Pilotprojekt

Drohnen retten Rehkitze vor dem Messer

Mit modernster Technologie könnten Rehkitze künftig vor dem brutalen Mähdrescher-Tod gerettet werden. Jährlich sterben so rund 1500 Tiere. Ein Projekt also zum Wohl der Tiere – aber nicht nur der Rehe.

Ein lautes Summen wie ein Bienenschwarm – langsam schwebt die Drohne über die Öko-Wiese am Waldrand von Schnottwil. Sie hat eine Mission: Rehkitze finden und retten. Vor der Mähmaschine und damit vor dem sicheren Tod. Jährlich kommen so rund 1500 ums Leben, wie der Schweizer Tierschutz STS schreibt. Also kommt nun modernste Technologie zum Einsatz für das Wohl der Tier – und der Bauern.

Walter Eberhard, dem das Feld gehört, sagt: «Wir fahren nicht auf den Bitz, um einem Reh den Kopf abzuhauen. Es ist ein fürchterliches Gefühl, wenn einem ein Kitz in die Maschine gerät. Ich musste auch eines totschlagen, das wir trotz vorheriger Suche übersehen hatten. Aber gerade Öko-Wiesen sind so dicht bewachsen, dass wir ohne technische Hilfe unterwegs sind wie blinde Kühe.»

Pilotprojekt: Drohnen retten Rehkitze

Pilotprojekt: Drohnen retten Rehkitze

Immer wieder kommen Rehkitze beim Mähen um, obwohl Bauern die Wiesen gründlich absuchen. Der Solothurner Bauernverband setzt nun auf Drohnen in der Luft. 

Technische Hilfe bietet im Kanton Solothurn seit diesem Jahr ein Pilotprojekt namens «Drohnen retten Rehkitze». Der Solothurner Bauernverband hat es zusammen mit dem Bucheggberger Jägern und der Busswiler Feinmotion GmbH ins Leben gerufen.

Die Kosten sind ein Knackpunkt

Es ist kurz nach 7 Uhr, als sich die mit Wärmebild-Kamera ausgestattete Drohne in die Luft schraubt. Es muss so früh geflogen werden, denn schon ab 8.30 Uhr sind die Wärmeunterschiede zwischen Rehkitz und Umgebung so klein, dass es schwierig wird, sie aufzuspüren, wie Michael Fluri, Mitgründer der Feinmotion GmbH, sagt.

Eben ist die Sonne hinter den Schleierwolken im Osten verschwunden, die Luft ist morgendlich frisch, knapp unter 15 Grad, die Vögel zwitschern. Die Drohne hat Betriebshöhe erreicht, 50 Meter über dem Feld schwebt sie, gesteuert von Fluri. Im blauen Kapuzen-Shirt steht der schmächtige Drohnen-Pilot vor einem Gerstenfeld. Seine Augen wandern zwischen Drohne und Wärmebild-Aufnahme. Ihr Geld verdienen er und sein Geschäftspartner Marco Tschachtli mit Filmaufnahmen aus der Luft. Deshalb waren sie schon im Besitz des mehrere zehntausend Franken teueren Equipments, das es für die Rehkitz-Rettung braucht.

150 Franken verlangen sie derzeit für einen Flug über eine Parzelle plus Spesen. 9'000 Franken Budget hat das Pilotprojekt. Würde man es flächendeckend im ganzen Kanton umsetzen, rechnet Bauernsekretär Peter Brügger mit fünf bis zehn Mal höheren Ausgaben. Das könnte zum Knackpunkt werden – auch wenn es ums Tierwohl geht. Im doppelten Sinn, wie Brügger betont: «Um das Wohl der Tiere auf dem Feld, aber auch im Stall.»

Es geht also nicht nur um die Wildtiere. Weshalb man auch nicht sagen kann, ob drei gefundene Rehkitze bei bisher acht Flügen die Investition rechtfertigen. Denn ein totes Kitz im Futter kann fatale Folgen haben. «Das Problem ist, dass bei der heutigen Futtertechnik alles verkleinert und vermischt wird. Wenn nun ein Kitz mit reingerät, entsteht bei der Verwesung Botulinumtoxin, ein Nervengift», erklärt Brügger. Ein tödliches Gift.

Vergiftete Kühe und Schafe

Zuletzt verendeten im Kanton Thurgau Ende April 60 Kühe an einer solchen Vergiftung und vor etwas mehr als einer Woche 200 Schafe. Ein Drama. Nicht nur für die Tiere, sondern natürlich auch für die Bauern. Nicht zuletzt auch finanziell: Solche Verluste werden von keinem Privatenversicherer gedeckt, wie Brügger sagt.

Fluri fliegt noch immer. Auf seinem Bildschirm leuchtet die Strasse rot auf, die sich von vorbeifahrenden Autos und Sonne schon leicht erwärmt hat. Auch die Beobachter am Feldrand sind deutlich zu erkennen. Weisse Silhouetten von Menschen. Je wärmer ein Gegenstand, desto heller sieht er ihn auf seinem Screen. Zehn Minuten lotst er sein Arbeitsgerät über das Feld im Hubelacker. Kein Rehkitz weit und breit. Das Feld bereit zum Mähen.

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