Umweltschutz
Bauschutt bleibt im Naturschutzgebiet Bettlachstock liegen

Laut kantonalen Vorschriften muss jedermann bei Abbrucharbeiten den Bauschutt entsorgen. Aber ausgerechnet der Kanton lässt im Naturschutzgebiet Bettlachstock Material liegen. Was steckt dahinter?

Lucien Fluri
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Mutwillig geschaffene «Geröllwüste» im Naturschutzgebiet – oder schlicht die bestmögliche Lösung unter den gegebenen Umständen? Der Kanton hat das Abbruchmaterial des gesprengten Hofes Bettlachstock zum Auffüllen der Keller verwendet. Private müssen dieses Material in der Regel in Deponien bringen.

Mutwillig geschaffene «Geröllwüste» im Naturschutzgebiet – oder schlicht die bestmögliche Lösung unter den gegebenen Umständen? Der Kanton hat das Abbruchmaterial des gesprengten Hofes Bettlachstock zum Auffüllen der Keller verwendet. Private müssen dieses Material in der Regel in Deponien bringen.

Leserbild ZVG

8,5 Kilogramm Sprengstoff machten dem Berghof Bettlachstock vergangenen Sommer den Garaus. Jahrelang war der Hof leergestanden. Unwegsam ist der Zugang, rentabel war der Hof nie. Nicht einmal als Sömmerungsbetrieb überdauerte er die Zeit. Und so beschloss sein Besitzer, der Kanton, den Abbruch durch die Armee. Schliesslich war die baufällige Ruine auch ein Sicherheitsrisiko geworden.

Hier stehen die Mauern des ehemaligen Wohnhauses noch
6 Bilder
Um 14.14 Uhr wird gezündet
Sofort steigt eine dichte Rauchwolke auf
Da liegt das Haus am Boden - alles hat wie gewünscht geklappt

Hier stehen die Mauern des ehemaligen Wohnhauses noch

Oliver Menge

Heute ist auf dem Berg fast nichts mehr vom einstigen Hof zu sehen – ausser, zum Erstaunen von Wanderern, – Bauchschutt, der mitten im Naturschutzgebiet liegt. Und das passt nicht allen: Ein Baufachmann, der jahrelange Erfahrung in seinem Gebiet hat, meldet sich bei der Zeitung. Ihn stört nicht nur der Anblick von Keramikplättli und Backsteinmauerwerk in der Juraschutzzone – Abbruchmaterial, das in den früheren Kellerräumen liegt.

Dem Fachmann sticht vor allem etwas ins Auge: Nämlich dass Vorschriften nicht eingehalten sind. «Dieses Material gilt eindeutig als Inertstoff und muss vorschriftsgemäss entsorgt werden», sagt er. «Jeder private Bauherr ist verpflichtet, sämtliche Abbruchmaterialien fachgerecht zu entsorgen. Öffentliche Amtsstellen sollten diesbezüglich ein Vorbild sein.»

Tatsächlich: Nachzulesen sind die Vorschriften im Merkblatt «Auffüllungen von Hohlräumen bei Rückbauten»- Dort hält das Amt für Umwelt fest: «Die Verwendung von Bauschutt ist generell verboten». Wer mehr als 1000 Kubikmeter Abfall entsorgt, muss ein Entsorgungskonzept für die fachgerechte Entsorgung des Materials vorlegen. Der langjährige Baufachmann dagegen ist überzeugt: Man hätte das Abbruchmaterial mit dem Kleindumper wegtransportieren können.

Teure Helikopterflüge nötig

Misst der Kanton mit zwei Ellen? Müssen Private Vorschriften befolgen, während sich der Kanton ausgerechnet in einem Naturschutzgebiet nicht daran hält? Kantonsbaumeister Bernhard Mäusli widerspricht und stellt klar: Unter vergleichbaren Umständen hätte «selbstverständlich» auch jeder Private eine Ausnahmebewilligung erhalten. Der Kantonsbaumeister erinnert an den «komplexen» Abbruch auf dem Berg, der sich über zwei Sommer hinzog: «Die Zugänglichkeit zur Baustelle war sehr schwierig.

Sämtliche Bauabfälle mussten per Helikopter ins Tal transportiert werden.» Mäusli versichert: Eine Sonderbehandlung des Hochbauamtes sei auszuschliessen. Gar das Finanzdepartement stellte die Abbruchverfügung aus, weil das Baudepartement selbst Gesuchsteller war.

Der Kantonsbaumeister erinnert an die getroffenen Massnahmen, damit belastete Materialen vom Berg kommen: Die Armee hat ein mehrseitiges Abbruchkonzept ausgearbeitet. Soldaten haben die Böden herausgerissen, von Hand die Scheune und das Dach abgebrochen. Eine Spezialfirma hat eine Asbestsanierung vorgenommen. Belastetes Material wurde auf Paletten verladen und mit dem Helikopter hinuntertransportiert. Super-Pumas der Armee flogen im Oktober 2013 40 Paletten vom Berg hinunter. 150 000 Franken kostete die Abbruchübung den Kanton. Mäusli hält zudem fest: «Es sind nur rein mineralische und vorgängig von Fremd- und Schadstoffen befreite Fraktionen in die Hohlräume verfüllt worden.»
«Optimale Lösung erreicht»

Für Mäusli ist unter den gegebenen Umständen die «optimale Lösung für den Naturschutz und den Steuerzahler realisiert worden». Nur dank der Ausnahmeregelung habe man den Berghof überhaupt je abreissen können. «Die Durchsetzung der üblichen Regelungen hätte dazu geführt, dass die Bauruine aus Kostengründen gar nicht erst angerührt worden wäre, was für die Umwelt letztendlich keine Vorteil bedeutet hätte», erklärt der Chef des kantonalen Hochbauamtes. «Die vorhandenen Gebäudeschadstoffe wären vor Ort verblieben und mit den Jahren unkontrolliert freigesetzt worden.»

Nun prüft der Kanton, «ob vor dem Herbst noch eine kleinere Aufräumaktion durch eine Zivilschutzorganisation erfolgen soll.» Weitere Renaturierungsmassnahmen seien aber nicht vorgesehen. «Man will der Natur Zeit lassen, sich auf diesem Gelände zu regenerieren», so Mäusli.

So hat es im Innern des Hauses auf dem Bettlachstock ausgesehen:

Drohnenbild des Bettlachstock mit der Wandfluh
18 Bilder
Die Zufahrt ist schwierig
Die Haustüre ist verriegelt
Exklusiv: Bilder vom Innern des verlassenen Hauses auf dem Bettlachstock
Wohnzimmer mit Kachelofen
Verteilerkasten
WC
Die Zimmer haben Parkett
Alles ist massiv gebaut
Aufgang zum Estrich
Aussicht vom Estrich
Die Strasse zum Bettlachstock ist wieder befahrbar
Nordseite
Der ehemalige Viehstall
Heutenne Zahlreiche Bettlacher trafen sich am 1. August, um vom verlassenen Bauernhaus auf dem Bettlachstock Abschied zu nehmen. Das Grenchner Tagblatt hatte exklusiv Einblick ins innere des Hauses, das demnächst abgerissen werden soll.
Das Ehepaar von Burg aus Bettlach bewohnte 1952, als dieses Bild entstand, den Bettlachstock
Malerische Umgebung
Blick Richtung Alpen

Drohnenbild des Bettlachstock mit der Wandfluh

Urban Marti

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