Das Lenzburger Bezirksgericht hatte im Frühling dieses Jahres eine unmögliche Aufgabe. Das kleine Gericht musste für Gerechtigkeit sorgen, nachdem sich in seinem Bezirk das brutalste Verbrechen der jüngeren Schweizer Kriminalgeschichte ereignet hatte. Der Mörder war der nette junge Mann von nebenan.

In seiner Nachbarschaft von Rupperswil AG suchte sich Thomas N. eine Familie aus, missbrauchte den jüngsten Sohn sexuell, schnitt allen die Kehle durch und zündete das Haus an. Vier Menschen wurden mitten aus dem Leben gerissen. Kein Urteil kann diese Wunden heilen.

Als sich die fünf Richter einst der lokalen Bevölkerung zur Wahl gestellt hatten, konnten sie nicht wissen, dass sie mit diesem Amt je unter derartigen öffentlichen Druck geraten würden. Doch sie meisterten die Aufgabe würdevoll und fällten ein Urteil, mit dem alle mehr oder weniger leben konnten.

Es ist ein hartes Urteil. Der Täter wird weggesperrt, solange er gefährlich bleibt. Dafür sorgt die verhängte lebenslängliche Freiheitsstrafe. Es ist zugleich auch ein mildes Urteil. Selbst der schlimmste Verbrecher hat in der Schweiz eine humane Behandlung verdient. Dafür sorgt die angeordnete ambulante Massnahme.

Das bedeutet: Der Täter wird im Gefängnis regelmässig von einem Psychotherapeuten besucht. Damit könnte man den Fall nun ruhen lassen und dem Vierfachmörder keine weitere Beachtung mehr schenken. Doch das wäre ein Fehler.

Auf der Suche nach einem Kompromiss hat sich das Bezirksgericht in drei Widersprüche verstrickt. Es geht um rechtsstaatliche Grundsätze. Deshalb ist es wichtig, dass diese breit diskutiert und am Donnerstag von einer höheren Instanz, dem Aargauer Obergericht, beurteilt werden.

1. Die Verwahrung:

Zusätzlich zur lebenslänglichen Freiheitsstrafe ordnete das Gericht an, dass der Täter ordentlich verwahrt wird. Um aus der Verwahrung entlassen zu werden, gelten dieselben Kriterien wie bei der Freiheitsstrafe. Der Täter muss als nicht mehr gefährlich eingestuft werden. Der einzige Unterschied ist die Instanz, die den Entscheid fällt. Bei der Freiheitsstrafe ist es die Justizvollzugsbehörde, bei der Verwahrung das Gericht. Solange beide Instanzen professionell arbeiten, sollte das Resultat gleich ausfallen. Thomas N. wird nie in die Verwahrung kommen, da er dafür aus der Freiheitsstrafe entlassen werden müsste. Doch dann wäre er kein Fall mehr für die Verwahrung. Es handelt sich um eine zweite Sicherheitslinie, die nichts schadet, aber auch nichts nützt. Gemäss bisheriger Rechtsprechung ist diese Kombination erlaubt. Es ist allerdings sinnvoll, diesen Punkt am Fall Rupperswil nochmals zu diskutieren. Hinzu kommt: Es ist fraglich, ob die Voraussetzung für die Verwahrung erfüllt ist. Eigentlich ist sie nur erlaubt, wenn der Erfolg einer Therapie unwahrscheinlich ist. Doch die Psychiater rechnen damit, dass die Behandlung in fünf bis zehn Jahren Wirkung zeigen wird.

2. Die Therapie:

Die Richter ordneten die ambulante Massnahme aus nachvollziehbaren Gründen an. Mit der Psychotherapie im Gefängnis soll der Vierfachmörder seine Wahnsinnstat verarbeiten. Doch juristisch handelt es sich um einen weiteren Widerspruch. Für eine ambulante Massnahme muss ein Therapieerfolg innert fünf Jahren erwartet werden können. Das Gericht kann deshalb entweder eine Therapie oder eine Verwahrung anordnen. Aber nicht beides.

3. Die Gutachten:

Zwei Psychiater haben den Täter untersucht, doch durchschaut haben sie ihn nicht. Einig sind sie sich, dass er pädophil ist. Der eine diagnostizierte eine narzisstische, der andere eine zwanghafte Persönlichkeitsstörung. Wegen der Pädophilie soll er den Buben missbraucht und wegen der Persönlichkeitsstörung soll er diese Tat mit einem Vierfachmord zu vertuschen versucht haben. Diese Erklärung enthält Widersprüche, die das Bezirksgericht nicht auflösen konnte. Eine lebenslängliche Verwahrung bleibt deshalb ein Thema.

Die Widersprüche zeigen, wie schwierig es ist, auf eine einzigartige Tat eine Antwort im Strafgesetzbuch zu finden. Es ist deshalb gut möglich, dass das Obergericht am Donnerstag die Massnahmen neu justieren wird.

Auch wenn der Fall Rupperswil viele Emotionen auslöst, kann man den zweiten Prozess aber nüchtern verfolgen. Die lebenslängliche Freiheitsstrafe ist rechtskräftig. Solange Thomas N. gefährlich ist, bleibt er hinter Gittern. Bis zu seinem Tod.

andreas.maurer@chmedia.ch