Corona

Wenn der Saubermann zweimal klingelt: So testen die mobilen Teams das Baselbiet durch

So funktioniert der erste mobile Coronavirus-Test in der Schweiz

Der Kanton Baselland führt als erster Kanton in der Schweiz seit dem 11. März mobile Corona-Tests durch, bei denen den Patienten zuhause eine Probe abgenommen wird. So sollen die Spitäler, Hausärzte und der öffentliche Verkehr entlastet werden. Viel Aufwand für einen Nasenabstrich.

Fiona Furrer weiss, dass ihr Anblick nicht alltäglich ist: «Wir melden uns immer vorher an, damit sich die Menschen, wenn sie die Haustüre öffnen, nicht erschrecken», sagt sie der bz. Weisser Schutzanzug, gelbe Überschuhe, die Kapuze zugeschnürt, Schutzmaske, Schutzbrille und blaue Handschuhe: In dieser Montur besuchte die Medizinerin schon 20 Personen im Baselbiet, die Symptome des Corona-Virus aufwiesen, bei sich zu Hause, um sie auf den Erreger zu testen. Das Projekt der mobilen Test-Teams ist bisher einzigartig in der Schweiz, auch wenn Patrik Reiniger, Leiter des kantonalen Krisenstabs, betonte, dass man es zusammen mit Basel-Stadt entwickelt habe. Grund genug, es am Montag den Medien mit einer Nachinszenierung auf dem ehemaligen Zeughaus-Areal in Liestal vorzustellen.

Vom Start vergangenen Mittwoch bis Sonntag seien bereits 108 Personen zu Hause getestet worden. Gemäss Krisenstabs-Sprecher Roman Häring sollen allein gestern Montag nochmals über 50 Tests dazugekommen sein. Zwei Dreier-Teams decken derzeit mit jeweils einem Kleinbus den Kanton ab. Laut Reiniger könne man bei Bedarf auf drei Teams aufstocken.

15 Sekunden lang ein Stäbchen in der Nase

Furrer, die auch Co-Projektleiterin ist, schafft es nicht allein in den Einweganzug. Sie braucht einen «Saubermann». So werden Zivilschützer aus der ABC-Einheit genannt, wie der Kommandant der Baselbieter Zivilschutz-Kompanie, David Kaufmann, erklärte. Der Fokus des Saubermanns liege voll auf der Sicherheit der medizinischen Fachperson, die den Corona-Test durchführt. Tatsächlich macht Furrer erst nicht viel mehr als stillzustehen, während Saubermann Sven Mohler sie von Kopf bis Fuss einkleidet. «Wir arbeiten hier mit Schutzmaterial, das einer 200-Prozent-Lösung entspricht. Es ist also viel sicherer als nötig, doch die Sicherheit unserer Leute hat Priorität», sagt Mohler zur bz.

Erst wenn die medizinische Fachperson voll eingekleidet wurde, darf der Patient die Türe öffnen. Auch ihm wird eine Schutzmaske über den Mund angelegt. Und dann wird es ungemütlich: 15 Sekunden lang muss Furrer ein Stäbchen in der Nase des Patienten drehen. Die Reaktionen darauf fallen unterschiedlich aus, wie Kaufmann erzählt «Teils gibt es etwas Tränenwasser, andere müssen niesen oder husten. Genau darum muss der Patient auch eine Maske tragen und die Fachperson einen Vollschutz.» Vor Ort kann zudem direkt per Telemedizin ein Arzt konsultiert werden.

Verläuft alles unauffällig, bekommt die getestete Person ein Merkblatt in die Hand gedrückt und darf die Wohnung nicht mehr verlassen, bis die Testresultate aus dem Labor vorliegen. Geht es der Person bereits auffallend schlecht, kann das Team sofort die 144 rufen. Auch die Nachbarn werden informiert und angewiesen, wirklich nur bei eigenen Krankheitssymptomen ihren Hausarzt zu kontaktieren.

Ab Mittwoch öffnen auch zwei Corona-Testzentren

Das Ziel der mobilen Einsätze ist es, die Notfallstationen der Spitäler zu entlasten und «die Corona-Verdachtsfälle von unserem Gesundheitswesen fernzuhalten», so Reiniger vom Krisenstab. Man müsse alles daran setzen, die Infektionskurve abzuflachen. In Baselland gibt es Stand gestern 76 bestätigte Fälle. Alle drei Tage komme es zu mehr als einer Verdoppelung. 14 Prozent der Fälle verliefen schwer, fünf Prozent kritisch.

Neben den mobilen Teams setzt Baselland auf zwei weitere Massnahmen: Ab Mittwoch öffnen zwei Corona-Abklärungsstationen, eine im Kuspo Münchenstein und eine im Stutz in Lausen. Sie dürften künftig den Grossteil der Corona-Tests durchführen. Denn die mobilen Teams gehen explizit nur zu Menschen, die selbst nicht mehr mobil sind oder auch in Alters- und Pflegeheime. Gestern betonte Reiniger, dass wie die mobilen Teams auch die Zentren keine Patienten direkt empfangen, sondern immer erst die Triage durch den Hausarzt oder eine andere medizinische Institution geschehen müsse. Diese meldet Verdachtsfälle an eine neu eingerichtete Dispositionszentrale, die koordiniert, wer wohin geschickt wird. Ab kommenden Sonntag dann ist der Weg im Falle eines positiven Corona-Tests klar: Alle Covid-19-Patienten werden auf das Bruderholzspital konzentriert.

Fällt die Türe nach einem Nasenabstrich wieder ins Schloss, macht Furrer keinen Wank mehr. Wie angewurzelt bleibt sie stehen, während Saubermann Mohler die Dekontaminierung beginnt. Mit einem T-Schnitt entlang des Rückens und der Arme schneidet er den Schutzanzug auf und stülpt ihn vorsichtig gegen innen. Mit einem Desinfektionsspray reinigt er alle heiklen Stellen. Einen Zwischenfall – etwa Löcher im Einweganzug – habe es bis jetzt noch nicht gegeben, versichert er.
Die Dreier-Teams – ein Fahrer ist auch dabei – arbeiten in zwei Schichten zwischen 6 Uhr morgens und 22 Uhr abends. Und das sieben Tage die Woche. Dafür bekommen Furrer und ihre Mitstreiter aber auch etwas zurück: «Die Menschen sind immer sehr dankbar, dass wir direkt zu ihnen kommen.» Erschrocken sei noch keiner.

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