Schweiz

Vereinbarkeit von Beruf und Familie: Arbeitgeberverband ruft nach mehr Steuergeldern für Kinderbetreuung

Ein Klassiker in Kitas: Kinder spielen mit der Briobahn.

Ein Klassiker in Kitas: Kinder spielen mit der Briobahn.

Der Ausbau der Fremdbetreuung führe letztlich zu mehr Steuereinnahmen, argumentiert der Wirtschaftsverband in einem neuen Positionspapier. Die Gewerkschaften loben die Haltung der Arbeitgeber; der Schweizerische Gewerbeverband übt hingegen scharfe Kritik.

Die Babyboomer verabschieden sich langsam, aber sicher ins Rentenalter. Bis in zehn Jahren fehlen dem Arbeitsmarkt hierzulande deshalb rund eine halbe Million Arbeitskräfte. Die Lücke ausschliesslich mit Zuwanderung zu schliessen, ist politisch unerwünscht. Was soll man tun? Zum Beispiel mehr Frauen ins Erwerbsleben zurückholen, findet der Schweizerische Arbeitgeberverband. Dafür brauche es aber eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, sagt Simon Wey. Der Chefökonom des Arbeitgeberverbandes präsentierte am Freitag an einem Anlass in Bern ein neues Positionspapier.

Die Forderung nach höheren Steuerabzügen für Fremdbetreuungskosten überrascht nicht. Dass der Wirtschaftsverband nach mehr Staat ruft, erstaunt hingegen. «Bund, Kantone, Städte und Gemeinden stehen im Vorschulbereich in der Pflicht, die Attraktivität von Drittbetreuungsangeboten zu verbessern», heisst es im Papier. Die öffentliche Hand soll also «bedarfsgerechte, qualitativ gute und finanziell attraktive Kinderdrittbetreuungsangebote sicherstellen und finanzieren», wie es weiter heisst. Zum Forderungskatalog der Arbeitgeber gehört auch der Ausbau von Tagesschulen.

Ein Potenzial von 15'000 Vollzeitstellen

Wey schätzt mit Verweis auf Studien, dass mit solchen Massnahmen bis zu 15'000 Vollzeitstellen mit Fachkräftequalifikation alleine bei den unterbeschäftigten Müttern besetzt werden könnten. Befragungen des Bundesamts für Statistik zeigen in der Tat, dass viele Mütter ihr Pensum aufstocken oder überhaupt wieder eine Arbeit aufnehmen würden, wenn es genug zahlbare, gut erreichbare und qualitativ gute Krippenplätze gäbe – und die Steuerprogression den Zusatzverdienst nicht zu einem grossen Teil wegfressen würde. Diese Tatsache monieren Ökonomen schon lange. Für Wey lohnt sich das staatliche Engagement im mehrfacher Hinsicht. Die Investitionen würden in Form von höheren Steuereinnahmen aufgrund der erhöhten Pensen mehr als kompensiert, sagt Wey. Das belege zum Beispiel eine Untersuchung über die Wirkung von Betreuungsgutscheinen in den Gemeinden Luzern, Emmen und Kriens. Zudem würden weniger Sozialleistungen anfallen, etwa für alleinerziehende Mütter und deren Kindern. Schliesslich habe der Staat aus liberaler Sicht sicherzustellen, dass Eltern auf dem Arbeitsmarkt gleich lange Spiesse wie kinderlose Frauen und Mütter hätten. Die ungenügende Vereinbarkeit von Beruf befeure nämlich wirtschaftsschädliche Regulierungen, die das Problem nicht nachhaltig lösten. Wey nennt als Beispiele die Geschlechterquoten und Lohnkontrollen für Unternehmen ab einer gewissen Grösse.

Der Schlüssel für mehr Gleichberechtigung liegt in den Augen des Arbeitgeberverbands aber im Ausbau der ausserfamiliären Betreuungsangebote.

, sagt Wey. Er nimmt auch die Eltern selbst die Arbeitgeber in die Pflicht. Letztere sollen familienfreundliche Bedingungen schaffen, zum Beispiel Home Office und Teilzeitarbeit für Männer ermöglichen. «Es ist besser, wenn Mann und Frau je 80 Prozent arbeiten als er 100 und sie nur 60 Prozent oder weniger», sagt er. Arbeitgeber müssten auch Verständnis zeigen, dass ein Elternteil wegen des kranken Kindes zuhause bleibe. Wey ist überzeugt, dass Firmen mit familienfreundlichen Bedingungen im Kampf um Talente einen Wettbewerbsvorteil besitzen. Er ist sich allerdings bewusst, dass die Ausgangslage je nach Branche und Grösse des Betriebs unterschiedlich ist. «Eine Krankenschwester kann kaum Home office machen», sagt er.

Der Arbeitgeberverband hat seine Vorschläge nicht im stillen Kämmerlein ausgebrütet. Er gehört zu einer parteiübergreifenden Allianz für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die unter der Schirmherrschaft von FDP-Bundesrätin Karin Keller-Sutter steht. Mit von der Partie ist auch der Berner SP-Nationalrat Matthias Aebischer. Der Arbeitgeberverband begrüsst denn auch dessen Vorstoss zur Förderung der Kinder im ab Geburt. Deren Nutzen sei in umfangreicher empirischer Literatur nachgewiesen, steht im Positionspapier.

Lob erhält der Arbeitgeberverband Lob von linker Seite. Regula Bühlmann, beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund für das Thema Gleichstellung zuständig, begrüsst die Fremdbetreuungsoffensive: «Wir fordern schon lange, dass auch die Kinderbetreuung wie die Bildung Teil des Service public sein muss». Skeptischer steht sie einem Ausbau flexibler Arbeitsbedingungen gegenüber. «Studien zeigen, dass Arbeitnehmende dadurch tendenziell länger arbeiten und zu wenig Zeit zur Erholung haben».

Gewerbeverband mit unverblümter Kritik

Economiesuisse lehnt derweil ein verstärktes Engagement für die Fremdbetreuung durch den Bund ab. Der Wirtschaftsdachverband erachtet höhere Steuerabzüge für Drittbetreuungskosten als gezielte und wirksame Massnahme für eine besser Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Der Schweizerische Gewerbeverband lehnt die Forderung nach mehr Steuergeldern für die Drittbetreuung derweil unverblümt ab. «Der Arbeitgeberverband verlässt das bürgerliche Boot und spannt wie bei der Altersvorsorge mit den Gewerkschaften zusammen», sagt Direktor Hans-Ulrich Bigler. Das Arbeitskräftepotenzial gerade bei Frauen möchte er lieber via fiskalische Anreize besser ausschöpfen. «Es braucht höhere Steuerabzüge für Betreuungskosten, damit sich die Erwerbsarbeit lohnt», sagt er. Wenn Bedarf nach mehr Krippenplätze bestehe, stelle der Markt diese auch zur Verfügung. Dafür seien keine staatlichen Interventionen nötig.

Autor

Kari Kälin

Meistgesehen

Artboard 1