Verhüllungsverbot
Genfer Politologe: «Frauen aus den Golfstaaten, die ihr Gesicht verhüllen, werden nicht mehr durch Luzern flanieren»

Die Schweiz habe in den Golfstaaten einen Imageschaden erlitten, sagt der Genfer Politologe Hasni Abidi. In den arabischen Medien entstehe der Eindruck, das Land nehme den Islam ins Visier. Für den Tourismus wäre ein Ausbleiben der Gäste aus den Golfstaaten ein herber Schlag: Niemand gibt so viel Geld aus wie sie.

Kari Kälin
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Eine Frau mit Nikab an der Reuss in der Stadt Luzern.

Eine Frau mit Nikab an der Reuss in der Stadt Luzern.

Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 31. August 2016)

Als Geschenke für Familie und Freunde kaufen sie gerne Schokolade und Souvenirs. Doch auch Uhren und Schmuck, Designerkleidung, Handtaschen oder Schuhe stehen hoch in der Gunst der Touristen aus Bahrain, Katar, Kuwait, Oman, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten, wie der Verband Hotelleriesuisse in einer Broschüre schreibt.

Kurzum: Die Gäste aus den Golfstaaten lieben hierzulande nicht nur die Naturschönheiten, sondern auch Luxusartikel und Shoppen. Pro Tag geben sie gemäss dem Monitor Tourismus Schweiz 420 Franken aus – so viel wie keine anderen Touristen. Bei den Deutschen zum Beispiel sitzt das Portemonnaie weniger locker. Sie lassen pro Tag «bloss» 130 Franken liegen.

Konsumfreude der Touristen

So viel Geld (in Franken) geben die Gäste durchschnittlich pro Tag in der Schweiz aus
Golfstaaten 420
China380
Indien310
Japan300
USA280
Russland250
Korea210
Schweiz140
Deutschland130

Die Touristen und Touristinnen aus den Golfstaaten avancieren sodann zu einem immer wichtigeren Kundensegment. Die Zahl der Logiernächte hat sich zwischen 2010 und 2019 auf knapp 864'000 verdoppelt. Das stärkste Jahr war 2018 mit 946'000 Übernachtungen.

Genfer Politologe: «Schweiz hat Reputationsschaden erlitten»

Nach dem Ja zum Verhüllungsverbot bangt der Schweizer Tourismus-Verband um die konsumfreudigen Gäste. Direktorin Barbara Gisi befürchtet, dass diese die Schweiz jetzt meiden könnten, weil die Frauen den Nikab ablegen müssen. Nach den Einbussen wegen des Coronavirus bezeichnet sie das Abstimmungsergebnis als «weiteren Schlag».

Hasni Abidi ist Dozent für Politologie an der Universität Genf.

Hasni Abidi ist Dozent für Politologie an der Universität Genf.

Archivbild

Für Hasni Abidi, Dozent für Politologie an der Universität Genf und Kenner der arabischen Welt, sind die Sorgen der Tourismusbranche nicht unbegründet. «Die Schweiz hat in den Golfstaaten einen Reputationsschaden erlitten», sagt er. Während die offiziellen Behörden das Verdikt an der Urne nicht kommentierten, werde das Verhüllungsverbot in den grossen Fernsehsendern breit thematisiert.

«Der Grundtenor lautet: Es ist völlig unverständlich und überraschend, dass die Schweiz, geschätzt für ihre Neutralität und Offenheit, ein Verhüllungsverbot beschliesst», sagt Abidi. In den arabischen Medien entstehe der Eindruck, die Schweiz habe nach dem Minarettverbot erneut mit einer populistischen Initiative den Islam ins Visier genommen.

Abidi geht davon aus, dass die Tourismusbranche das Ja zu spüren bekommt. «Frauen aus den Golfstaaten, die ihr Gesicht aus traditionellen oder kulturellen Gründen verhüllen, werden nicht mehr durch Genf oder Luzern flanieren.»

Ins Tessin kamen weniger arabische Touristen und Touristinnen

Erste Erfahrungswerte gibt es aus dem Kanton Tessin, in dem seit 2016 ein Verhüllungsverbot gilt. Die Zahl der Logiernächte von Gästen aus den Golfstaaten ist in diesem Zeitraum tatsächlich um 30 Prozent auf 32'000 im Jahr 2019 gesunken. Schweizweit betrug der Rückgang nur 10 Prozent. Auch wenn man einen direkten Zusammenhang nicht belegen könne, so sei das doch ein Indiz, dass sich das Verhüllungsverbot negativ auf das Gästeaufkommen auswirke, sagt Barbara Gisi vom Schweizer Tourismus-Verband.

Für Jutta Ulrich, Sprecherin von Ticino Turismo, lässt sich der Einfluss des Verhüllungsverbots nur schwer abschätzen, «da nur ein kleiner Anteil dieser Gäste einen Nikab oder eine Burka trägt». Aus Verkaufsgesprächen mit seinen Agenten wisse Ticino Turismo, dass der Rückgang unter anderem auf die politische und wirtschaftliche Situation zurückzuführen sei. Besonders die Krise zwischen Katar und dessen Nachbarländern habe sich negativ ausgewirkt. Zudem hätten in den Jahren 2015 und 2016 spezielle Anlässe mehr Gäste aus den Golfstaaten ins Tessin gelockt.

Luzern und Bern mit deutlichem Nein

In Luzern sieht man in coronafreien Zeiten oft Frauen mit Nikab über die Kapellbrücke und entlang dem See flanieren. Die Stadt lehnte das Verhüllungsverbot mit 64,1 Nein-Stimmen klar ab. Nur neun Gemeinden und Städte, darunter Zürich und Bern, ebenfalls beliebte Destinationen für Gäste aus der Golfregion, verwarfen die Initiative des Egerkinger Komitees noch deutlicher.

Marcel Perren, Direktor von Luzern Tourismus, denkt, viele Luzerner hätten ein positives Signal ihrer Gastgebertradition senden wollen. Und: «Ein hohes Tourismusbewusstsein und die wirtschaftliche Relevanz haben das Abstimmungsresultat in der Stadt bestimmt beeinflusst.» Die Gäste aus den Golfstaaten wählten oft erstklassige Unterkünfte, seien sehr interessiert an Ausflügen auf dem See und in die Berge und kauften gerne in der Stadt ein – auch Uhren und Schmuck. Perren hält es für möglich, dass das Verhüllungsverbot sich negativ auf das Image der Schweiz auswirkt. «Konkrete Auswirkungen kann man heute aber noch nicht abschätzen.»

Vollverschleierte Frauen gehören in der Hochsaison auch zum Ortsbild von Interlaken. Im Berner Oberland hat man aber die Hoffnung, dass das Verhüllungsverbot letztlich keinen grossen Einfluss auf das Gästeaufkommen aus der Golfregion haben werde, wie Daniel Sulzer, Direktor von Interlaken Tourismus, sagt. In den letzten Jahren seien ohnehin immer weniger arabische Gäste mit Gesichtsschleier unterwegs gewesen.

Der Schweizer Tourismus will gemäss Barbara Gisi vom Schweizer Tourismus-Verband nun auf Sensibilisierung setzen. Wie dies genau aussehen wird, ist noch offen. Klar ist das Ziel: «Wir wollen den Ländern, aus denen viele vollverschleierte Touristinnen in die Schweiz kommen, aufzeigen, dass wir nach wie vor ein gastfreundliches Land sind», sagt Gisi.

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