Chlorothalonil

Warum verbietet der Bund das Gift Chlorothalonil gerade jetzt? Sechs Antworten auf dringende Fragen

Das Bundesamt für Landwirtschaft verbietet per sofort das Fungizid Chlorothalonil. Der Entscheid hat mehr mit politischem Kalkül zu tun als mit unserer Gesundheit.

Was ist das überhaupt für ein Mittel?

Mit Chlorothalonil werden Kartoffel-, Gemüse- und Getreidefelder besprüht, um Pilze abzutöten, welche den Pflanzen schaden. Es wird aber auch als Holzschutzmittel an und in Häusern verwendet. Im Einsatz ist es seit den 70er-Jahren.

Warum ist das Fungizid jetzt plötzlich ein Problem?

Nach der Entdeckung der verschiedenen Unkraut- und Insektenvertilgungsmittel überwog das Positive: Die Erträge auf den Feldern konnten massiv gesteigert werden, Ernteausfälle wurden verhindert. Inzwischen schaut man genauer hin. Die Auswirkungen auf die Böden und das Wasser wurde aber auch erst jetzt ein Thema, weil Labors immer mehr Rückstände messen können: Wer sucht, findet auch mehr.

Können Pestizide nicht aus dem Wasser gefiltert werden?

Ja, mit der sogenannten Umkehrosmose wäre dies möglich. Dabei wird Wasser durch eine Membran gepresst und fast nur das Wassermolekül kommt durch. Solche Anlagen wären für eine ganze Gemeinde aber sehr teuer. An vielen Orten in der Schweiz muss unser Trinkwasser bisher nicht aufbereitet werden. Solches aus Seen, wie zum Beispiel dem Zürichsee jedoch ist heute schon kostspieliger: Zum Beispiel müssen giftige Algen unschädlich gemacht werden.

Kurzfristig wird niemand krank, der in der Schweiz Wasser ab dem Hahnen trinkt. Lanfristige Gefährdungen sind schwieriger zu prognostizieren.

Kurzfristig wird niemand krank, der in der Schweiz Wasser ab dem Hahnen trinkt. Lanfristige Gefährdungen sind schwieriger zu prognostizieren.

Was sind denn die Nachteile von Chlorothalonil?

Pestizide wirken leider nie nur gegen einen Pilz oder ein Insekt. Untersuchungen von Bächen in der Schweiz haben gezeigt, dass hohe Konzentrationen im Wasser Auswirkungen auf die Anzahl Insekten und somit den Bestand von Fischen und Vögel haben. Im Sommer dieses Jahres wurden die Messergebnisse aus fünf Bächen in landwirtschaftlich genutzten Gebieten bekannt: 2017 wurden dort zwischen 71 und 89 Wirkstoffe pro Standort gemessen. An einem Bach im Thurgau und einem im Baselland langen die Werte 36-mal respektive 50-mal über den Grenzwerten. Ab diesen Grenzwerten beobachten Forscher eine Beeinträchtigung der Fortpflanzung und Entwicklung von Pflanzen, Tieren und Mikroben in Bächen.

Ist dies auch für den Menschen bedenklich?

Wie so oft macht die Menge das Gift. Wie hoch die aber sein muss, damit ein Mensch krank davon wird, ist nicht erwiesen. Die Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA gibt eine erlaubte Tagesdosis von 0,015 Milligram pro Kilo Körpergewicht an. Im Schweizer Trinkwasser dürfte der Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter nicht überschritten werden. Bis vor einem Jahr wurde dieser Grenzwert bei Chlorothalonil in der Schweiz aber gar nicht gemessen. Dies geschieht erst, seit ein Bericht der EFSA Anfang 2018 Chlorothalonil als "gering akut toxisch" einstuft, wenn man es einnimmt oder via Haut damit in Berührung kommt. Das Verdikt lautet "möglicherweise krebserregend".

Warum also verbietet der Bund das Gift sofort?

In der EU ist Chlorothalonil seit dem 20. November 2019 nicht mehr zugelassen. Dass der Bund nun doch nachzieht hat vermutlich auch mit den beiden angekündigten Volksinitiativen zu tun zu diesem Thema: Der Trinkwasserinitiative und der Pestizid-Initiative. Der Bund will zeigen, dass er schon von sich aus handelt. Andererseits kam er auch unter Druck, weil beispielsweise aus dem Aargau Ende Oktober bekannt wurde, dass der Chlorothalonil-Wert in jeder achten Gemeinde zu hoch war.

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