Grenchen
Boris Banga hat niemanden gemobbt

Der Grenchner Stadtpräsident hat laut Voruntersuchung einen schlechten Führungsstil, von Mobbing - dem eigentlichen Hauptvorwurf - war allerdings nichts mehr zu finden.

Theodor Eckert und Urs Mathys
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Gestern Montag, 13.46 Uhr, auf der Redaktion dieser Zeitung wird die Stimmung unvermittelt nervöser. Der Grund, ein überfälliges E-Mail der Stadtkanzlei Grenchen ist auf den Bildschirmen aufgetaucht. Vielsagender Titel: Medienmitteilung der Gemeinderatskommission GRK zur Voruntersuchung betreffend den Stadtpräsidenten. Absender: Vize-Stadtpräsident Hubert Bläsi. Und der

Reaktionen: «Banga ist entthront»

«Der Stadtkönig ist durch diesen Bericht entthront worden», nimmt Gemeinderat Heinz Müller für die SVP Stellung zum Ergebnis der Voruntersuchung. Die SVP habe schon länger verlangt, dass die GRK informiere, zumal der Bericht bereits seit fast zwei Monaten vorliege. Die halbe Stadt wisse, dass im Umfeld von Boris Banga einiges nicht stimme. Auch andere Fraktionen wüssten längst davon, nur hätten sie nichts unternommen. Müller fordert, dass die GRK für gewisse Direkt-unterstellte des Stadtpräsidenten, die beruflich mit dessen Frau zu tun hätten (zum Beispiel die Schuldirektorin), andere Unterstellungen festlegen müsse. Zweitens müsse der Vize-Stadtpräsident dringend mehr Kompetenzen und Aufgaben erhalten. Banga habe seinen Vize als «Möchtegern-Stadtpräsidentli» bezeichnet, und es sei bekannt, dass er ihm Informationen vorenthalte. Es gehe um eine dringend nötige Machtteilung.
CVP-Chefin Bea Corti, eben aus den Ferien zurück, ist nicht auf dem Laufenden, verweist auf Fraktionschef Andreas Kummer, doch der ist nicht zu erreichen.
Urs Wirth, SP, verweist auf die Inhalte der GRK-Mitteilung. (om)

Kommt Banga ein sechstes Mal?

War da nicht ursprünglich der Hauptvorwurf Mobbing im Raum, wurde die ganze Übung nicht deshalb überhaupt inszeniert? So ist es. Geblieben ist davon allerdings nichts. Entsprechend freudig hat Boris Banga den Expertenbericht zur Kenntnis genommen. Allerdings erst gestern Montag um 11 Uhr, nachdem er mit Nachdruck verlangt hatte, endlich den Inhalt des Papiers zu erfahren. Verständlich, schliesslich liegt das Ergebnis seit dem 7. September 2010 vor und auf dem lokalen Internetportal «grenchen.net» ist bereits in vielsagender Weise darüber spekuliert worden. «So etwas geht doch nicht, das ist ein unhaltbarer Zustand», ereifert sich Banga gegenüber dieser Zeitung zu Recht.

Völlig unverständlich sei zudem, dass er zu all den Punkten keine Stellung nehmen konnte. Auf die Details angesprochen, weist der Stadtpräsident explizit darauf hin, dass er kein Mobbing begangen habe. «Das hätte mich schon gebissen, wenn das der Fall gewesen wäre». Dasselbe gelte natürlich auch für eine Dienstpflichtverletzung. Auch davon könne überhaupt keine Rede sein.

Auf seinen Umgangston angesprochen, meint der ehemalige SP-Nationalrat bloss: «Ich bin fünfmal wiedergewählt worden, ein derart schlimmer Zeitgenosse kann ich demnach nicht sein.» Im Nachsatz räumt er allerdings ein, dass er zuweilen durchaus mal laut werden könne. Doch bekanntlich gebe es unterschiedliche Führungsstile. Die ganze Übung betrachtet der Stadtpräsident als politische Abrechnung. Was heisst das für die Zukunft von Boris Banga, wird er gar ein sechstes Mal antreten? «Die Situation würde es eigentlich direkt erfordern», meint er lapidar.

Hauptvorwurf vom Tisch

Nach wiederholten öffentlichen Mobbing-Vorwürfen hatte Stadtpräsident Banga im letzten März die Flucht nach vorne angetreten: Er leitete eine Untersuchung gegen sich selber ein. Auf Nachfrage bestätigt Vize-Stadtpräsident und GRK-Sprecher Hubert Bläsi (FDP), dass die zur Diskussion stehenden Vorkommnisse nicht Mobbing-Charakter erreichen. Gerade die auch in der Sonntagspresse laut gewordenen Mobbing-Vorwürfe hätten die GRK letztlich zum Handeln gezwungen. Die Voruntersuchung lasse nun aber «ein formelles Disziplinarverfahren gegen den Stadtpräsidenten nicht als gerechtfertigt erscheinen», heisst es in der GRK-Medienmitteilung. Die Gemeinderatskommission will folglich «den Fokus auf die Zukunft richten» und «Massnahmen ergreifen, die bald wirken». Solche würden derzeit geprüft, bestätigt Bläsi. Vertiefende Informationen dazu lässt sich Vize-Stadtpräsident Bläsi nicht entlocken. Hier gehe es um «eine personalrechtlich nicht öffentliche Sache». Über die getroffenen Massnahmen werde «zu gegebener Zeit» informiert.

Seit der Ablieferung des Berichts sind fast zwei Monate verstrichen. In der Zwischenzeit habe die GRK «engagiert über Inhalt und Schlüsse debattiert», begründet Hubert Bläsi die seither verstrichene lange Zeit.