Parteispitze

Verwirrung um Kandidatur: Kommt es zur Kampfwahl ums SVP-Präsidium – oder zieht sich Alfred Heer noch zurück?

SVP-Nationalrat Alfred Heer zog schon einmal eine Kandidatur in letzter Minute zurück.

SVP-Nationalrat Alfred Heer zog schon einmal eine Kandidatur in letzter Minute zurück.

Die grösste Partei der Schweiz wählt morgen Samstag einen neuen Präsidenten. Noch immer ist unklar, ob der Zürcher Alfred Heer den Tessiner Marco Chiesa herausfordert. Ein Medienbericht sorgte am Freitag für Verwirrung.

Kandidiert er tatsächlich? Oder zieht er sich in letzter Minute zurück? Der Zürcher Nationalrat Alfred Heer sorgt vor der SVP-Präsidiumswahl doch noch für etwas Spannung. Selbst Zürcher SVP-Politiker, die ihn seit langem kennen, sind offenbar im Ungewissen. Auf die Frage, ob Heer kandidiert, hört man von ihnen Antworten wie: «Das wüsste ich auch gern.» Und das notabene einen Tag vor der Wahl.

Der abtretende SVP-Präsident Albert Rösti sagte am Freitag, die Partei sei vorbereitet für den Fall, dass es zur Kampfwahl käme. Ob es diese gibt, müsse er offenlassen, erklärte Rösti im SRF-«Tagesgespräch». Er zeigte sich aber skeptisch: «Ich gehe davon aus, dass Fredi Heer, wenn er wirklich eine Kampfwahl möchte, auch bei den Sektionen Werbung gemacht hätte. Davon habe ich nichts gehört.» Für ihn wäre Heer «absolut auch ein valabler Kandidat», fügte Rösti an. Allerdings wolle man in der Regel keine Kampfwahl ums Parteipräsidium – wegen der Gefahr, dass zwei Lager entstünden.

Heers Aussage am «Weltwoche»-Fest

Sein Interesse für den Posten hat Heer schon lange angemeldet, Ende Januar hat ihn die SVP Kanton Zürich nominiert. Neben dem Aargauer Andreas Glarner war er der einzige, der eine Kandidatur bei der Findungskommission eingereicht hatte. Doch vor drei Wochen zauberte diese mit dem Tessiner Ständerat Marco Chiesa überraschend einen weiteren Kandidaten aus dem Hut – und schlug ihn als einzigen zur Wahl vor. Offensichtlich hatten die Kandidaturen von Heer und Glarner die Parteispitze nicht überzeugt.

Während Glarner daraufhin seine Kandidatur zurückzog, äusserte sich Heer lange nicht dazu. Sein Schweigen brach er aber offenbar diesen Mittwoch: Am Donnerstagabend berichteten die Tamedia-Zeitungen, Heer habe auf Anfrage seine Kandidatur bestätigt. Später wurde der Artikel präzisiert: Heer habe am «Weltwoche»-Fest am Mittwochabend auf die Frage, ob er immer noch kandidiere, gesagt, er habe sich bis jetzt nicht zurückgezogen.

Gegenüber «Blick» kritisierte Heer den Tamedia-Artikel scharf. Dazu, ob er nun antritt oder nicht, wollte er keine Stellung beziehen. SVP-Generalsekretär Emanuel Waeber bestätigte auf Anfrage aber, dass Heers Kandidatur nach wie vor besteht. Er habe bisher keine Verzichtserklärung abgegeben. Heer und SVP-Kantonalpräsident Benjamin Fischer waren am Freitag für die CH-Media-Redaktion nicht erreichbar.

Beide Optionen sind ungemütlich

Klar ist: Der Ball für den Entscheid liegt bei Heer. Aus der Kantonalpartei heisst es, wenn er kandidieren wolle, werde sie ihn unterstützen. Sie würde ihn den Delegierten also zur Wahl vorschlagen – und es käme zur Kampfwahl. Heers Chancen sind allerdings gering. Selbst in der Zürcher SVP ist der Rückhalt bröckelig, Chiesa wird als «ausgezeichneter Kandidat» beschrieben.

Marco Chiesa (SVP/TI).

Marco Chiesa (SVP/TI).

Heer habe den richtigen Zeitpunkt für den Rückzug der Kandidatur verpasst, sagen SVP-Nationalräte hinter vorgehaltener Hand. Die beiden Optionen, die ihn nun bleiben, seien beide ungemütlich: Entweder er zieht sich kurz vor der Wahl zurück – oder er stelle sich der Wahl und kassiere an der Delegiertenversammlung eine Niederlage.

Der erste Rückzug in letzter Minute

Heer bringt als ehemaliger Fraktions- und Parteipräsident des Kantons Zürich zwar viel Erfahrung mit, gilt aber nicht als Intimus von Christoph Blocher und als schwer steuerbar. Zudem sehen manche lieber einen Jüngeren als Parteipräsidenten als den 58-jährigen Heer.

Es wäre nicht das erste Mal, dass Heer sich wortwörtlich in letzter Minute zurückzieht: Im November 2017 hatte er für das Fraktionspräsidium kandidiert. Er trat damals gegen den Zuger Thomas Aeschi an. Doch während der Fraktionssitzung zog er seine Kandidatur überraschend zurück. Das habe viele verärgert, heisst es aus der Partei, insbesondere Zürcher und Westschweizer Politiker, die ihn unterstützt hatten. Diese Aktion werde ihm nun zum Verhängnis.

Seine Ambitionen auf das Präsidentenamt hatte Heer selbst verschiedentlich relativiert. Im Februar sagte er gegenüber Radio SRF: Das Amt als Parteipräsident sei «nicht etwas, das ich anstrebe oder suche». Ihm gehe es darum, die grossen Herausforderungen der Schweiz anzugehen. Und weiter: Wenn die Findungskommission «mich als ungeeignet beurteilen sollte, bricht für mich keine Welt zusammen».

Autor

Maja Briner

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