Gastbeitrag
Das «Rössli» ist nicht das Solothurner Rütli

Replik von Kurt Fluri auf die Würdigung bedeutender Solothurner Persönlichkeiten durch Christoph Blocher.

Kurt Fluri*
Kurt Fluri*
Drucken
Teilen
Kurt Fluri meint, dass Christoph Blocher in einem Interview mit dieser Zeitung die Geschichte nicht korrekt dargestellt hat.

Kurt Fluri meint, dass Christoph Blocher in einem Interview mit dieser Zeitung die Geschichte nicht korrekt dargestellt hat.

Bilder: Bruno Kissling

Im Interview, das Balz Bruder im Vorfeld der Würdigung bedeutender Solothurner Persönlichkeiten mit Christoph Blocher in der Ausgabe vom 28. Dezember geführt hat, geht dieser zu Recht davon aus, dass, wer die Geschichte nicht kennt, die Gegenwart nicht beurteilen kann. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Geschichte korrekt dargestellt wird. Dies ist bei den Ausführungen Blochers in verschiedener Hinsicht nicht der Fall.

Beim Rütlischwur, ob und wann er auch immer stattgefunden hat, ging es nicht um die Frage der demokratischen Rechte. Diese waren damals völlig unbekannt und im Sinne einer demokratischen Mitgestaltung politischer Fragen ausser Diskussion.

Vielmehr ging es um einen Befreiungskampf genossenschaftsähnlich organisierter bäuerlicher Gemeinschaften gegen eine habsburgische Willkürherrschaft. Vor allem wollten die Innerschweizer den Verkehrsweg nach Süden selbst sichern und bewirtschaften.

Erst nach der Französischen Revolution und im Gefolge der Pariser Revolution von 1830 standen die demokratischen Rechte gegenüber dem in der Restauration wieder errichteten Patriziat im Mittelpunkt. «Die Souverainetet des Volkes soll ohne Rückhalt ausgesprochen werden.» Dies war die zentrale Aussage Josef Munzingers auf der Rösslitreppe am 22. Dezember 1830.

Damit wollte er nicht, wie Blocher es interpretiert, die Regierung dem Volk unterwerfen. Vielmehr wollte er die Herrschaft des Volkes anstelle der patrizischen Führung. Das Regierungssystem des Ancien Régime an sich sollte ersetzt werden und wurde es dann ja auch. Es ging um das politische System, nicht bloss um die Rolle der Regierung. Das ist ein wesentlicher Unterschied.

Ferner behauptet er, Munzinger sei «auch gegen die Beherrschung der Landschaft durch die Städte» angetreten. Aber Munzinger war kein Bauer, sondern ein Oltner Kaufmann. Olten war damals ein vom Patriziat Solothurns regiertes Landstädtchen und ein Zentrum der Opposition gegen die Hauptstadt. Also ging es nicht um den Kampf der Städte gegen das Land, wie es wohl ins Weltbild Blochers mit den linken Städten und der rechten und «echten» Landschaft passen würde.

Und schliesslich stellt Blocher noch alt Bundesrat Ritschard in eine Parallelität mit Munzinger, weil auch er «ein ländlicher Typ» gewesen sei, «kritisch gegenüber der Elite.» Nun war Munzinger wie oben ausgeführt kein ländlicher Typ, sondern ein gewerblicher Vertreter einer unterdrückten Stadt.

Zweitens richtete er sich nicht gegen eine «Elite», sondern gegen eine bloss auf das familiäre Herkommen abgestützte Klassenherrschaft weniger Familien. Ob Ritschard speziell kritisch gegenüber der zeitgenössischen Elite eingestellt war, weiss ich nicht. Schliesslich war er ja nicht primär Arbeiter, sondern Gewerkschaftssekretär. Munzinger aber ging es um etwas anderes.

Diese Beispiele zeigen, wie schwierig und im Prinzip unmöglich ein Vergleich von Ereignissen und Personen ist, die sich in völlig unterschiedlichen Epochen und gesellschaftlichen Umständen bewegen und ereignen. Die Gefahr ist gross, dass derartige Vergleiche durch die Ideologie des Vergleichenden bedingt zu Geschichtsverzerrungen werden.

Das beweist Blocher, indem er als Fazit einmal mehr sein Ceterum censeo einer Dichotomie der Classe politique gegen das Volk wiederholt, eine künstliche Trennung unserer Gesellschaft, die es in der Realität so nicht gibt. Seine ideologische Befangenheit trübt seinen Blick auf Vergangenheit und Gegenwart.

*Kurt Fluri, Stadtpräsident und Nationalrat, FDP, Solothurn

Aktuelle Nachrichten