Schulvergleich

Wallis und Freiburg top, Basel und Solothurn Flop: In welchem Kanton Schüler am meisten lernen

Es gibt in Sachen Schule grosse kantonale Unterschiede. (Symbolbild)

Es gibt in Sachen Schule grosse kantonale Unterschiede. (Symbolbild)

Der erste nationale Schulvergleich legt grosse kantonale Unterschiede offen. Über die Gründe dürfte noch lange spekuliert werden.

Die Erwartungen waren gross: Zum ersten Mal haben die Erziehungsdirektoren erhoben, wie gut Kinder und Jugendliche in der Mathematik, der Unterrichts- und der ersten Fremdsprache abschneiden. Der schweizweit unter 23'000 Schülern durchgeführte Test sollte aufzeigen, ob die nationalen Bildungsziele in allen Kantonen erreicht werden. Die am Freitag veröffentlichten Ergebnisse sind allerdings ernüchternd. In diversen Kantonen wurden die Ziele verfehlt. Besonders der Leistungsunterschied zwischen den Regionen bereiten Lehrern wie Politiker Kopfzerbrechen.

Das grösste Sorgenkind der Schweizer Bildung ist demnach Basel-Stadt. Die Schülerinnen und Schüler fallen in allen Fächern im nationalen Vergleich ab. Schlecht schneiden auch Baselland, Solothurn oder Luzern ab. An der Spitze liegen die Kantone Freiburg, Wallis und Appenzell Innerrhoden.

Während bei den Sprachen die Resultate meistens befriedigend ausfallen, sind sie in der Mathematik schlecht. In der Unterrichtssprache erreichen landesweit immerhin 80 bis 90 Prozent der Sechstklässler beim Verstehen von Texten und der Rechtschreibung die gesetzten Ziele. In der Mathematik sind es lediglich 62 Prozent – und das sogar am Ende der obligatorischen Schulzeit (siehe Grafik). Nur drei von fünf Schulabgängern können demnach genügend gut rechnen. In dieser Kategorie bildet Basel-Stadt mit 43 Prozent ebenfalls das Schlusslicht. «Es besteht Handlungsbedarf» sagt Beat Zemp, Präsidenten des Schweizer Lehrerverbandes.

Lange hatten die Erziehungsdirektoren gezögert, die Resultate zu veröffentlichen. Die Testanlage wurde eigens nochmals extern kontrolliert, denn die grossen kantonalen Differenzen führten schon im Vorfeld zur Verunsicherung und vielen Fragen. Die Präsidentin der Erziehungsdirektoren, die Zürcher Bildungsdirektorin Silvia Steiner, hat nun eine Fachkommission beauftragt, die markanten Unterschiede zu untersuchen. Doch auch das eher schwache Abschneiden der Schweizer Schüler in der Mathematik habe sie überrascht, sagt Steiner. Schliesslich belegten hiesige Jugendliche in der Pisa-Studie 2015 noch einen Spitzenplatz im Rechnen. Allerdings ist der erstmals durchgeführte nationale Test der Grundkompetenzen anders aufgebaut als der bekanntere Pisa-Test, der internationale Vergleiche zulässt.

200 Stunden weniger Unterricht

Bildungsexperten, Lehrer und Schulleiter versuchten gestern an der Pressekonferenz, Begründungen zu liefern. Das gelang nur bedingt. Der Migrationshintergrund der Jugendlichen habe einen mittleren bis starken Effekt, was in städtischen Regionen zu schlechteren Resultaten führen könnte, lautete eine Argumentation. Eine weitere bezog sich auf die Stundenpläne. So verbringen St. Galler Jugendliche allein auf der Sekundarstufe 200 Stunden länger im Mathematikunterricht als jene in Bern. Der Grund: Eine Schullektion dauert nicht überall 45 Minuten, sondern in manchen Kantonen 50. Ausserdem ist das Schuljahr nicht überall gleich lang. Das wirkt sich auf die Leistung aus.

Sicher war sich gestern niemand. Es wurden fast so viele Erklärungen ins Feld geführt, wie Experten anwesend waren. Lehrerpräsident Zemp vermutet, dass das Testverfahren für die schlechten Leistungen in der Mathematik mitverantwortlich ist. Die Schüler mussten die Aufgaben am Computer lösen und konnten erst weiter, wenn eine Frage beantwortet wurde. Das sei bei einer Prüfung mit Papier und Bleistift anders. «Ich sage meinen Schülern immer, löst zuerst eine Aufgabe, bei der ihr euch sicher fühlt.» Das war beim Computertest nicht möglich.

Was nützt mehr Geld?

Der oberste Schulleiter der Schweiz, Bernard Gertsch, sieht wiederum ein Motivationsproblem bei den Schülern der 3. Oberstufe. Die Jugendlichen wüssten, dass der Test keinen Einfluss auf ihre Noten oder die Schule hätte. Manche würden dann bloss möglichst schnell die Aufgaben lösen wollen.

Sicher bleibt somit nur, dass der erste nationale Schulvergleich die Bildungsexperten noch lange beschäftigen wird. Doch auch die Politik dürfte interessiert auf die Ergebnisse blicken, gerade wenn es um künftige Sparprogramme geht. Denn einen direkten Zusammenhang zwischen der Leistung der Schüler und den Ausgaben der Kantone zeigen die Ergebnisse nicht. In Basel-Stadt fliessen knapp 30 Prozent der öffentlichen Ausgaben in die Bildung. Ein vergleichsweise hoher Wert für das Schlusslicht. Im Wallis, deren Schüler oft Spitzenpositionen belegen, sind es lediglich knapp 23 Prozent.

Bildungsdirektorin Steiner erwartet allerdings, dass sich die Leistungen der Schüler im Laufe der Zeit angleichen werden. Anders als die Jugendlichen, die getestet wurden, wird die heutige Schülergeneration gemäss dem Lehrplan 21 unterrichtet. Er legt die gleichen Ziele für alle Schüler fest – über die Kantonsgrenzen hinaus.

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