Kanton Solothurn
Rückblick: ein Stück Geschichte des Kantonalen Drogenstabes

Auf einen Kaffee mit Walter Studer, erster Präsident des Kantonalen Drogenstabes, Architekt – und Weinhändler. Der 80-Jährige blickt auf die Zeit seines damaligen Amtes zurück und erzählt vom Umgang mit der damals offenen Drogenszene.

Urs Mathys
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Bis heute engagiert: Walter Studer, 80-jährig, arbeitet immer noch in den Familienbetrieben Architekturbüro und Vinothek mit.

Bis heute engagiert: Walter Studer, 80-jährig, arbeitet immer noch in den Familienbetrieben Architekturbüro und Vinothek mit.

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Offene Drogenszenen in Olten und Solothurn, blutverschmierte öffentliche WC-Anlagen, herumliegende gebrauchte Spritzen in Parks, allein 1992 zwei Drogentote in der Region: In den Achtziger- und Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts war die Welt auch im Kanton Solothurn alles andere als heil. Eine Herausforderung für die Gesellschaft. Dass in dieser Zeit die Stimmung in Bevölkerung und Politik nicht kippte, war primär dem Wirken des 1983 eingesetzten Kantonalen Drogenstabes zu verdanken. Und dem Geschick von Walter Studer, Präsident in der Zeit von 1983 bis 1995. Mehr als nur ein Grund genug für einen Blick in eine noch gar nicht so lange zurückliegende Vergangenheit, bei einem Kaffee mit dem heute 80-Jährigen.

Den letzten «Stupf» gab ihm der Abschiedsbrief einer 14-Jährigen

Was hat ihn persönlich denn zur Übernahme dieses zeitaufwändigen Nebenamtes – praktisch ein 25-Prozent-Pensum – bewogen? Studer weiss es noch ganz genau: «Der herzergreifende Abschiedsbrief eines 14-jährigen Mädchens an seine Eltern. Dieses war voll in den Drogen und beging Selbstmord, weil es seine Familie nicht weiter belasten und leiden sehen wollte.»

Seine Zusage hatte Studer aber an mehrere Voraussetzungen geknüpft: «Ich verlangte, dass ich bei der Zusammensetzung des Gremiums mitreden kann. Ich machte zur Bedingung, dass die Chefs dabei sind: der Kantonsarzt, der Kantonsapotheker, der Kommandant der Kantonspolizei, Vertreter des Erziehungsdepartements, aber auch Mediziner, Leute von der Sozialarbeit und Vertreter aller Kantonsrats-Fraktionen.»

Diese breite Abstützung sollte sich auszahlen: Indem zum Beispiel der Polizeikommandant dabei war, fanden die Vorschläge des Drogenstabes auch die Akzeptanz im Polizeikorps. Die beteiligten Vertreter der Sozialarbeit merkten ihrerseits, dass «die andere Seite gar nicht so daneben» war. Und die Parteienvertreter schliesslich konnten in ihren Fraktionen mit Überzeugung für Vorlagen und finanzielle Begehren des Drogenstabes werben. «Dass alles auch administrativ funktionierte, dafür sorgte das Sekretariat, das beim Sanitätsdepartement angesiedelt war», hält Studer dankbar fest.

Stolz ist er darauf, dass er im Drogenstab «in all den Jahren nie eine eigentliche Abstimmung durchführen musste. Mein Ziel war nach gehabter Diskussion immer Einigkeit. Im Bewusstsein, dass es nur miteinander geht, brachten alle den nötigen Goodwill auf.» Wäre dies wohl heutzutage auch noch möglich, Walter Studer?: «Ich glaube, es wäre jetzt nicht mehr so einfach – bei dieser massiven Polarisierung in der heutigen Politik.»

Für eine «liberale, soziale und christliche Drogenpolitik»

Was nicht zuletzt dank der Vorarbeiten und dem Zutun des Drogenstabes resultierte, kann sich auch aus heutiger Sicht sehen lassen. Ausdruck der vom Kanton Solothurn damals verfolgten «liberalen, sozialen und christlichen Drogenpolitik» ist das Mitte der Neunzigerjahre erlassene Suchthilfegesetz, das in der Folge auch in anderen Kantonen auf Interesse stiess.

Als weitere Beispiele nennt Walter Studer die Einführung der ärztlich kontrollierten Heroinabgabe oder dass das «Schöngrün» als erstes Gefängnis der Schweiz sterile Spritzen und dann auch Heroin an suchtkranke Insassen abgab. «Der damalige Bundesrat Flavio Cotti und sein Departement standen der ärztlich kontrollierten Heroinabgabe zuerst sehr skeptisch gegenüber», erinnert sich Studer: «Eine Solothurner Delegation fuhr deshalb nach Bern und setzte sich dort erfolgreich für das Anliegen ein».

Nachgeholfen hätten dabei zweifellos die fürchterlichen Bilder von den offenen Drogenszenen im Land. Nicht nur in Zürich oder Bern – in der Solothurner Vorstadt gaben sich zeitweise über 100 Personen täglich ihren «Schuss» und in Olten sah es auch nicht besser aus. Glücklich ist Studer rückblickend darüber, «dass auch das Volk die Problematik erkannt hatte und begriff, dass gehandelt werden muss. Dass die ‹Drögeler› nicht einfach Nichtsnutze sind und selber an allem schuld – sondern Kranke, die Hilfe brauchen.»

Als Vinothek-Betreiber jetzt selber «eine Art Drogenhändler»

Studer sieht die heutige Drogenpolitik der Behörden «auf guten Wegen». Die Prävention erachtet er als ein wichtiges Standbein, das andere müssten Verständnis und Hilfestellung sein, «denn jeder Mensch ist ein Individuum.» Zu aktuellen Forderungen nach einer Legalisierung von Cannabis will sich der Unruheständler nicht äussern: «Das müssen die heutigen Fachleute und Politiker beurteilen und entscheiden.» Doch stelle heute in Wirklichkeit «der Alkohol eines der grössten, auch öffentlich sichtbaren Drogenprobleme dar», ist Studer überzeugt: «Die jungen Menschen lernen nicht, damit umzugehen, und die Alcopops sind halt wie Zuckerwasser zu trinken.»

Apropos Alkohol: Ironisch bezeichnet sich Walter Studer selber als «eine Art Drogenhändler»: Vor 17 Jahren eröffnete er – parallel zum Architekturbüro – im Oltner «Hübeli» die gleichnamige Vinothek. Diese wird heute zwar primär von einem seiner zwei Söhne betrieben. Aber Studer schätzt den «Wein als uraltes Kulturgut, das man pflegen und geniessen darf. Aber eben: verantwortungsbewusst und mit Mass».

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