Tobs-Uraufführung
Ein Collage-Stück, voll mit philosophischen Ansätzen

Am vergangenen Samstag fand die Uraufführung eines Collage-Stück am Theater und Orchester Biel Solothurn statt. Das Stück mit dem Titel «Verweile doch, Du bist so schön» befasste sich mit dem Zeit.

Fränzi Zwahlen-Saner
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Günter Baumann als Alter ego von Marcel Proust.

Günter Baumann als Alter ego von Marcel Proust.

Joel Schweizer

«Verweile doch, Du bist so schön» – ein kurzes Faust-Zitat wurde zum Titel der dritten Text-Collage von Regisseurin Deborah Epstein und Florian Barth (Bühnenbild, Kostüme und Video), die vergangenen Samstag am Theater und Orchester Biel Solothurn Tobs ihre Uraufführung feierte. Diesem Stück vorausgegangen waren der Bichsel-Abend «Mit wem soll ich jetzt schweigen» und der Robert Walser-Abend «Die Wärme sollte kälter und die Kälte wärmer sein».

In ähnlicher Art soll mit «Verweile doch, du bist so schön» nun von den Machern das Thema Zeit mit seinen Aspekten Erinnern, Träumen und Vergangenheit auf die Bühne gebracht werden. Epstein wählte dazu Texte vorwiegend von Marcel Proust, aber auch von Thomas Mann, Franz Kafka, Fernando Pessoa, Peter Bichsel (der auch vor Ort war) und anderen. Sie alle beschäftigen sich mit dem Zerrinnen der Zeit, langsam oder kurzweilig.

Marcel Proust als Hauptfigur

Hauptfigur und Hauptmotiv in diesem Stück ist Marcel Proust, als älterer Herr (Günter Baumann) und als Jüngerer (Tom Kramer), mit seinem Werk «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit». Viel zitiert und reflektiert wird aus diesem Buch die Episode mit dem Madeleine-Gebäck. Der Erzähler erinnert sich beim Verspeisen dieses Desserts daran, wie er es von seiner Mutter serviert bekommt und wie er sich damals fühlte, was er schmeckte. Diese Szene wird im Stück – nebst weiteren Buchzitaten – gleichzeitig von allen fünf Protagonisten dargestellt.

Somit wird klar: Erinnerungen an Vergangenes und an Träume können positiv, aber auch beängstigend sein. Da blitzt und donnert es plötzlich. Und damit kommt der Gedanke, auch ein Gewitter lässt uns erinnern oder versetzt uns in Gegenwarts- und Zukunftsängste.

Gegenwart wird Vergangenheit

Die darstellerischen Leistungen der Schauspieler (Günter Baumann, Tom Kramer, Atina Tabé, Tatjana Sebben und Barbara Grimm) sind unbestritten. Sie flüstern, schreien, schluchzen sich durch ihre Texte. Oder die Schauspieler bilden einen Gesangeschor, wie er besser nicht sein könnte. Auch die zwei Kinderdarsteller schlagen sich beachtlich. Wenn beispielsweise der junge Silas Glanzmann als Proust-Knabe aus Thomas Manns «Zauberberg» zitiert, ist man einfach platt.

Eindrücklich sind die Musik- und Videocollagen. Besonders jene Bilder, in denen das Theatergeschehen nur Sekunden später gleich als Video zu sehen ist, während weiter gespielt wird: Gegenwart wird sogleich Vergangenheit – nie wurde das deutlicher zelebriert. Die Zuschauer sollen in einen selbst erlebten und gefühlten «zeitlosen» Zustand entführt werden. Ob es dafür nötig ist, dass Jeder und Jede das Geschehen auf der Bühnen allein via Kopfhörer erleben muss?

Am Schluss werden uns nur die Ratten, die Zeitbezwinger, überleben. Das ist das Resümee dieses Theaterabends – ernüchternd und ironisch. Es waren etwas viele philosophische Ansätze, literarische Höhepunkte und visuelle Ausdrucksmöglichkeiten für einen Abend. Man konnte sich jedenfalls des Eindrucks nicht erwehren, dass das Publikum nach eineinhalb Stunden erleichtert war, seine Kopfhörer abnehmen zu können.

www.tobs.ch. Weitere Aufführungen in Solothurn: 24.3.; 3.4.; 29.4.; 18.5.; 24.5. Premiere in Biel: 14.4.

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