Menschenhandel
In Solothurn werden mehr Frauenhandel-Fälle aufgedeckt als anderswo

Nirgendwo in der Schweiz gibt es im Verhältnis zu den Einwohnern mehr Fälle, bei denen Frauen zu Opfern von Menschenhandel werden. Das soll aber nicht bedeuten, dass hier die Probleme grösser sind.

Sven Altermatt
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Die Opfer von Frauenhandel werden wie Leibeigene gehalten. Oft kommen die Anwerber aus ihrem persönlichen Umfeld. (Symbolbild)

Die Opfer von Frauenhandel werden wie Leibeigene gehalten. Oft kommen die Anwerber aus ihrem persönlichen Umfeld. (Symbolbild)

KEYSTONE

Ein spannender Job, eine anständige Bezahlung, ein besseres Leben. Mit 22 Jahren kommt Yolanda* aus Rumänien in die Schweiz. Angelockt von einem Bekannten, getäuscht mit falschen Versprechungen. Er nimmt ihr den Pass weg. Schickt sie zum Anschaffen in einen Sexsalon. Droht ihr mit Schlägen. Ihren Gewinn muss Yolanda abliefern. Oft mehr als 1000 Franken pro Tag. Die junge Frau hat Schulden und ist ihrem Zuhälter ausgeliefert.

Dann gerät Yolanda ohne Papiere in eine Polizeikontrolle. Sie wird verhaftet.

Frauen in misslicher Lage

Yolanda ist das Opfer von modernem Menschenhandel. Gegen ihren Willen wurde sie zur Prostitution gezwungen. Menschenhandel? Der Begriff scheint an vergangene Zeiten zu erinnern.

Doch die Realität ist eine andere. Auch im Kanton Solothurn: Nirgendwo in der Schweiz gibt es im Verhältnis zur Einwohnerzahl mehr Fälle, in denen Frauen zu Opfern von Menschenhandel werden. 29 Frauen aus Solothurn betreute die Fachstelle für Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) im vergangenen Jahr in ihrem Opferschutz-Programm. Allein 2014 wurden 18 mutmassliche Opfer an die Zürcher Organisation verwiesen. Manche der Frauen müssen als Hausangestellte oder Putzfrauen arbeiten, die meisten werden jedoch im Sexgewerbe ausgebeutet.

Opfer nicht nur im Sexgewerbe

Dreiviertel der Betroffenen von Menschenhandel sind weiblich, schätzt ein Bericht der UNO. Doch Opfer gibt es nicht nur im Sexgewerbe. Auch als Hausangestellte oder als Putzfrauen werden Menschen ausgebeutet. Das Bewusstsein dafür wachse langsam, heisst es bei der Zürcher Fachstelle FIZ. Betroffene befinden sich oft in Arbeitssituationen mit mehrfachen Abhängigkeiten und geschlossenen Netzwerken: etwa in Privathaushalten, in der Landwirtschaft oder in der Baubranche. (sva)

Warum ist die Zahl der Fälle im Kanton Solothurn so hoch? Es könnte an der zentralen Lage liegen: Im Mittelland, entlang der Hauptverkehrsachsen, floriert das Sexgewerbe. Tatsächlich ist das ein Teil der Ursache. Aber eben nur ein Teil.

«Hohe Fallzahlen bedeuten nicht, dass die Probleme in einer bestimmten Region grösser sind», sagt Rebecca Angelini von der FIZ. Im Kanton Solothurn sei der Frauenhandel wohl kaum ausgeprägter als anderswo. «Die Behörden ermitteln hier einfach aktiver.» Mit anderen Worten: Es gibt nicht mehr Fälle – sondern mehr Fälle, die aufgedeckt werden. Wie viele Frauen in der Schweiz von Menschenhandel betroffen sind, weiss niemand genau.

Schätzungen bewegen sich zwischen 1500 und 3000 Opfern. Das Bundesamt für Polizei spricht von einer «erheblichen Dunkelziffer». Die tiefe Aufklärungsquote erklärt sich auch mit der misslichen Lage, in der sich Frauen wie Yolanda befinden: Sie mischen sich unter die Leute, gehen einkaufen und fahren Bus. Eingesperrt sind sie nicht. Doch kaum eine Frau würde von allein zur Polizei gehen. Dafür sorgen ihre Peiniger. «Die Frauen werden unter Druck gesetzt oder erfahren Gewalt», sagt Angelini. Manchmal müssten sie sogar um ihr Leben fürchten.

Gewalt und Racheakte

Ob Sexarbeiterinnen bei einer Polizei-Razzia als Opfer erkannt werden, hängt stark davon ab, in welchem Kanton sie aufgegriffen werden. Solothurn zählt zu den fortschrittlichen Kantonen bei der Bekämpfung von Frauenhandel. Laut der FIZ sind die Behörden durch jahrelange Bemühungen sensibilisiert.

Seit 2006 regelt ein Papier, was bei einem Verdachtsfall zu tun ist. Kantonspolizei, Staatsanwaltschaft und Migrationsamt arbeiten eng zusammen. Im Amt für soziale Sicherheit laufen die Fäden zusammen. Die Vielschichtigkeit der Fälle mache eine Zusammenarbeit nötig, sagt Amtschefin Claudia Hänzi. «Frauenhandel betrifft mehrere Rechtsgebiete wie das Strafrecht, das Ausländerrecht und das Opferhilferecht.»

Mit der Fachstelle FIZ besteht eine Leistungsvereinbarung. Mitarbeiter betreuen die Opfer und bringen sie an einem sicheren Ort unter. Die Frauen kriegen von den Behörden eine Bedenkzeit. Meist sind es 30 Tage. Während dieser Zeit können sie sich von ihren Strapazen erholen, denn bald haben sie einen schwierigen Entscheid zu fällen: Wollen sie weiterhin mit den Behörden zusammenarbeiten?

Juristen nennen es «gewerbsmässigen Menschenhandel» oder «Förderung der Prostitution», was Yolandas Peiniger ihr angetan hat. Vor Gericht landen solche Fälle selten. Keine einzige Verurteilung gab es 2014 im Solothurnischen. Die Tatbestände sind schwierig nachzuweisen, die Ermittler sind auf die Opfer angewiesen. Darin liegt ein weiteres Problem: Oft scheitern die Verfahren, weil die Opfer nicht aussagen wollen. Sie fürchten sich vor Racheakten.

Die Betreuung der betroffenen Frauen ist für Amtschefin Hänzi darum «von zentraler Bedeutung». Eine unabhängige Stelle helfe ihnen, Vertrauen herzustellen. Bezahlt werden die entsprechenden Massnahmen über den Opferhilfekredit.

Mehr Schutz gefordert

Rebecca Angelini von der FIZ betont, dass ihre Organisation niemanden zu einer Aussage überrede. «Wir betreuen die Frauen unabhängig davon, ob sie aussagen oder nicht.» Mehr als die Hälfte der Betroffenen sind heute bereit, als Zeugin auszusagen. Ihre rechtliche Situation bleibt aber unsicher. Denn die Frauen leben meist illegal oder ohne gesicherten Status in der Schweiz. Bis zum Ende eines Strafverfahrens erhalten sie die Bewilligung für einen Kurzaufenthalt. Ob sie als Härtefall anerkannt werden und unbefristet bleiben dürfen, zeigt sich erst Jahre später.

Die Bedingungen sind also klar abgesteckt: Schutz bekommt nur, wer in einem Strafverfahren aussagt. Das genügt nach Einschätzung der FIZ noch nicht. «Viele Frauen wollen ohnehin in ihr Herkunftsland zurückkehren», sagt Angelini. Es gebe aber Fälle, in denen eine Rückkehr unverantwortbar wäre. Sie fordert: Jede Betroffene muss geschützt werden, auch wenn sie nicht aussagen will.

Yolanda will nicht mehr schweigen. Sie erzählt der Polizei von ihren Torturen. Doch ihr Zuhälter ist verschwunden. Hat er sich ins Ausland abgesetzt? Muss er sich jemals für seine Taten verantworten? Solange Yolanda diese Fragen nicht beantworten kann nicht, lebt sie in Angst.

*Name geändert. Das geschilderte Schicksal ist ein Fallbeispiel aus der Opferhilfepraxis.

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