Rohrpost

Warum das KSA nicht ohne die gute alte Rohrpost auskommt

Das Prinzip der Rohrpost ist 150 Jahre alt. Im Kantonsspital Aarau sausen auch im E-Mail-Zeitalter pro Tag 2000 Büchsen durch das Röhrensystem. Denn: Im KSA können weder E-Mail noch Faxgeräte die handfeste Rohrpost ersetzen

Sabine Kuster


Das Herz pumpt Sauerstoff in die Muskeln, Mittagsmenüs werden von der Spitalküche in die Patientenzimmer gefahren, ein Oberarzt schickt ein E-Mail an die Kollegen. Ein Spital ist voller Systeme, Leitungen und Netze aller Art. Die meisten bekommen die Patienten nie zu Gesicht. Eines davon ist die Rohrpost.

Selbst die Erfindung von E-Mails und Computer-Servern hat die alte Rohrpost nicht verdrängt. Das System, bei dem Büchsen entweder mit Unterdruck angesogen oder mit Überdruck durch Röhren von A nach B gejagt werden, stammt aus dem Jahr 1853. Damals nahm in London die erste Rohrpost ihren Betrieb auf. Sie verband mit 200 Meter Länge das Telegrafenamt mit der Börse. Inzwischen wird firmeninterne Post mit E-Mails übermittelt, doch für Laborproben, Brillen, Lieferscheine und Ähnliches ist die Rohrpost auch heute noch in verschiedenen Unternehmen im Kanton ein wichtiger Bestandteil.

10 Kilometer langes Netz von Röhren

So auch in den Kantonsspitälern Aarau und Baden. Die Rohrpost im Kantonsspital Aarau (KSA) hat mit rund 10 Kilometer Röhren das grösste Netz. 12 Linien führen zu insgesamt 82 Stationen und wieder zurück. Pro Tag saugen 32 Gebläse 2000 Büchsen mittels Vakuum durch 22 Weichen an ihren Bestimmungsort.

Neben dem grossen Rohrpostnetz gibt es noch ein zweites, kleineres und schnelleres, welches den Notfall mit zwei Intensivstationen, dem Labor und dem Operationssaal verbindet.

Ausnahmsweise kommt eine Banane ins Postfach

Ins Labor sausen Blutproben, in die Pathologie werden Gewebeproben geschickt und Befunde kommen zurück. Mit der Rohrpost werden auch Telefonkarten an die Patienten verteilt - und manchmal kriegt jemand auf diesem Weg eine Banane. Für Bananen ist die Rohrpost natürlich nicht vorgesehen und auch der Transport von Schokolade oder Liebesbriefen ist eigentlich verboten, denn solche Sendungen belasten das Rohrsystem. Hin und wieder komme es halt dennoch vor, schmunzelt Roger Hohl, Leiter der Betriebstechnik des KSA.

Hohl kennt jede Station auf dem Spitalgelände und die langen Röhren, die zu ihnen führen. «Das System ist rationell und funktioniert auch mitten in der Nacht», sagt Hohl. Ab und zu geht dennoch etwas schief: zum Beispiel, wenn der Korb einer Empfangsstation voll ist und mit dem Rückstau den betreffenden Leitungsarm lahmlegt. Oder wenn eine Büchse nicht richtig geschlossen wurde und eine Röhre dadurch blockiert.

Eine Blutprobe zerbrach in der Büchse

Dann kriegen die Mitarbeiter der Betriebstechnik eine Fehlermeldung vom System. Im schlimmsten Fall funktioniert der betroffene Abschnitt mehrere Stunden lang nicht, weil die Techniker Rohre auseinanderbauen müssen. Ein ungewöhnlicher Zwischenfall geschah letzten Monat, als eine Blutprobe in einer Büchse zerschellte. Zerbrechliches wird normalerweise in Schaumstoff gehüllt in den Büchsen transportiert, doch in diesem Fall waren die Proben nicht fachgerecht verpackt und verursachten in der Büchse eine unschöne Bescherung.

Solches ist aber selten, in den allermeisten Fällen erreichen die Büchsen ihren Bestimmungsort mit einer Geschwindigkeit von 20 Kilometern in der Stunde binnen zwei bis drei Minuten.

Diese Lieferungen kommen mit einem Knall

Die Rohrpost ist eine sehr unmittelbare und lautstarke Kommunikationstechnik. Im Verteilzentrum des grossen Röhrensystems unter dem Haus 1 knallen die Büchsen fast im Sekundentakt herein. Ein Verteiler verschiebt die Büchsen ins richtige Rohr für die Weiterfahrt. Durch eine Schleuse gelangt sie anschliessend wieder ins Röhrensystem und wird per Vakuum ans Ziel gesaugt.

Der handfeste und geräuschvolle Effekt der Rohrpost ist nicht zu unterschätzen: «Anders als ein E-Mail, das sich fast unbemerkt in die Liste neuer Mails im Computer reiht, löst eine Rohrpostbüchse mehr aus», sagt Zeller, Leiter der Abteilung Bau und Technik beim KSA. «Rohrpost hat automatisch mehr Bedeutung.»

Auch wenn die Patienten bald elektronische Krankenakten haben und Röntgenbilder von überall auf den Computer abgerufen werden können, bleibt die Rohrpost im KSA bestehen. «Vor einigen Jahren dachten wir, das System würde bald einmal überflüssig», sagt Zeller. «Doch anhand der Statistik merkten wir: Es gibt sogar eine leichte Zunahme in der Benutzung.» 2008 bei der Umrüstung des Systems wurden daher von den 88 Stationen bloss die 6 am wenigsten genutzten geschlossen. Allfällige Neubauten mit wichtigen Stationen werden auch in Zukunft mit der Rohrpost verbunden.

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