Solothurn schreibt Geschichte

Die Geköpften

Der Leib von Tadeusz Kosciuszko kam wieder zum Vorschein.

Der Leib von Tadeusz Kosciuszko kam wieder zum Vorschein.

Solothurn Tourismus lädt Solothurner ein, von Tag zu Tag eine Kriminalgeschichte weiterzuschreiben. Aus den eingeschickten Ideen entwickelt ein Schreib-Team dann jeweils einen neuen Abschnitt. Teil 18.

Autorin: Simone Leitner

Mitwirkende: Isabel Hunziker, Zuchwil | Claudia Sollberger, Halten | Hans Fischer, Lüterkofen | Christine Künzler, Schüpfen | Susanne Im Hof, Grenchen | Mathieu Im Hof, Grenchen | Joëlle Harms, Selzach  

«Tom, ich muss nochmals kurz weg!» Alma packt hastig ihre Sachen. «Alma?! Verdammt noch mal ...du kannst doch nicht!» Und wie sie kann. Die Türe fällt ins Schloss und Seiffert hört nur noch ihre Schritte in der Ferne verhallen.

«Kuno? Können wir uns treffen?» «Hast du etwa wieder so ein Bauchgefühl?», witzelt Studer ungewöhnlich gut gelaunt. «Ich bin gerade auf einer Nachsuche im Revier. In zwei Stunden?» Alma verabredet sich mit Studer bei der Peterskapelle.

«Wo ist bloss dieser Schlüssel? Jelena hatte gestern eine Stadtführung und wollte die Kapelle mit der Gruppe besuchen.» Der Schlüssel hätte schon längst wieder im Tourismusbüro an Ort und Stelle sein müssen.

Alma hat ein ungutes Gefühl, muss ihre Emotionen aber zurückhalten. Eigentlich möchte sie losrennen, ihre Kollegin in den Gassen der Altstadt suchen und laut Jelenas Namen rufen. «Kuno wäre das peinlich», geht ihr durch den Kopf. Diese emotionale Seite, er nennt sie «hysterische Momente», mag er nicht. «Dieser alte Brummbär hat doch nur Angst.» Alma kneift verschmitzt die Augen zusammen und lächelt. Früher nannte Studer diese Momente Leidenschaft und konnte ihnen nicht widerstehen.

Alma ist mal wieder weit weg in Gedanken. Das Telefon holt sie zurück aus ihren Träumen. «Das ist das Ende, jetzt kann ich nichts mehr für euch tun!», schreit Jeffrey ins Telefon. «Für uns, Jeffrey, für uns. Wir sind ein Team.» «Dann eben für uns, ist doch scheissegal!» «Jeff, bitte beruhige dich, erzähl alles der Reihe nach, Punkt für Punkt.» Jeffrey erklärt, dass Chefredaktor von Burg genug von diesem Schmierentheater habe, dass er die Zügel selber in die Hände nehmen und von seinen hochrangigen Beziehungen Gebrauch machen wolle. «Und zu guter Letzt trifft er sich heute mit einer befreundeten Journalistin aus Bern, die dem Unspunnenstein seit dem Verschwinden am 20. August 2005 in Interlaken auf der Spur ist und selber schon ins Visier der Fahnder gerückt war.»

«Weisst du Jeff, mag sein, dass von Burg herausfindet, dass die historischen Gegenstände gestohlen wurden. Mag sein, dass er den Krimi-Trail entlarvt. Aber ganz ehrlich: so what!?» Jeffrey kann die gelassene Art von Alma nicht einordnen. «Schau, der Herr Chefredaktor kann doch nicht die ganze Stadt, die ganze 2000-Jahr-Feier in den Dreck ziehen. Was meinst du, woher die Inserate kommen? Und eines muss man von Burg lassen: Naiv ist er weiss Gott nicht!» Jeffrey murmelt kleinlaut, dass von Burg in der Tat kein Leichtgewicht sei, er ihn bewundere und dass er selber auch mal so richtig tief im Dreck wühlen wolle. Dann intoniert er ähnlich einem Schlachtruf «Ich zeig’s euch allen!» Und verabredet sich mit Alma bei der Peterskapelle.

Alma ist besorgt: Die Jubiläumsfeier rückt immer näher und die Festreden werden geschrieben. Tom Seiffert hatte ihr am Telefon mitgeteilt: «Die ganze Schweiz schaut auf uns. Mit unserem Award haben wir grosse nationale Medienpräsenz und tolle Aufmerksamkeit bekommen. Solothurn ist back on the map!». Alma weiss, diese Feier würde unvergesslich werden. So oder so.

Sie schlendert der Aare entlang. Das ist ihre Stadt. «Sie ist die Schönste der Schweiz», sagt sie immer mit einem Augenzwinkern auf ihren Stadtführungen. «Und nun, wie soll es weitergehen? Warum will Mona diese Jubiläumsrede halten? Was bezweckt sie damit? Wurde sie etwa angeheuert? Erpresst? Warum sagt sie, sie kenne Solothurn so gut?» Alma überlegt weiter: Oder geht es darum, zu verhindern, dass an der Feier ein Geheimnis über ihre Vergangenheit preisgegeben wird? Ist Mona möglicherweise Nachkomme einer Patrizierfamilie? Welche könnte das sein? Da gab es viele: von Besenval, von Sury, von Roll, Wagner, Gibelin, Schauenstein, von Vigier. Geht es darum, sie und ihre Vorfahren ins Zentrum zustellen.

Tom Seiffert erklärte letzte Woche, dass er in seiner Jubiläumsrede nebst der Vergangenheit auch das 19. Jahrhundert in den Fokus stellen würde. Steht Mona vielleicht in Verbindung mit einer ehemaligen Familie aus der Industriezeit?

«Was machen wir hier?», begrüsst Studer seinen Neffen Jeffrey bei der Peterskapelle und haucht Alma einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Alma zeigt auf die Tür: Der Kapellenschlüssel steckt im Schloss. «Wir fügen heute Kosciuszko's Kopf und Leib wieder zusammen», antwortet Alma und erklärt, dass die beiden Stadtheiligen Urs und Viktor damals von ansässigen Römern auch geköpft und anschliessend in die Aare geworfen wurden. Studer traut seinen Augen nicht: Da liegt tatsächlich die kopflose Statue! «Jeffrey, jetzt hast du Fleisch am Knochen. Jetzt schreib deine Geschichte im Solothurn Journal», sagt Studer mit einem leicht spöttischen Unterton. Jeffrey lässt sich nicht provozieren. «Wenn ihr meint, ich schreibe, der Kosciuszko sei gestohlen und nun wieder gefunden worden, täuscht ihr euch!» Jetzt ist Jeffrey beleidigt. «Ich lüfte das ganz grosse Geheimnis!»

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