Insekten
Das Essen der Zukunft: «Drohnenlarven angebraten und in Honig gewendet ... fein!»

Die Insektenköchin Andrea Staudacher ist ihrer Zeit mindestens einen Kochlöffel voraus. Die gebürtige Lohn-Ammannseggerin interessiert sich aber nicht nur für Insekten, sondern kocht auch mit Mikroalgen, Quallen und künstlichem Fleisch.

Beatrice Kaufmann
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Zuerst hat Andrea Staudacher im Museum Käfer gezeichnet. Erst später kochte sie auch mit Insekten.

Zuerst hat Andrea Staudacher im Museum Käfer gezeichnet. Erst später kochte sie auch mit Insekten.

Michel Luethi

Da liegt es vor mir, mit seinen kleinen Beinchen, samt Kopf und Panzer und starrt mit seinen leeren Knopfaugen in den Raum des Cafés. Das Leben ist dem Heimchen, einer kleinen Grille, entwichen, als es gefriergetrocknet wurde. Seine letzte Bestimmung: von Menschen gegessen zu werden.

Nicht jedermanns Sache: Insekten essen. Portrait Andrea Staudacher

Nicht jedermanns Sache: Insekten essen. Portrait Andrea Staudacher

Michel Luethi

Ich betrachte es, versuche zu ergründen, warum ich mich vor dieser Vorstellung so ekle – und warte erst mal ab. «Du kannst es ruhig noch etwas anschauen und dich an den Gedanken gewöhnen», sagt Andrea Staudacher lachend. Sie habe sechs, sieben Mal Insekten gegessen, bis sie sich nicht mehr geekelt hat. Ich bestelle daraufhin zuerst noch einen Milchkaffee.

Aus der Räubertochter wurde ...

Andrea ist in Lohn-Ammannsegg aufgewachsen, wo wir zusammen die Primarschule besucht haben. Ich erinnere mich an ein Mädchen vom Typ Ronja Räubertochter: am Waldrand aufgewachsen, fröhlich, extrovertiert und zeitweise liebenswert frech. Nach Jahren treffen wir uns nun wieder. Aus dem Mädchen ist eine junge selbstbewusste Frau geworden, die den Mut hat, ihren eigenen Weg zu gehen. Auf diesem bewegt sie sich scheinbar ständig einen Schritt in der Zukunft. Mit ihrem Partner aus Venezuela und Tochter Luz lebt sie in Bern.

2012 publizierte Andrea ihr Insektenkochbuch, lange bevor der Verkauf von drei Lebensmittelinsekten – dem Heimchen, der Wanderheuschrecke und dem Mehlwurm – in der Schweiz legalisiert wurde. Die ersten drei Auflagen sind vergriffen, im August erscheint die erweiterte Neuauflage, «The Future Of Food». Diese ist mit einem fundierten Theorieteil versehen, das Vorwort stammt von einem ETH-Professor. Auch ihre Berufsbezeichnung muss man erst noch erfinden. «Ich wurde schon als Foodbloggerin, Insektenköchin oder Futurefood-Designerin bezeichnet. Am ehesten kann ich mich mit Erlebnisdesignerin anfreunden. Aber das passt alles nicht richtig.»

Eigentlich war Andrea Dekorateurin, die Arbeit habe sie aber frustriert. Also hat sie an der Hochschule der Künste in Bern visuelle Kommunikation studiert und nebenbei Käfer-Exponate aus dem Museum gezeichnet – «wie so e Gstörti!» – weil sie sie schön fand. Dass sie mittlerweile Mehlwürmer in Falaffel verwandelt, entspringt also einem ästhetischen Gedanken. Und so wurde aus der Abschlussarbeit ein Kochbuch, dessen Potential die Autorin erst später erkannte. «Es stand lange im Regal, was ich schade fand.» Daher habe sie ihr Wissen vertieft, begonnen Anlässe durchzuführen, einen Master of Design mit Schwerpunkt «Ereignis» erlangt und ihre eigene Firma gegründet hat, das «FutureFoodLab».

Was folgt auf den Insekten-Hype?

Ihre Firma ist weit mehr als eine Insektenküche. «Mich interessiert das Essen der Zukunft», sozusagen das unausgeschöpfte Potential an Nahrung. Insekten zu essen ergibt nämlich durchaus Sinn, bieten diese doch eine eiweissreiche und ökologischere Alternative zu Fleisch.

Natürlich gebe es Leute, die das für überflüssig halten. «Das ist okay. Jeder soll seine eigene Meinung bilden.» Dazu bietet sie die Gelegenheiten.» Kochkurse, Caterings, Dinner oder auch Vorträge – Andrea ist begehrt. «Im Moment könnte ich mich vierteilen», sagt sie lachend.

«Aber die Insekten sind ein Hype, der wieder abflacht», ist sie sicher. Nicht umsonst hat sie in ihrem Studium gelernt, Trends zu beobachten. Erst wenige Restaurants verkaufen Insekten-Speisen, Grosshändler kämpfen noch mit Importschwierigkeiten.

Derweil schaut die Designerin schon über den nächsten Tellerrand hinaus. In ihrem Kochbuch finden sich Rezepte mit künstlichem Fleisch, Mikroalgen und Quallen. Zudem Insekten, die in der Schweiz nicht zum Verzehr zugelassen sind. «Weil ihre Auswirkungen auf den menschlichen Körper noch nicht untersucht sind. Dabei würden einige von ihnen als Gerichte mehr Sinn ergeben als etwa Mehlwürmer.»

Drohnenlarven zum Beispiel. «Sie werden normalerweise von den Imkern weggeworfen – in der Schweiz bis zu 100 Tonnen pro Jahr! Man kann sie anbraten und in Honig wenden... mega fein!», schwärmt sie.

Ihre Visionen gehen aber weit über Rezepte hinaus. Derzeit arbeitet sie mit den Mehlwurmzüchtern Kaspar Ramseier und Damian Rihs zusammen. Ihre Idee klingt nach einem Perpetuum mobile: Ein Restaurant, dessen Rüstabfälle als Futter für Mehlwürmer dienen, die wiederum auf dem Teller der Gäste landen. Der Kot der Mehlwürmer soll dem Anbau von Pilzen dienen. Denn was kaum jemand weiss: «Der Dung von Mehlwürmern ist sehr nährstoffhaltig. Ein Wundermittel!»

«Vogelfutter halt!»

Mein Blick fällt von Zeit zu Zeit auf das Heimchen vor mir. Nun hat mich die Neugier gepackt. Ich nehme es in die Hand, überwinde mich fast, bevor ich doch frage: «Die zerbeisst man wirklich?» – «Ja!» Wenige Sekunden später ist die Grille in meinem Mund – und sofort tritt ein nussiger Geschmack hervor, der mich kurz vergessen lässt, was ich da gerade esse. Tatsächlich ähnelt der Geschmack einer Körnermischung. «Vogelfutter halt», lachen wir. Das kulturell bedingte Ekelgefühl ist noch nicht ganz weg. Die Neugier auf das Essen der Zukunft aber umso grösser.

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