Gotthard
Wahr oder falsch? Acht Behauptungen zur zweiten Röhre im Test

Im Abstimmungskampf zur zweiten Gotthardröhre wird mit harten Bandagen gekämpft. Nicht immer geht es dabei fair zu und her. Schwindeln, Schummeln, Lügen sind verbreitet. Welche der Behauptungen stimmen?

Anna Wanner
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Als Urner Teufel verkleidete Aktionisten auf einer goldenen Gotthardröhre an einer Kundgebung des Komitees «Nein zur 2. Gotthardröhre».

Als Urner Teufel verkleidete Aktionisten auf einer goldenen Gotthardröhre an einer Kundgebung des Komitees «Nein zur 2. Gotthardröhre».

Keystone

1. Sicher sind Mittelleitplanken

Versenkbare Mittelleitplanken, die noch mehr Platz im engen Tunnel rauben. Oder Fahrassistenzsysteme, dank welchen die Lenker nicht mehr selber steuern müssen. Die Vorschläge zeigen: Auch den Gegnern einer zweiten Gotthardröhre liegt die Sicherheit auf der Strasse am Herzen. Wobei der linke Verkehrs-Club VCS am liebsten alle Lastwagen auf die Neat verladen würde und dies als wirkungsvollste Sicherheitsmassnahme verkauft – was für Gewerbetreibende aus der Leventina ein kleiner Trost sein wird. Denn fest steht: Ein zweiter Tunnel wäre die sicherste Lösung – ohne Gegenverkehr, mit Pannenstreifen und grösseren Sicherheitsbuchten.

2. Es wird mehr Tote geben

Die Befürworter schliessen daraus, dass es mehr Unfälle, mehr Frontalkollisionen und mehr Tote gibt, wenn der Gegenverkehr bleibt. Dabei wird gerne an das Flammeninferno 2001 erinnert, als bei einer Frontalkollision zweier Lastwagen elf Personen starben und viele schwer verletzt wurden. Die Behauptung der Befürworter, dass es dank einer zweiten Röhre weniger Tote gebe, lässt sich jedoch nicht belegen. Denn 2002 wurde das Tropfenzählersystem für Lastwagen eingeführt. Seither gab es im Gotthard zehn Todesfälle. Gemäss Bundesamt für Statistik verunfallten hingegen alleine zwischen 2002 und 2014 auf Schweizer Autobahnen 316 Personen tödlich.

3. Der Gotthard lässt sich ohne Vollsperrung sanieren

VCS-Präsidentin Evi Allemann verkündete diese Woche scheinbar gute Neuigkeiten: Der Gotthard liesse sich ohne Vollsperrung sanieren. Allemann verwies auf einen Bericht des Bundesamts für Strassen und suggerierte: Das Tamtam ist umsonst. Leider stimmt das nicht. Was aus dem zitierten Bericht hervorgeht: Der Zustand des Strassentunnels ist nicht so schlecht, wie bisher angenommen. Zwar ist eine Sanierung des Dachs nach wie vor zwingend, dazu bleibt nun aber länger Zeit als gedacht. Eine kurzfristige Vollsperrung vor der Komplettsanierung ist nicht mehr nötig. Bis 2035 muss der Tunnel aber geflickt sein – und dafür wird die Strasse drei Jahre gesperrt.

Kampagnenstart zur Abstimmung am 28. Februar über die zweite Gotthardröhre. (Archivbild).
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Ein Car-Chauffeur faehrt in den Gotthardtunnel beim Suedportal... ... anlaesslich einer Medienfuehrung durch den Gotthard-Tunnel bei Airolo, am Freitag 4. September 2015. (Archivbild)
Der Gotthard-Strassentunnel wurde vor 35 Jahren eroeffnet. (Archivbild).
Die Argumente der Gegner der zweiten Gotthardröhre. (Archivbild)
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Der Gotthard ist einspurig in beide Richtungen befahrbar. (Archivbild)
Stau vor dem Gotthard. (Archivbild)
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Kampagnenstart zur Abstimmung am 28. Februar über die zweite Gotthardröhre. (Archivbild).

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4. Der Bundesrat kann die zweite Spur per Verordnung öffnen

Vor zwanzig Jahren stimmte das Volk für den Alpenschutz. Es wollte einen Ausbau des Transitverkehrs in den Alpen verbieten. Das würde aber passieren, wenn der Tunnel dank zweiter Röhre vier- statt zweispurig befahrbar wäre. Obwohl der Bundesrat beteuert, er werde die Zusatzspur nicht zulassen, behauptete Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger, der Bundesrat könne die vierte Spur per Verordnung (eigenmächtig) öffnen. Allerdings würde die Regierung so nicht nur das Gesetz, sondern auch die Verfassung brechen.

5. Die EU will, dass die Strasse auf vier Spuren ausgeweitet wird

Die Schweiz hat mit der EU ein Landesverkehrsabkommen unterzeichnet, das den freien Verkehrsfluss gewährleisten soll. Gotthard-Gegner befürchten, dass die Schweiz nach dem Bau der zweiten Röhre jeweils die zweite Spur auf Druck der EU öffnen muss. Bundesrätin Doris Leuthard sagt Nein, sie habe eine Zusicherung der EU, dass dies nicht geschehe. Laut «Tages-Anzeiger» ist unter Europarechtlern umstritten, wie verbindlich die Zusage ist.

6. Keine Kapazitätserweiterung

Der Bundesrat will nur eine Spur pro Röhre zulassen. Trotzdem könnte ein Volksentscheid dem Alpenschutz den Rücken kehren und den Verkehr ausbauen. Nur mit dem Einverständnis von Volk und Ständen liessen sich die Kapazitäten am Gotthard ausweiten.

7. Das Tessin will keine zweite Röhre

Die Sorgen des Tessins sind geteilt. Aufgrund der Vollsperre des Strassentunnels wird befürchtet, dass der Kanton für drei Jahre wirtschaftlich abgeschnitten wird. Gleichzeitig will gerade das Südtessin ein grösseres Verkehrsaufkommen verhindern. Was die Tessiner wollen, lässt sich erst nach der Abstimmung beantworten.

8. Die zweite Röhre ist langfristig günstiger

Die Sanierung des alten Strassentunnels kostet mindestens 700 Millionen Franken. Der Bau der zweiten Röhre kostet 2 Milliarden Franken. Falls sich dereinst eine Verladelösung abzeichnet, gilt: Je länger die Renovation dauert, desto teurer wird sie. Genau lässt sich das nicht beziffern, bis zu 1,6 Milliarden Franken könnte der Bund mit der günstigsten Verladelösung sparen. Bei so hohen Baukosten ist unklar, ob sich die zweite Röhre jemals rechnen wird – zumal keiner weiss, wie der Verkehr in 40 Jahren funktioniert.

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