Ist das Joghurt noch essbar, der Käse in Ordnung, die Bratwurst unverdorben? Ein Blick auf das Mindesthaltbarkeitsdatum verschafft Orientierung – aber führt manchmal auch dazu, dass viele Lebensmittel im Abfall landen, obwohl sie noch einwandfrei wären. Auf jeden Fall lohnt es sich, die Geniessbarkeit selber zu testen. So zeigte zum Beispiel eine Untersuchung der Stiftung Konsumentenschutz, dass zwei Wochen nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums 92 Prozent der verpackten Milch- und Fleischprodukte und Desserts noch absolut geniessbar waren.

Führen die Worte «mindestens haltbar bis» in die Irre? Nadine Masshardt vermutet es, weil dadurch vermeintlich abgelaufene Lebensmittel nicht mehr verzehrt würden, obwohl sie noch geniessbar wären. Die Berner SP-Nationalrätin schlägt deshalb vor, Lebensmittel mit dem Wort «Verfallsdatum» versehen – womit diese offiziell einige Tage länger haltbar wären. Masshardt ist überzeugt, dass die neue Terminologie auf den Verpackungen einen Beitrag zur Reduktion der Lebensmittelverschwendung leisten kann. Der Bundesrat empfiehlt den Vorstoss zur Annahme, wie er an seiner letzten Sitzung entschieden hat. Er klärt deshalb ab, ob er diese Massnahme aufnehmen will in seinen Aktionsplan gegen die Lebensmittelverschwendung. Diese wirkt sich negativ auf die Umwelt aus. Oberste Priorität für einen sorgsameren Umgang mit Esswaren ortet der Bund etwa bei Fleisch, Fisch, Käse, Eiern, Kaffee und Kakao oder Zitrusfrüchten und Bananen.

Geringe Wertschätzung von Lebensmitteln

Die Schweiz hat sich verpflichtet, bis 2030 die Lebensmittelabfälle zu halbieren. Sie verabschiedete im Jahr 2015 mit mehr als 190 Staaten die UNO-Agenda für eine nachhaltige Entwicklung. Das Bundesamt für Umwelt publiziert denn auch laufend Studien über das Thema. Sie besagen unter anderem, dass in der Schweiz jedes Jahr 2,6 Millionen Tonnen Lebensmittel im Abfall landen, obwohl zwei Drittel davon beim Zeitpunkt des Wegwerfens noch geniessbar wären. Pro Person werden damit hierzulande jährlich 190 Kilogramm Lebensmittel vergeudet. Laut Bafu fallen rund 43 Prozent der vermeidbaren Essensabfälle in der Lebensmittelindustrie an. In einer im April publizierten Studie zeigte der Bund auf, dass in den Privathaushalten jährlich rund 1 Million Tonne Lebensmittels entsorgt werden. Ein Grund dafür sei die geringe Wertschätzung von Lebensmitteln. Zudem fehle es an Wissen über die Haltbarkeit und Lagerung von Lebensmitteln. Auch mit der Restenverwertung hapert es.

Trägt eine neue Terminologie auf der Verpackung dazu bei, das «Food-Waste»-Problem zu entschärfen? Die Migros ist skeptisch. Der Begriff «Verfallsdatum» sei negativ behaftet, sagt ein Sprecher. Und:

Auch der Konsumentenschutz kann sich nicht mit dem Wort «Verfallsdatum» anfreunden. Er hält es jedoch für sinnvoll, «die Datierung von Lebensmitteln zu überprüfen und allenfalls anzupassen», sagt Josianne Walpen, Leiterin Ernährung und Mobilität. Der Konsumentenschutz bemängle seit Jahren, dass viele Konsumentinnen und Konsumenten die Formulierung «Mindestens haltbar bis…» nicht verstünden und so zum Teil Lebensmittel im Abfall landeten, die noch geniessbar wären. Er plädiert für eine Formulierung wie «best before» wie in Grossbritannien. Diese bringe sehr gut zum Ausdruck, dass nach Ablauf des Datums das Lebensmittel immer noch geniessbar sei.

Mit einer anderen Wortwahl könnte Masshardt gut leben. «Hauptsache, die Lebensmittelverschwendung sinkt», sagt die Nationalrätin. Sie selber geht mit guten Beispiel voran. Lebensmittel probiert sie auch dann, wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist.