Norm Beausoleay ist gerührt. Er steigt auf die Bühne, wuselt in seinen Blättern herum. Kaum beginnt er mit seiner Ansprache, bricht auch schon seine Stimme. «Sorry», sagt er. Eine Diashow zeigt in Endlosschleife die Bilder des Schreckens: zwei Türme, sehr hohe Türme, blauer Himmel, dann ein Flugzeug, noch ein Flugzeug, eine Explosion, eine riesige Staubwolke.

Und nach dem Kollaps: schmutzige, in Schrecken erstarrte Gesichter. Auch der Feuerwehrmänner, die als Erste am Ort des Grauens waren und müde auf Trümmern sitzen. Ground Zero heisst der Ort heute. Der Schauplatz damals, am 11. September 2001: New York City, wo die Zwillingstürme des World Trade Center standen. Die Bilder flimmern 14 Jahre später über die Wand eines Schulungszimmers der Schweizer Armee. Im Rekrutierungszentrum Sumiswald im ländlichen Emmental.

Die Botschafterin auf der Harley

Die Frau, die mit auf der Bühne steht, legt Norm zum Trost die Hand auf die Schulter. Die Frau heisst Suzi LeVine. Sie ist die US-Botschafterin für die Schweiz und Liechtenstein. Zuvor haben Norm und seine Kollegen des «Red Knights»-MCs – dem Motorradclub der Roten Ritter (die «Nordwestschweiz» berichtete gestern) – den Überraschungsgast empfangen. Aus Sicherheitsgründen durfte die Öffentlichkeit nicht wissen, dass die Botschafterin ins kleine Sumiswald kommt. Die letzten paar hundert Meter hat sie auf dem Rücksitz der Harley des Schweizer Roten Ritters Daniel Waldspurger zurückgelegt. An die 200 Rote Ritter der verschiedenen «Chapter» – so werden die lokalen Ableger im MC genannt – standen in ihren roten Westen Spalier.

Die rote Weste, sie zeichnet ein Mitglied der Roten Ritter aus. Mitglied wird, wer Motorrad fährt und in einer Feuerwehr ist. Die Roten Ritter grenzen sich ab von den Biker-Gangs, die nicht selten in Graubereichen der Legalität operieren. Oder sich ganz ums Gesetz scheren. Und die Roten Ritter haben sogar ihren MC-Pfarrer dabei. In einer kurzen Predigt wird auch er später den Opfern von 9/11 gedenken. Würde man sie als Softies bezeichnen, die Roten Ritter störte es nicht. Denn sie wissen, eigentlich sind sie die harten Kerle.

Wie die harten Kerle, die damals in die brennenden Hochhäuser des World Trade Center gingen. Rein gehen mussten, um Leben zu retten. 343 Feuerwehrmänner starben in den einstürzenden Türmen. Ein Red Knight war nicht unter ihnen. Aber Red Knights waren vor Ort. Sie müssen nun das Erlebte verarbeiten. «Manche leiden an den psychischen Folgen, andere haben Lungenprobleme», sagt Norm. Die freigesetzten Chemikalien beim Zusammenbruch der Zwillingstürme, der Rauch, er schlug den Feuerwehrmännern auf die Gesundheit, auch Roten Rittern.

Und wo waren Sie an dem Tag?

Rund 10 000 Mitglieder hat der MC weltweit, von Amerika über Europa bis nach Australien und Neuseeland. Chapters aus Deutschland, Belgien, Italien und sogar Irland sind ins Emmental gecruist. Auch ein Dutzend Amerikaner ist gekommen. Norm ist eines der elf Gründungsmitglieder des MCs in den USA.

Auf der Bühne in Sumiswald erinnert sich Botschafterin LeVine an den Tag, der «das Leben der Amerikaner veränderte». Sie erinnert sich wie jeder im Saal. «Ich sass im Auto und war auf dem Weg zur Arbeit.» Das war in Seattle, wo LeVine damals Geschäftsleitungsmitglied des Online-Reisebüros Expedia war. Und so galt ihre Sorge zuallererst ihren Kunden und den Mitarbeitern, die an diesem Tag einen Flug gebucht hatten. Denn niemand wusste, wo die Terroristen noch zuschlagen könnten.

«Danke, dass Ihr uns schützt», sagt LeVine zu den Roten Rittern in Sumiswald. Sie, die Feuerwehrmänner, täten alles dafür, Leben zu retten. Die USA täten alles dafür, «dass sich solch Schreckliches nicht wieder zutrage. In Zusammenarbeit mit allen Ländern, auch mit der Schweiz», so LeVine.