Die ETH steckt inmitten einer ihrer grössten Krisen. Eine Professorin geriet wegen Mobbingvorwürfen in die Schlagzeilen. Die ETH beantragte ihre Entlassung. Der einmalige Vorgang sorgt für Kritik. Nun wehrt sich der neue ETH-Präsident Joël Mesot, 55. In seinem Büro mit Blick über die Stadt gibt er sein erstes Interview zum Fall.

Sie sagten, dass die ETH im Fall der umstrittenen Astronomie-Professorin Marcella Carollo Fehler gemacht hat. Welche sind das?

Joël Mesot: Solche Fälle, egal ob es um Mobbing, Machtmissbrauch oder sexuelle Belästigung geht, dürfen nicht erst nach Jahren entdeckt werden. Wir benötigen einen Kulturwandel. Jeder muss das Gefühl haben, über Konflikte sprechen zu können. Deshalb sind wir zum Schluss gekommen, ein Frühwarnsystem zu installieren und mögliche Vorfälle schneller zu bearbeiten.

Marcella Carollo spricht von ganz anderen Fehlern. Sie hätte nie zu konkreten Anschuldigen Stellung nehmen können.

Das stimmt nicht. Sie wurde sehr wohl angehört. Vor und während der Administrativuntersuchung sowie von der Entlassungskommission. Sie wurde in mehreren Gesprächen mit den Vorwürfen aus den Testimonials konfrontiert. Sie konnte ihre Sicht der Dinge ausführlich darlegen.

Es wird die erste Entlassung in der 164-jährigen Geschichte der ETH sein, obwohl viele Fragen offenbleiben. Wie können Sie sich ob der Entscheidung so sicher sein?

Weil beide Untersuchungsberichte in wesentlichen Punkten zum selben Schluss gekommen sind. Das Verhalten der Professorin gegenüber den Doktoranden war schlicht inakzeptabel. Es kam zu schwerwiegendem pflichtwidrigem Verhalten, und das über einen längeren Zeitraum hinweg. Zudem zeigt die Professorin keinerlei Einsicht. Wir werden den gesamten Untersuchungsbericht nach Abschluss des Entlassungsverfahrens publizieren.

Aber es ist seltsam, dass es über all die Jahre nie zu einem aktenkundigen Vorfall kam und in keinem Mitarbeitergespräch von Problemen die Rede war. Nach dem Konflikt mit der Doktorandin ging es dann allerdings schnell: Doktoranden und Ombudsmann sammelten zwölf Testimonials gegen die Professorin. Kein Wunder, spricht sie von einer Kampagne.

Die Administrativuntersuchung hat keinen Hinweis auf eine Kampagne gegen die Professorin gefunden. Das Problem ist, dass die Frühwarnsysteme und die Eskalationswege nicht richtig funktioniert haben. Wir haben an der ETH mehrere verschiedene Anlaufstellen für solche Fälle. Allerdings agierten sie bislang unkoordiniert voneinander, was zu Problemen geführt hat. Das werden wir verbessern.

Innerhalb der ETH gibt es ebenfalls Stimmen, die sich gegen die Entlassung stellen. Physikprofessorin Ursula Keller beklagte in einem «Republik»-Interview, dass die ETH rechtsstaatliche Prinzipien, speziell die Unschuldsvermutung, über Bord geworfen habe. Das sei der Anfang vom Ende der Schule.

Ich muss gestehen, ich bin schockiert und enttäuscht, wie die Öffentlichkeit gezielt eingesetzt wird, um Druck auszuüben und den Kurs der ETH zu bestimmen. Ich kann Ihnen aber versichern: Der externe, unabhängige Untersuchungsführer wurde in keiner Weise von der ETH oder ihren Angehörigen beeinflusst.

Im Interview spricht Professorin Keller von Korruption an der ETH. Sie sagt, dass es in den grossen Departementen Physik und Chemie einen inneren Zirkel von Professoren gebe, die dank intransparenter Entscheidungsprozesse ihre Macht missbrauchen können.

Das sind massive, aber unbelegte Vorwürfe. Dennoch nehmen wir sie ernst, die gilt es zu klären. Deshalb habe ich den ETH-Rat gebeten, diesen Vorwürfen nachzugehen. Allerdings helfen uns solche Interviews auf dem Weg des Miteinanders in keiner Art und Weise weiter. Es ist ein Schlag ins Gesicht all derer, die täglich ihr Bestes für die ETH geben. Egal ob Professorinnen und Professoren, Doktorierende oder andere Mitarbeitende.

Muss Professorin Keller mit der Entlassung rechnen?

Eine Entlassung ist nicht unser Ziel. Wir müssen schauen, was die Untersuchung ergibt. Was ich aber ergänzen möchte: Viele der Verbesserungs-Vorschläge, die Frau Keller im Interview macht, haben wir bereits eingeleitet.

Über die anstehende Entlassung der Astronomie-Professorin wurde auch in internationalen Medien berichtet. Der Ruf der ETH steht auf dem Spiel. Da besteht doch die Gefahr, dass man nicht mehr die besten Wissenschafter bekommt.

Nein. Wissenschaftliche Exzellenz ist keine Freikarte für inakzeptables Verhalten. Das muss jedem klar sein. Auch Studierende und Doktorierende haben Rechte, das dürfen Sie nicht vergessen.

Das bestreiten wir nicht. Nur haben brillante Wissenschafter manchmal pädagogische Mängel. Die ETH ist keine Wohlfühloase.

Deshalb werden wir unsere Professorinnen und Professoren künftig noch intensiver in ihrer Rolle als Vorgesetzte unterstützen. Es ist wichtig, dass sie von Anfang an deutlich machen, was sie von den Doktoranden erwarten. Es ist klar, dass ein Doktorat an der ETH Höchstleistung fordert.

Sie sind selbst Physiker: Ist das Physikdepartement der ETH für Frauen ein Haifischbecken, wie Professorin Keller sagt?

Das ist die Wahrnehmung von Frau Keller. Es ist mir ein grosses Anliegen, den Frauenanteil an der ETH auf allen Stufen zu erhöhen. Dass es im Physik-Departement bis jetzt so wenige sind, liegt auch daran, dass leider weniger Studentinnen Mint-Fächer belegen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). Wir unternehmen viel, um Frauen zu fördern. So ist zum Beispiel der Frauenanteil bei den 130 Berufungen der letzten vier Jahre auf 23 Prozent gestiegen.

Eigentlich wollten Sie erst nach 100 Tagen an die Öffentlichkeit treten. Das war nach den Vorfällen aber unmöglich. Wussten Sie, was auf Sie zukommen würde?

Ich wurde nach der Wahl im Dezember über alles informiert. Davor habe ich bereits in den Medien über die Vorfälle gelesen. Den Start habe ich mir natürlich anders vorgestellt, aber solche Fälle zu regeln, ist Chefsache.

Fehlt es an der Elite-Universität ETH an Selbstkritik?

Wir sind durchaus selbstkritisch. Ich habe mich an der Pressekonferenz und bei allen ETH-Angehörigen entschuldigt und Fehler eingeräumt. Wissenschaft lebt von Kritik. Wir prüfen, ob eine externe, unabhängige Anlaufstelle geschaffen werden sollte – vielleicht gemeinsam mit anderen Hochschulen.

Der Ruf einer Hochschule ist das eine, der Wettbewerb das andere. Amerikanische Universitäten zahlen Marktlöhne, manchmal von jährlich über einer Million Franken, an die besten Professoren. Die ETH nicht. Ein Handicap?

Geld ist sicher eine Komponente, aber die Löhne in der Schweiz sind top, auch wenn sie nicht amerikanisches Niveau erreichen. Ausserdem ist unsere Infrastruktur hervorragend. Das zählt mehr als jeder Lohn. Und über Drittmittel lässt sich viel Geld für die Forschung akquirieren. Deshalb ist das EU-Förderprogramm Horizon Europa, der Nachfolger von Horizont 2020, sehr wichtig für uns.

Dafür braucht es ein Rahmenabkommen mit der EU. Sollte es scheitern: Was ist Ihr Plan B?

Es gibt keinen Plan B. Denn kein Plan kann ausgleichen, was wir verlieren würden, wenn wir von Europa ausgeschlossen werden. Rund 50 Prozent unserer Forschungskontakte sind hier.

Diese Forscher könnten Sie doch ohne Abkommen kontaktieren.

Wir bräuchten dann viele bilaterale Verträge. Das gäbe einen riesigen administrativen Aufwand.

Es kann doch nicht vom Rahmenabkommen abhängen, ob die ETH weltweit spitze ist. Die besten Universitäten befinden sich ohnehin ausserhalb der EU: in den USA und in Grossbritannien.

Wir werden sehen, was mit der Oxford-Universität passiert, wenn Grossbritannien ohne Deal aus der EU ausscheidet. Europa ist für uns zentral.

 

Denken Sie wirklich, dass Sie keine Spitzen-Professoren mehr holen können, wenn die Schweiz bei Horizon abseitssteht?

Wir haben es ja nach der Masseneinwanderungs-Initiative 2014 erlebt. Es gab Kandidaten, die sagten, wir kommen wegen dieser Unsicherheit nicht zu euch. Europäische Universitäten können mit den den USA nur mithalten, wenn sie zusammenarbeiten.

Hochschulen weltweit stehen zunehmend in der Kritik. Vom Spesenskandal an der HSG bis zur Zulassungs-Korruption in den USA.

Das stimmt, und die Universitäten tauschen sich diesbezüglich auch aus. Gute, klare Führung wird wichtiger. Wir leben im Zeitalter der Transparenz. Probleme, die es immer gab, werden heute für alle sichtbar. Und die Journalisten interessieren sich dafür.

Heisst das, dass die Probleme gar nicht zugenommen haben, sondern dass sich nur die Wahrnehmung geändert hat?

Schwer zu sagen. Wahrscheinlich trifft beides zu. Universitäten stehen heute mehr unter Wettbewerbsdruck und müssen mehr Drittmittel erwirtschaften. Das erfordert Sensibilität, denn es geht um die Unabhängigkeit der Forschung. Es können schnell folgenreiche Fehler passieren.

Worin unterscheidet sich die heutige Studenten-Generation von früheren?

Die Studenten denken interdisziplinärer und arbeiten gern in Projekten, oft departementsübergreifend. Und sie haben – mehr als früher – den Willen, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Die ETH fördert Start-ups gezielt.

Aus der Universität Stanford ist Google entstanden. Das ist hierzulande noch nicht gelungen. Wann kommt das erste ETH-Unicorn, ein Milliarden-Start-up?

Viele ETH-Spin-offs sind bereits sehr erfolgreich. Aber wir hoffen natürlich auf das erste Unicorn! Die Voraussetzungen sind vorhanden. Ein Hindernis kann die Finanzierung sein. 100 000 Franken für ein Start-up zu bekommen, ist meist kein Problem, und danach ist es auch möglich, bis zu 50 Millionen Franken Venture-Capital aufzutreiben. Aber die nächste Stufe zu finanzieren, ist in der Schweiz sehr schwierig. Das ist im Silicon Valley einfacher. Darum begrüsse ich Initiativen wie den Start-up-Fonds des Bundes.

Sie stehen an der Spitze der besten Schule des Landes. Was war auf dem Weg Ihr grösster Misserfolg?

Ich habe in meiner wissenschaftlichen Karriere einige Annahmen getroffen, die ich dann im Experiment nicht bestätigen konnte. Für mich waren das aber wichtige Erkenntnisschritte. Es gibt ja das Bonmot: «Wissenschaft ist der aktuelle Stand des Irrtums».