Pascal Couchepin fing damit an. In der Schweiz war er wohl der Erste. Christoph Blocher nahm die Idee medienwirksam auf. Dann entdeckte es auch Bundesrat Ueli Maurer für sich. Morgen lädt nun Simonetta Sommaruga erstmals auf einen Ausflug mit ihrem Departement ein: Gemeinsam mit einer Schar Journalisten spaziert die Bundesrätin vom Berner Dählhölzli der Aare entlang in die Orangerie Elfenau.

Der Anlass? Eine «Begegnung abseits der üblichen Agenda» heisst es in der Einladung. Die informelle Atmosphäre ermögliche es, Themen anzuschneiden, die sonst wenig Aufmerksamkeit erhalten, konkretisiert Agnès Schenker, Mediensprecherin von Sommarugas Justiz- und Polizeidepartement (EJPD). Nach dem kurzen Marsch will Sommaruga über Urheberrecht referieren.

Gefahr I: Befangene Journalisten

Auch alt Bundesrat Pascal Couchepin, der jährlich zum Spazieren auf die St.Petersinsel am Bielersee oder nach Zimmerwald (BE) einlud, verfolgte vorderhand ein inhaltliches Ziel, wie er sagt (vgl. «Nachgefragt»). Daran zweifelt der ehemalige Bundesratssprecher Oswald Sigg: Werde ein Journalist zum Wandern eingeladen, fühle er sich verpflichtet, darüber zu berichten und schreibe «nicht unbefangen», sagt er. «Gerade wenn der Ausflug gesellig, die Gespräche unterhaltend waren, will der Journalist den Bundesrat nicht mehr in die Pfanne hauen.» Dieser Druck auf die Journalisten sei Absicht und mit ein Grund dafür, dass die inoffiziellen Gespräche überhaupt stattfinden.

Gefahr II: Körperverletzung

Von diesem Vorwurf will Peter Minder, Kommunikationschef des Verteidigungsdepartements (VBS), nichts wissen: Ueli Maurers Winterwanderungen dienten der Transparenz, so Minder. «Da sich bei uns im Departement die Informationen stauen, ist eine aktive Kommunikation gefordert», sagt er.

Offenbar schwappt das VBS an Informationen fast über. Denn zusätzlich zu den jährlichen Winterwanderungen führte Minder in diesem Jahr die Kasernengespräche ein. Der Ort sei jeweils bewusst gewählt, um Themen ins Zentrum zu rücken, die nicht im Fokus der Medien stünden. Einer der beiden bisherigen Anlässe fand in der Veterinär-RS statt. Dort durften die Journalisten beim Beschlagen von Armeepferden zuschauen und Lawinen-Hunde kennen lernen. Ende August findet das dritte Kasernengespräch statt. Auch an den Winterwanderungen halte man fest. Da freuen sich die Journalisten, die die vereisten Wege auf dem Hosenboden runterrutschen.

Gefahr III: Fehlende Diskretion

Im Gegensatz zu den «offiziellen Kasernengesprächen» plaudern Verwaltungsmitglieder im Hintergrundgespräch auf dem Spaziergang oder beim Stehlunch auch aus dem Nähkästchen. Solche Hintergrundinformationen sind nicht für die Allgemeinheit bestimmt. Den Journalisten dienen sie aber als Ansatz für Recherchen. Dennoch warnt Sigg, dass dies Journalisten in eine schwierige Lage versetze und zu Missverständnissen führen könne.

Gefahr IV: Verzerrte Bilder

Der unkonventionelle Rahmen verhilft nicht nur Journalisten zu Hintergrundinformationen. Auch Politiker profitieren: Beim Spazieren bauen sie eine vertraute Atmosphäre auf, wie Wirtschaftspsychologe Christian Fichter erklärt. «Sie verschaffen ihren Informationen damit mehr Glaubwürdigkeit.» Es sei verständlich, dass sich Politiker solcher Mittel bedienen. Legitim sei es aber nur, solange die Botschaft, die über die Bilder transportiert wird, der Wahrheit entspreche. Fichter, der sich mit dem Image von Politikern befasst, kennt unzählige Negativbeispiele. Wenn sich etwa ein Politiker auf einem Melkschemel ablichten lasse, um seine Naturverbundenheit und Liebe zum Land zu beweisen, obwohl er eigentlich nicht melken kann, sei das heuchlerisch. Das Bild wird verzerrt.

Wenn hingegen Ueli Maurer zu Kasernengesprächen einlade, ergebe das Sinn: «Er zeigt sein Departement – eine ehrliche Kommunikation», sagt Fichter. Skeptischer äussert er sich zu Sommarugas Sommeranlass. Bei solchen Einladungen handle es sich ganz klar um einen psychologischen Vertrag, der sehr intransparent sei: «Die Meinungsbildung wird durch Goodies wie Apéros oder Hintergrundinformationen beeinflusst.» Das könne wohlwollend in die Berichterstattung einfliessen.

Gefahr V: Sympathische Regierung

Dass Politiker die Bildsprache zu ihrem Vorteil einsetzen, sei etwas Natürliches, sagt Fichter. «Ich lade meine Gäste ja auch nicht in die Garage, sondern in mein warmes Wohnzimmer ein.» Trotz Vorbehalten befürwortet auch Oswald Sigg die unkonventionelle Kommunikationspolitik. Zu seiner Zeit als Departementssprecher habe er ebenfalls empfohlen, Plattformen zu schaffen, die einen ungezwungenen Austausch mit Journalisten ermöglichten. Nur: «Die Chefs interessierten sich kaum für solche Auftritte.»

Seit gestern hat offenbar ein weiteres Regierungsmitglied Gefallen an lockerer Kommunikationspolitik gefunden: Vielleicht tauscht auch Evelyne Widmer-Schlumpf bald Ballerinas gegen Turnschuhe ein.