Qualitätsvorgaben

Winzer sind sauer wegen Auflagen des Bunds – und hoffen nun auf Guy Parmelin

Agrarminister und Ex-Winzer: Guy Parmelin posierte 2015 vor seiner Wahl in den Bundesrat in den Weinbergen seiner Familie in Bursins VD.

Agrarminister und Ex-Winzer: Guy Parmelin posierte 2015 vor seiner Wahl in den Bundesrat in den Weinbergen seiner Familie in Bursins VD.

Der Bundesrat will die Qualitätsvorgaben für Wein verschärfen. Die Winzer wehren sich dagegen – und hoffen nun auf den neuen Agrarminister: ihren Ex-Kollegen Guy Parmelin.

Guy Parmelin ist einer von ihnen. Darin liess er nie einen Zweifel. Zwar sei er nun Bundesrat, erklärte der SVP-Politiker einmal an der «Gala des Schweizer Weins». «Aber ich bin auch ehemaliger Winzer. Und wer die Branche kennt, der kennt die Losung: einmal Winzer, immer Winzer.» Parmelin arbeitete jahrelang als Weinbauer, nach seiner Wahl in den Bundesrat überliess er die familieneigenen Weinberge in der waadtländischen La Côte ganz seinem Bruder.

Einmal Winzer, immer Winzer? Parmelins Verbundenheit mit seiner angestammten Branche wird derzeit auf die harte Probe gestellt. Denn seit der Bundesrat im Januar das Wirtschaftsdepartement übernommen hat, ist er auch Agrarminister. Und in dieser Funktion verantwortet Parmelin eine Reform, die Weinbauern im ganzen Land sauer aufstösst: Der Bundesrat will die gesetzlichen Bestimmungen für den Herkunftsschutz von Wein verschärfen.

Konkret geht es um das Label Appellation d’Origine Contrôlée, besser bekannt unter seiner Abkürzung AOC. Es garantiert Konsumenten, dass ihr Wein wirklich aus jener Gegend stammt, die auf dem Etikett deklariert ist. Zudem bestätigt AOC die Qualität eines Weins. Auch die Weine der Familie Parmelin tragen das Label AOC.

Just dieses soll nun durch AOP (Appellation d’Origine Protégée) mit noch strengeren Regeln ersetzt werden. Die neue Klassierung ist Teil der grossen Agrarreform, die Parmelins Vorgänger Johann Schneider-Ammann kurz vor seinem Rücktritt in die Vernehmlassung geschickt hat.

Aus AOC wird AOP

Geht es nach dem Bundesrat, dürfen Weine mit AOP-Label bloss noch aus den Trauben desselben Herkunftsgebietes gekeltert werden. Bislang ist ein Verschnitt möglich: Einem AOC-Wein können bis zu zehn Prozent Trauben aus einem anderen Gebiet beigemischt werden. Wo ein Wein gekeltert werden muss, regelt AOC nicht. Gemäss AOP muss das Gebiet der Herstellung jedoch genau umrissen sein – es entspricht grundsätzlich dem geografischen Gebiet der Traubenproduktion.

Verkaufen Rebbauern ihre Trauben für AOC-Wein, bekommen sie oft mehr als fünf Franken pro Kilogramm. Gut zehnmal weniger gibt es für sogenannte Landweine. Ihr Name enthält grossflächige Zusätze wie «Ostschweizer» oder sogar «Schweizer». Die entsprechenden Weine müssen weniger strengen Anforderungen genügen, insbesondere dürfen sie mit bis zu 15 Prozent fremder Trauben verschnitten werden.

Der Bundesrat möchte das Qualitätszeichen «Landwein» durch IGP (Indication Géographique Protégée) ersetzen. Damit soll zum einen die geografische Abgrenzung genau reglementiert werden, wobei ein Herkunftsgebiet neu auch kleinräumiger sein kann. Zum anderen müssen die IGP-Weine ebenfalls in der Region ihrer Trauben gekeltert werden. Die Verschnitt-Obergrenze von 15 Prozent bleibt derweil unangetastet.

In der Europäischen Union ist die Weinklassierung schon seit dem Jahr 2009 vereinheitlicht. In der Schweiz sollten die gleichen geschützten Bezeichnungen für Erzeugnisse von Weinbauern gelten wie in der EU, findet der Bundesrat.

Branche warnt vor Fesseln

Weinbauern wehren sich gegen die neuen Regeln. «Damit wird es nur Verlierer geben», sagt Robin Haug, Geschäftsführer des Branchenverbandes Deutschschweizer Wein. Wie andere Organisationen des Metiers ist der Verband denn auch strikt gegen die Änderungen – obwohl der Bundesrat findet, diese müssten eigentlich im Sinne der Winzer sein. Seiner Einschätzung zufolge kommt der Mehrwert eines AOC-Weins heute zu wenig zur Geltung: «Mit einem Verschnitt von 10 Prozent unterscheidet sich ein AOC-Wein nicht genügend von einem Landwein.»

Das System sei für die Konsumenten unübersichtlich, zumal Landweine nicht einem klar definierten Gebiet entsprächen. Ziel des Bundes ist es, das Potenzial der Schweizer Weine zu stärken. Auch die Schweizerische Vereinigung der AOP-IGP verspricht sich «Vorteile in der Positionierung auf dem Markt».

Genau dies bezweifeln die Winzer allerdings. Es sei eine «marktrelevante Tatsache, dass für Weine die Ursprungsbezeichnungen kein Verkaufsargument sind», schrieb der Verband Reben und Weine bereits im vergangenen Jahr in einem Brief an den Gesamtbundesrat. Die Branche warnt vielmehr vor neuen Fesseln, die den hiesigen Wein verteuern und dessen Konkurrenzfähigkeit verschlechtern könnten.

Das neue System sei viel zu starr, kritisiert Haug und prophezeit: «Viele Winzer verzichten dann wohl lieber ganz auf geschützte Bezeichnungen und vermarkten ihre Erzeugnisse nur noch mit dem Namen des Weinguts.» Ohnehin dürfte es mehrere Jahrzehnte dauern, bis eine Rebsorte den Ansprüchen der Tradition genüge und als AOP-Wein vermarktet werden könne. Haug spricht von einem «Innovationshemmer», weil neuere Sorten so an Attraktivität verlören.

Strikte Einschränkungen

Mehr noch fürchten sich die Winzer vor einem Identitätsverlust. Die Bezeichnung nach Regionen könnte an Bedeutung einbüssen, glauben sie. In Schaffhausen etwa werden 15 bis 20 Prozent der Trauben ausserhalb des Kantons gekeltert, wie Beat Hedinger von der Organisation Schaffhauser Blauburgunderland dem Fachblatt «Schweizer Bauer» erklärte. Fortan dürften diese Weine kaum mehr die Ursprungsbezeichnung «Schaffhausen AOP» tragen.

Dass Weine mit AOP-Label überhaupt nicht mehr mit Trauben aus anderen Regionen verschnitten werden dürfen, wird die Winzer besonders in schwächeren Jahren treffen. In der kleinräumigen Schweiz sei eine solche Einschränkung viel einschneidender als in Ländern wie Frankreich oder Italien mit hundertfach grösseren Weinbaugebieten, monieren die Branchenverbände.

Die Hoffnungen ruhen jetzt auf Guy Parmelin. «Der neue Agrarminister hat bestimmt mehr Verständnis für die Befindlichkeiten der Winzer», sagt Robin Haug. Gibt der Bundesrat dem Druck seiner alten Zunft nach? Oder wird er die Weinklassierung tatsächlich radikal umkrempeln? Bis im März läuft die Vernehmlassung dazu. Eine Sprecherin von Parmelin lässt vieldeutig ausrichten: «Die Auswertung der Antworten wird zeigen, wo es Handlungsbedarf gibt und wo allenfalls Korrekturen nötig sind.»

Autor

Sven Altermatt

Sven Altermatt

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