Kirchenstreit
Versöhnung im Kirchenstreit?

Pfarrer André Urwyler ist beliebt – seine Art eckt aber auch an. Der Könizer Kirchgemeinderat wollte ihn wegen Zerrüttung beim Kanton abberufen lassen. Kurz davor interveniert nun der Synodalrat im wieder aufgeflammten Streit.

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Berner Rundschau

Samuel Thomi

Seit Freitag ist André Urwyler wieder im Pfarrhaus anzutreffen. Das Telefon des Pfarrers wird wieder bedient, nachdem die Anrufe während seiner Beurlaubung seit Anfang Jahr ins Leere läuteten. Grund dafür war die vom Könizer Kirchgemeinderat beim Kanton im Dezember angestrengte Abberufung des in weiten Teilen der Kirchgemeinde beliebten, da polarisierend zugleich aber auch umstrittenen Pfarrers. Die Abberufung einer Pfarrperson aus dem Amt ist ein äusserst seltener Schritt - und sollte im Streitfall in der Reihe aller Massnahmen die letzte sein. Voraussetzung dafür sind gravierende Vorfälle. Die letzte Berner Abberufung liegt denn auch Jahrzehnte zurück, erinnern sich Verantwortliche.

Verfahren bewegt Könizer Kirchenvolk

Die Krux im Fall Urwyler: Öffentlich bekannt ist bis heute einzig, dass ein paar Mitarbeitende beim Kirchgemeinderat Mitte 2007 zwei Beschwerden gegen den Pfarrer einreichten, und die Kirchenleitung letzten Dezember beim Kanton formell ein Verfahren zur Abberufung Urwylers einreichte. Der wurde daraufhin beurlaubt, wie Anfang Jahr auf der Homepage seines Kirchenkreises zu lesen war. Noch bevor die Presse über den Fall berichtete, wurden von Dritten im Dorf 1400 Unterschriften für eine Petition für den Verbleib des Pfarrers gesammelt; weitere 300 schriftliche Äusserungen landeten bei Urwyler direkt.

Die Gründe, die für den Kirchgemeinderat am Ende für den Abberufungs-Antrag sprachen, sind aufgrund des Persönlichkeitsschutzes bis heute nicht öffentlich bekannt. Einzig von «Zerrüttung» war die Rede. So gibts bisher nur Mutmassungen. Dass der Kirchgemeinderat in Absprache mit Urwyler beim Kanton Anfang Monat erfolgreich die Sistierung des Abberufungsverfahrens verlangte - als sich abzeichnete, dass sich der Synodalrat in den Fall einschalten werde - legt den Umkehrschluss nahe, dass die gegen Urwyler erhobenen Vorwürfe keine Abberufung rechtfertigten.

Auf Ersuchen des Kirchgemeinderates beauftragte die Exekutive der reformierten Kirche Bern-Jura-Solothurn sein Mitglied Gottfried Locher als Delegierten zur Lösung des Konflikts. Der will nicht als Mediator auftreten, sondern die Rahmenbedingungen für eine Konfliktlösung erarbeiten und vereinbaren. Liegen sie vor, will der Synodalrat über das weitere Vorgehen entscheiden. Die kantonale Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektion - die das Abberufungsverfahren ursprünglich im April abschliessen wollte - gewährt bis im Herbst zusätzlich Zeit.

Neue Ratsmehrheit mit neuem Versuch

Auf Nachfrage sagt Urwyler, es seien «im Grunde genommen keine neuen Vorwürfe», die gegen ihn erhoben würden. Seit 32 Jahren ist er Pfarrer - in sechs Jahren wird er pensioniert. 2007 wurde Urwyler diskussionslos wiedergewählt. Vor acht Jahren aber, bei seiner vorletzten ordentlichen Wiederwahl, versuchte der damalige Kirchgemeinderat ihn abwählen zu lassen. In einem Riesenaufmarsch bestätigte das Volk Urwler jedoch im Amt. Jetzt versuche man es wieder, diesmal am Kirchenvolk vorbei, kommentiert er. Es habe Mut gebraucht, seither nicht aufzugeben. - Auch wenn am Entscheid eine ganze Familie hänge, lasse er sich jedoch nicht zum Märtyrer machen.

Ob das Verfahren nach der Sistierung allenfalls eine neue Wende nimmt als die Entlassung Urwylers, ist wohl nicht zuletzt dem Umstand zuzuschreiben, dass mit sechs neuen und fünf bisherigen Kirchgemeinderäten seit 2009 eine neue Kirchenleitung tagt.

Matthijs van Zwieten de Blom, Leiter Ressort Personal im Kirchgemeinderat: «Informelle Gespräche führten schliesslich zur Einsicht, dass eine einvernehmliche Einigung aller Beteiligten einem Kantons- oder Gerichtsentscheid vorzuziehen ist.» So sei man an den Synodalrat gelangt - «wenn der nun eingeschlagene Weg auch keine Garantie dafür ist, dass er zum Ziel führt». Da hänge viel von Locher ab, wieder Vertrauen zu schaffen. Auf Reaktionen aus der Gemeinde angesprochen, sagt van Zwieten, nebst den Empörten hätten sich «weniger laut, aber intern nicht minder wahrnehmbar» auch diejenigen bei der Kirchenleitung gemeldet, die deren Handeln befürworten.

Dies, nachdem der frühere Kirchgemeinderat zu vermitteln versuchte, «aber klar scheiterte», und auch ein vom Kanton vor Jahresfrist eingesetzter Coach nicht reüssierte. Nachdem seit dem Jahr 2000 nun «praktisch alle Mitspieler ausser André Urwyler ausgewechselt wurden», müssten aber auch die «Strukturen der Kirchgemeinde respektive ein mögliches Führungsproblem angeschaut werden.»

Liegt Problem tiefer? - in der Struktur?

Auch André Urwyler beleuchtet seinen «Fall» noch in einem anderen Licht; - als Negativbeispiel für das Ende 2008 von der Synode, dem Kirchenparlament, vorab gegen den breiten Willen der Pfarrerschaft beschlossene neue Kirchenleitungs-Modell. Bisher leiteten Kirchgemeinderat und Pfarrerschaft die Geschicke einer Kirchgemeinde gemeinsam. Im neuen Modell sollen die Verantwortlichkeiten nun geklärt werden. Daraus befürchten die Pfarrer eine zunehmende Bevormundung ihres Berufsstandes.

Nicht selten seien die Ratsmitglieder zu weit weg vom Alltag, wurde in der Synoden-Debatte bemängelt. Hier hängt Urwyler ein - und nennt als Beispiel für diese Problematik die Könizer Kirche, die von Niederscherli über das Wangental, Liebefeld und Wabern eine einzige Kirchgemeinde bildet. Praktisch die Hälfte der Kirchen-Exekutive, die über seine Abberufung entschied, habe er beispielsweise gar nicht gekannt.

«Im Nachhinein», so Urwyler, müsse er sich heute «natürlich auch fragen, ob ich nicht selber aktiver auf einer wirklichen Problemlösung hätte beharren sollen.» Genau gleich wie damals, als er 2000 abgewählt werden sollte, stelle sich heute wieder die Frage: «Wie gehen wir, die Beschwerdeführenden und ich, künftig miteinander im Alltag um?» Dass er «ein Kantiger» sei, das werde sich auch in Zukunft nicht ändern. Wo es Wind gebe, wehe dieser. Anders gesagt: Wo gearbeitet wird, passieren Fehler. Urwyler formuliert es populär: «Was wir predigen, müssen wir jetzt vorleben: zusammensitzen, miteinander reden und gemeinsam Lösungen suchen.»