola Amherd, wurde im Dezember in den Bundesrat gewählt. Aber das Interesse am Vizepräsidium der CVP-Bundeshausfraktion ist mässig. Oft genannte Anwärter wie Martin Candinas (GR) oder Stefan Müller-Altermatt (SO) wollen sich nicht zur Verfügung stellen, haben sich nicht innerhalb der gesetzten Frist gemeldet. Candinas, für manche der Wunschkandidat für diesen Posten, sagt: «Ich bin der Meinung, dass Parlamentarier nicht im Fraktionsvorstand und im Parteipräsidium – mit Ausnahme der Präsidenten – Einsitz nehmen sollen. Wir müssen die Parteiarbeit auf möglichst viele Schultern aufteilen. Mir gefällt die Arbeit im Parteipräsidium sehr gut und ich möchte diese weiterführen. Darum kommt für mich eine Kandidatur für das Fraktionsvizepräsidium nicht infrage.»

Leitung der Nationalratsgruppe

Fest steht: Weil der Fraktionspräsident Filippo Lombardi (TI) dem Ständerat angehört, muss der oder die Vize aus dem Nationalrat kommen: Ihr oder ihm obliegt die Leitung der CVP-Nationalratsgruppe, die inklusive EVP und CSP noch 30 Leute umfasst. Nur zwei Nationalratsmitglieder haben Ambitionen für die Amherd-Nachfolge angemeldet, und sie stammen erst noch aus dem gleichen Kanton: Andrea Gmür-Schönenberger (54) und Leo Müller (60) sind beide Luzerner. Müller bestätigt auf Anfrage, dass er sein «Interesse signalisiert» habe. Gmür war nicht zu erreichen, und sie liess eine E-Mail-Anfrage unbeantwortet.

Die Ausgangslage ist vor allem in ihrem Fall brisant: Andrea Gmür ist auch noch im Rennen als mögliche Ständeratskandidatin der CVP Luzern. Und damit als mögliche Nachfolgerin für den bisherigen Luzerner CVP-Ständerat Konrad Graber, der nicht mehr antritt. Aber die beiden Ämter schliessen sich aus, weil der Vizechef der CVP-Fraktion dem Nationalrat angehören muss.

Was es für die ausgebildete Gymnasiallehrerin Andrea Gmür noch kniffliger macht, ist der zeitliche Ablauf: Die Amherd-Nachfolge wird Mitte Januar geregelt, anlässlich der CVP-Fraktionsklausur. Die Frage der Ständeratskandidatur (und damit der möglichen Wahl in die kleine Kammer) ist zu diesem Zeitpunkt aber noch offen. Die CVP Luzern entscheidet erst am 29. Januar, mit wem sie in den Ständeratswahlkampf zieht – neben Gmür sind noch Kantonsrätin Yvonne Hunkeler und Ludwig Peyer, CVP-Fraktionschef im Kantonsrat, im Rennen. Nationalrätin Gmür tanzt also, sofern sie an ihren Fraktionsambitionen festhält, kurzfristig auf zwei Hochzeiten.

Diese Konstellation spricht eher für Rechtsanwalt Müller als neuen CVP-Vizefraktionschef. Der Ruswiler wollte zwar auch Ständerat werden, aber er unterlag in seinem Wahlkreis der Unternehmensberaterin Hunkeler, Vizepräsidentin der CVP Luzern. Jedenfalls hat er im Unterschied zu Andrea Gmür jetzt keinen Zielkonflikt.

Weniger Sitze in Luzern

Ein Hintergrund der Hektik unter den CVP-Grössen im Kanton Luzern ist: Die Partei könnte im nächsten Herbst einen ihrer drei Nationalratssitze verlieren, weil der Kanton Luzern nur noch neun statt bisher zehn Sitze hat. Ida Glanzmann, seit 2006 im Amt, gilt als ungefährdet, sie wurde 2015 am besten gewählt. An zweiter Stelle folgte Müller, und zwar sehr deutlich vor Andrea Gmür. Es geht im Rennen um das Vizepräsidium also zweifellos auch um Profilierung im Hinblick auf die Nationalratswahlen. Die Ausgangslage um die Nachfolge von Viola Amherd kann aber auch noch ändern. Es gilt als nicht ausgeschlossen, dass sich noch weitere Anwärter anmelden.

Was die Ausmarchung um das Vizepräsidium zusätzlich kompliziert: Es ist nicht klar, ob es nicht schon bald auch einen Fraktionschef braucht. Denn offiziell ist noch offen, ob CVP-Fraktionschef Filippo Lombardi (62) nach 19 Amtsjahren noch einmal als Tessiner Ständerat kandidiert. Träte er ab, wäre der oder die neue Fraktionsvize in bester Position, das Präsidium zu übernehmen. Aber derzeit rechnen alle damit, dass Lombardi im Tessin noch einmal antritt. Täte er dies nicht, wäre die Gefahr gross, dass die Tessiner CVP ihren Ständeratssitz verlöre. Lombardi selbst wollte sich nicht zur Frage äussern.