Post aus Berlin
Der Discount-Bestatter

Ich bin ja nicht lebensmüde. Und Berlin soll nicht meine letzte Reise sein. Aber der Tod lauert nun mal an der nächsten Strassenecke. Redaktionskollege Lucien Fluri schreibt aus Berlin.

Lucien Fluri
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In Berlin hat man das Gefühl, überal Särge kaufen zu können. (Symbolbild)

In Berlin hat man das Gefühl, überal Särge kaufen zu können. (Symbolbild)

Keystone

Bevor ich zum erstbesten Supermarkt oder zur nächsten U-Bahn- gelange: Immer muss ich am Schaufenster mit den Särgen vorbei. Das Discount-Bestattungsinstitut um die Ecke zeigt sie voller Stolz, nachts beleuchtet. Ein schlichter heller Holzkasten, dahinter das wuchtig-barocke Modell. Vorne funkelt die weisse Spanholzkiste, auf der eine riesige rote Rose klebt und Ikea-Charme versprüht. (So viel Kitsch sollte man nicht einmal akzeptieren, wenn man tot ist.) «Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie Ihre eigene Bestattung aussehen soll?», steht auf dem Plakat neben den Särgen. Mich schaudert.

Nun ist es nicht so, dass Berliner offener mit dem Tod umgehen würden. Die Stadt lebt. Dass die Party plötzlich mal ein unfreiwilliges Ende nimmt und ausgetanzt ist, daran wird auch hier niemand gerne erinnert. Aber aufzufallen, das ist nun mal das Geschäftsmodell des Discount-Bestatters. Die Firma ist Berlins erster Billig-Bestatter. Das Geschäft läuft bereits 14 Jahre. «Ein Preisvergleich bei Bestattungen ist nicht pietätlos, sondern entspricht dem Zeitgeist», tönt es auf der Homepage. Über Preise steht im Schaufenster nichts.

Lucien Flury mit seiner Post aus Berlin

Lucien Flury mit seiner Post aus Berlin

az

Ist Geiz auch bei der letzten Reise geil? Meist geschieht das nicht freiwillig. In der Stadt, in der die Zahl der armutsgefährdeten Personen hoch ist, spielt der Preis oft eine Rolle. Rund 40 Prozent der deutschen Hauptstädter werden bereits anonym bestattet, weil es die scheinbar günstigste Variante ist. Erdbestattungsplätze auf den Berliner Friedhöfen sind teurer. Wer an guter Lage liegen will, zahlt etwas mehr – wie bei den Wohnungen zu Lebzeiten. Im Tod sind also doch nicht alle gleich; gleich weiter wie im Leben geht’s zuerst. Ich bin auf der Homepage des Instituts. Wie bei jeder Reise bucht es sich im Netz günstiger. «Um einen individuellen Preis zu finden, geben Sie bitte hier den Sterbeort ein», steht da. Wie bitte, woher kenne ich den? Also Berlin. Für Berliner kostet die Feuerbestattung ab 489 Euro – «inklusive Versand der Urne zum Friedhof». Kremiert wird, so das Gerücht, in Tschechien; quasi eine letzte Reise nach der letzten Reise.
Ich überlege, mir die noch günstigere Variante und kaufe mir wohl einen Velohelm, um das Verkehrsrisiko, die grösste Gefahr in meinem Berliner Leben, zu minimieren. Dann kann ich sicher in die Bar und zurück radeln. Es muss ja weder die «Zyankali»-Bar noch der «Würgeengel» sein.

Unser Redaktionskollege Lucien Fluri arbeitet während dreier Monate bei der «Berliner Zeitung». Er berichtet hier regelmässig von seinen Eindrücken.

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