Bilanz

Wie Philipp Müller die FDP wieder auf Erfolgskurs trimmte

FDP-Präsident Philipp Müller hat seinen Rücktritt per April erklärt. Er hat das Image des Freisinns korrigiert – und ihn so zum Wahlsieger gemacht.

«Man weckt wohl erst dann wahrhaftiges Interesse, wenn man zurücktritt», sagt Philipp Müller und schmunzelt. Dutzenden Journalisten darf der FDP-Präsident am Dienstag in Bern erklären, weshalb er genau dies nach vier Jahren bald nicht mehr sein will: Chef des Freisinns. Müde und erschöpft sei er nicht, sagt Müller, und man glaubt es ihm gerne. Scherzend und lachend sitzt er vorne am Tisch, als ob die Anspannung, die ein Präsidialamt einer grossen Partei nun mal mit sich bringt, mit einem Augenblick von ihm abgefallen wäre. «Nun ist ein Generationenwechsel an der FDP-Spitze fällig», sagt er. «Und man weiss es ja: Man soll gehen, wenn es am schönsten ist.»

«Mit meinem Unfall kann das nichts zu tun haben»: Philipp Müller im Interview – kurz nach Bekanntgabe seines Rücktritts als FDP-Chef.

«Mit meinem Unfall kann das nichts zu tun haben»: Philipp Müller im Interview – kurz nach Bekanntgabe seines Rücktritts als FDP-Chef.

Immer Vollgas

Tatsächlich geht Müller in einem Moment, in dem es für die FDP kaum mehr besser kommen kann: Erstmals seit 1979 vermochte sie am vergangenen 18. Oktober bei eidgenössischen Wahlen wieder zuzulegen, gewann sie zwei Stände- und drei Nationalratssitze dazu. Auch wenn die Freisinnigen ihr eigentliches Wahlziel – die Sozialdemokraten zu überholen – klar verpassten und ihr Erfolg ein wenig im Schatten des SVP-Triumphs stand: Sie durften feiern. Und das hatten sie ja weiss Gott lange genug nicht mehr dürfen.

Unermüdlich war Präsident Müller im Wahljahr unterwegs, tourte von Hundsverlochete zu Hundsverlochete, von FDP-Versammlung zu FDP-Versammlung. Vollgas, immer, er kannte nie etwas anderes. «Mobilisieren» war eines seiner überstrapazierten Lieblingswörter, und, es lässt sich nicht abstreiten, sein Erfolgsrezept. Es zahlte sich aus: Mit der unter Vorgänger Fulvio Pelli gebeutelten Partei ging es nun wieder aufwärts.

Als er sich im Frühjahr 2012 angeschickt hatte, das Präsidium zu übernehmen, hatte noch manch einer Bedenken geäussert. Es galt als Wagnis, einen gelernten Gipsermeister an die Spitze dieser Partei zu wählen, eine lebendige Antithese zum herablassenden Finanzfilz, zum Goldküsten- und Zürichberg-Establishment. Müller tat von Beginn an nichts, um den Schock jener zu lindern, die sich gerne elitär gaben. Mit seiner bodenständigen, immer fadengeraden und impulsiven, manchmal vulgär-beleidigenden Art befreite er die FDP vom Abzockerimage. Den klebrigen Filz streifte er auch mithilfe drastischer Worte ab: Bankenbosse, die Millionensaläre einstrichen, bezeichnete er unverblümt als «Geldsäcke» und «Arschlöcher».

Seine Position und seinen Stil erklärte er lieber bei «Giacobbo/Müller» als in den «NZZ-Standpunkten», der Sendung jener Zeitung, die er – welch Frechheit für einen FDP-Leader! – noch nicht mal täglich las. «Es gibt keinen Konjunktiv mehr», sagte er in der Satire-Sendung in diesem Frühling. «Nur noch den Indikativ und den Imperativ.» Es klang wie die perfekte Umschreibung seines präsidialen Mottos.

Die Prognose ist nicht sehr gewagt: Einen unabhängigeren Präsidenten wird die FDP womöglich nie mehr haben. Einzig im Vorstand des Automobil-Clubs der Schweiz sitzt Müller, weitere Mandate hat er nicht. Mit dem Berner Nationalrat Christian Wasserfallen, dem wahrscheinlichsten Nachfolger als FDP-Präsident und streitbaren Atom-Lobbyisten, wird sich das unter Müller gewandelte Image der Partei kaum halten lassen.

"Jetzt ist ein Generationenwechsel nötig": Philipp Müller kurz nach der Bekanntgabe seine Rücktritts als FDP-Präsident.

"Jetzt ist ein Generationenwechsel nötig": Philipp Müller kurz nach der Bekanntgabe seine Rücktritts als FDP-Präsident.

Unabhängig wie kein anderer

Es war bloss der Stil, den Müller änderte, auf eine inhaltliche Kurskorrektur verzichtete er. Wie Pelli positionierte er die FDP klar rechts der Mitte, kooperierte er fallweise mit den Mitteparteien und gerne auch mit der SVP. An der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative, welche die bilateralen Beziehungen mit der EU gefährdet, war er nicht unschuldig, hatte er das Unbehagen in der Bevölkerung doch eher geschürt als beruhigt. Als «18-Prozent-Müller», der zu Jahrtausendbeginn eine restriktivere Ausländer- und Asylpolitik forderte, wird er dennoch kaum mehr wahrgenommen. Anders als die SVP nämlich stand er stets auch kompromisslos für Integration ein.

Der Autounfall, den Müller im September verschuldete, hat ihm kaum geschadet, bald dürfte er auch juristisch aufgearbeitet sein. Als Aargauer Ständerat bleibt Müller der Schweizer Politszene erhalten. Wäre ja auch zu schade gewesen: Schliesslich strotzt er noch immer vor Energie.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1