Gewässerschutz
Solothurner Behörden mussten Pestizid- Messwerte herausrücken – die Resultate sind ernüchternd bis erschütternd

Was die Öffentlichkeit bis jetzt nicht erfahren durfte, haben die Solothurner Grünliberalen durchgesetzt: Die Herausgabe der Resultate der Pestizid-Messungen im Limpachtal. Die Grenzwerte werden zum Teil um ein Vielfaches überschritten; der Massnahmenplan zum reduzierten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln scheint kaum etwas gebracht zu haben.

Urs Moser
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Kleines Gewässer, grosse Umweltbelastung: Die Pestizidwerte im Limpach sind nach wie vor viel zu hoch.

Kleines Gewässer, grosse Umweltbelastung: Die Pestizidwerte im Limpach sind nach wie vor viel zu hoch.

Oliver Menge

Je nach Standpunkt zum idealen oder zum dümmsten Zeitpunkt ist den Solothurner Grünliberalen – die selber für die Abstimmung über die Pestizidinitiative übrigens Stimmfreigabe beschlossen haben – ein Coup geglückt. Sie haben die Herausgabe der Daten zu den Pestizidmessungen im Limpach im bernisch-solothurnischen Grenzgebiet des Bucheggberg erzwungen, die der Kanton Solothurn noch zurückhalten wollte. Die Resultate sind ernüchternd. Sie deuten darauf hin, dass der 2018 vom Regierungsrat verabschiedete Massnahmenplan für einen zurückhaltenderen Umgang mit Pflanzenschutzmitteln bis jetzt so gut wie nichts gebracht hat.

Grenzwerte zum Teil ganz massiv überschritten

Dass die gesetzlichen Grenzwerte für eine ganze Reihe von Pflanzenschutzmitteln im Limpach nach wie vor überschritten werden, wurde letzten Monat publik. Nicht allein, aber sicher hauptverantwortlich dafür ist der Pestizideinsatz in der Landwirtschaft. Allerdings deutet nichts drauf hin, dass die Bauern mehr oder etwas anderes spritzen als erlaubt. Also beliess man es seitens der kantonalen Behörden dabei, die Landwirte zum zurückhaltenden Pestizideinsatz zu ermahnen. Wie schlecht es um die Wasserqualität genau steht, wissen aber selbst die angeschriebenen Bauern bis heute nicht, und die breite Öffentlichkeit sollte es sowieso erst nach einem vertraulichen Informationsanlass für die Landwirte im September erfahren.

Mit Berufung auf das Öffentlichkeitsprinzip hat die Solothurner glp nun aber mit einem Datenherausgabegesuch erreicht, dass die entsprechenden Analyseresultate zwei Wochen vor der Abstimmung über Trinkwasser- und Pestizidinitiative publik werden. Mit den Rohdaten wird ein Laie nicht viel anzufangen wissen. Die glp hat sie deshalb Fachleuten der Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz zur Begutachtung unterbreitet. Und deren Urteil ist ernüchternd bis erschütternd. 2019 belasteten 10 Pestizide das Limpach-Wasser übermässig, letztes Jahr waren es trotz Massnahmenplan nicht etwa zumindest schon mal etwas weniger, sondern im Gegenteil noch mehr, nämlich 15.

Zu den Pflanzenschutzmitteln, deren Konzentration die zulässigen Grenzwerte schon vor Jahren überschritten und es immer noch tun, gehören etwa die Herbizide Chloridazon und Metamitron. Sie gelten als hochgiftig für Wasserorganismen. Die Konzentration des umstrittenen Herbizids Glyphosat, das im Verdacht steht, krebserregend zu sein, überschreitet den Grenzwert bis zu sechsfach. Das Insektizid Chlorpyrifos ist ein starkes Fischgift und steht im Verdacht, beim Menschen die Entwicklung des Gehirns bei Kindern zu beeinträchtigen. Im Limpach wurde die zulässige Konzentration zeitweise um das Vierfache überschritten. Sogar elf Mal höher als erlaubt war die Konzen­tration eines anderen Insektizids: Cypermethrin ist ebenfalls hochtoxisch für Wasserorganismen, kann die menschlichen Organe schädigen und steht im Verdacht, die Fruchtbarkeit zu beeinträchtigen.Das Fazit der Ärzte für Umweltschutz:

«Der Massnahmenplan, den die Solothurner Regierung nach Vorgaben des Bundes 2018 beschlossen hat, ist am Limpach bisher wirkungslos.»

Neuer Massnahmenplan gefordert, und zwar jetzt

Für glp-Fraktionschef Thomas Lüthi gibt es nur eine Konsequenz: «Der Massnahmenplan muss angepasst und verschärft werden.» Und zwar jetzt, denn es scheine klar, dass die Ziele des gültigen Massnahmenplans bis 2025 (Reduktion der Risiken durch Pflanzenschutzmittel um 50 Prozent) nicht zu erreichen sind. Die glp will in der nächsten Kantonsratssession auch einen Vorstoss einreichen, um ihre Forderung zu untermauern. Der konkrete Inhalt ist noch offen. Auf kantonaler Ebene ein generelles Pestizid-Verbot zu fordern, bringe nichts, räumt Lüthi ein. Aber: Auch wenn die Landwirte gar keine Vorschriften verletzen, resultiere bezüglich Pestizidbelastung ein gesetzeswidriger Zustand, das könne man nicht so stehen lassen.

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